Bilanz des 1860-Sportchefs unter der Lupe

Versetzung gefährdet! Arbeitszeugnis für Poschner

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Gerhard Poschner gibt alles für seinen Verein - seine in Spanien lebende Familie sieht er nur selten.

München - Seit einem Jahr ist Gerhard Poschner Geschäftsführer Sport beim TSV 1860 München. Was hat sich unter seiner Führung getan? Welche Entwicklung haben die Löwen genommen? Ein vorläufiges Arbeitszeugnis:

Die Vorschusslorbeeren waren groß, als der TSV 1860 München die wichtige Personalie bekannt gab: Am 11. April 2014 wurde Gerhard Poschner als neuer Geschäftsführer Sport präsentiert. Vom „idealen Kandidaten für 1860“ schwärmte Präsident Gerhard Mayrhofer. „Er passt perfekt zu uns“, erklärte Noor Basha, Mitglied des Löwen-Aufsichtsrats. Und Poschner selbst fand: „Die Löwen sind genau das Richtige für mich, wir wollen gemeinsam etwas bewegen.“

Knapp ein Jahr ist nun vergangen – und bewegt hat sich bei den Blauen tatsächlich einiges. Nur nicht zum Guten...

Vorläufiges Zeugnis für Poschner in vier Bereichen

Als Poschner seinen Dienst antrat, stand 1860 auf Platz 9, die Saison 2013/14 beendeten die Sechzger als Siebter mit 48 Punkten. Aktuell befindet sich der Traditionsklub jedoch in akuter Abstiegsgefahr. Rang 15, den die Löwen derzeit einnehmen, würde zwar zum Klassenerhalt reichen, doch die letzten vier Mannschaften der Zweitliga-Tabelle liegen gerade einmal drei Punkte auseinander – der Saisonendspurt wird zum wahren Abstiegskrimi!

Warum bewegt sich also nichts zum Guten? Hat der Geschäftsführer Sport Gerhard Poschner versagt? "Letztlich ist man als Sportchef für alles verantwortlich. Natürlich hat man nicht alles richtig gemacht, wenn man auf Platz 15 steht. Wenn man da unten ist, hat man kaum argumente", sagt er selbst. Wir nehmen die bisherige Bilanz des 45-Jährigen unter die Lupe und stellen Poschner ein vorläufiges Arbeitszeugnis aus. Wir beschränken uns dabei allerdings auf die aktuelle Saison 2014/15.

Die nackten Zahlen

Seit Poschner alleinverantwortlich seinen Dienst an der Grünwalder Straße angetreten hat, absolvierten die Löwen 27 Spiele in der 2. Bundesliga. Davon wurden gerade mal sechs Partien gewonnen, dazu acht Mal die Punkte geteilt, 13 Mal schlichen die Blauen als Verlierer vom Platz. Das bedeutet einen Schnitt von 0,96 Punkten pro Spiel*. Auf eine ganze Saison mit 34 Spieltagen hochgerechnet wären das in der Endabrechnung aufgerundet 33 Punkte – also satte 15 Zähler weniger als in der Vorsaison. Mit 33 Zählern wäre 1860 in den vergangenen fünf Zweitliga-Spielzeiten drei Mal direkt abgestiegen, ein Mal hätte diese Endausbeute knapp für den Klassenerhalt gereicht, ein Mal hätte die Relegation gedroht.

* In einer früheren Version des Textes war der Punkteschnitt falsch berechnet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Teilnote: 4-5, zwischen ausreichend und mangelhaft. Sollte 1860 den aktuellen Punkteschnitt beibehalten, dürfte es mit dem Klassenerhalt wohl eng werden. Damit hätte Poschner die Versetzung nicht geschafft.

Die Trainer

Seit Poschner hauptverantwortlich bei den Löwen tätig ist, steht bereits der dritte Cheftrainer an der Seitenlinie. Der bei Poschners Amtsantritt noch aktive Friedhelm Funkel musste im April 2014, also kurz vorher, seine Koffer packen und wurde zunächst von Interimscoach Markus von Ahlen beerbt. Als Nachfolger und neuen Hoffnungsträger holte Poschner Ricardo Moniz nach München. Der Niederländer verbreitete zu Saisonstart Aufbruchstimmung, gab sogar die Meisterschaft in Liga 2 als Ziel aus. Ende September war das Kapitel Moniz allerdings schon wieder beendet, es übernahm erneut der bisherige Co-Trainer Markus von Ahlen. Doch auch der durfte nur fünf Monate lang sein Glück versuchen, Ende Februar zog Poschner die Reißleine und entließ auch von Ahlen.

Es folgte eine eher mäßig erfolgreiche Nachfolger-Suche, die gehandelten Kandidaten sagten entweder ab oder fanden nicht die Zustimmung von Investor Hasan Ismaik. So installierte Poschner schließlich Torsten Fröhling auf dem Cheftrainerposten. Der konnte zwar keine Erfahrung als Coach im Profigeschäft nachweisen, leistete aber bei der Regionalliga-Vertretung der Blauen gute Arbeit. "Diese Entscheidung habe ich ganz alleine getroffen“, erklärte Poschner damals. Insofern muss er sich auch an den Ergebnissen Fröhlings messen lassen.

Teilnote: 5, in Schuldeutsch ausgedrückt: "Die Leistung entspricht nicht den Anforderungen, lässt jedoch erkennen, dass die notwendigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können." Sollte Fröhling scheitern, ist auch Poschner gescheitert.

Das Personal

Der Kader des TSV 1860 München ist Poschners wohl größte Baustelle. In seiner ersten Transferperiode im Sommer 2014 verließen sage und schreibe 13 Akteure die Löwen, zehn Neue kamen. Der Umbruch war gewollt, Poschner verkündete seine Idee damals mit folgenden Worten: „Wir möchten künftig attraktiven, offensiven Fußball spielen. Unserer Meinung nach ist 4-3-3 dafür das ideale Spielsystem.“ Doch die Zweitliga-Realität war und ist eine andere, von den Sommer-Neuzugängen erwies sich lediglich Stürmer Rubin Okotie als echter Volltreffer.

Im Winter 2014/15 folgte dann des Umbruchs zweiter Teil. Von sechs Spielern trennte Poschner sich, holte dafür nochmal drei Neue. Von diesen erweisen sich zumindest Jannik Bandowski und Krisztian Simon in Ansätzen bislang als Verstärkung. Tony Annan spielt unter Torsten Fröhling hingegen keine Rolle mehr.

"Man kann immer darüber diskutieren, ob der Umbruch in dieser Saison zu radikal war. Wir haben die Mannschaft stark verjüngt, nach und nach Spieler aus unserem eigenen Nachwuchs eingebaut, dabei das Budget für den Kader reduziert und Transfererlöse erzielt. Diese Maßnahmen haben wir alle gemeinsam beschlossen, aber irgendwie ist dieses Jahr der Wurm drin", sagt Poschner.

Hinzu kommt die fehlende oder zumindest wackelige Linie gegenüber den Spielern: In der aktuellen Saison präsentierten die Löwen schon drei verschiedene Torhüter (Kiraly, Ortega, Eicher), die natürlich zu ihrer Zeit alle als Nummer eins ausgerufen wurden, und drei verschiedene Kapitäne (Weigl, Schindler, Adlung). Eine Entwicklung für die neben Poschner natürlich auch der jeweilige Trainer verantwortlich war. Unterm Strich bleibt jedoch der Eindruck: Kontinuität und eine stabile Kaderplanung sehen anders aus..

Teilnote: 4-, knapp ausreichend, dank „Ausreißer“ Okotie und den zahlreichen Verletzungen, aufgrund derer einige Neuzugänge ihr volles Potenzial noch nicht abrufen konnten.

Die Stimmung

Als im vergangenen Sommer bei der offiziellen Saisoneröffnung der 1860-Kader mit den neuen Spielern und dem neuen Trainer Moniz vorgestellt wurde, verbreiteten Poschner & Co. Aufbruchstimmung, sogar eine neue, offizielle Vereinshymne wurde mit großem Tamtam vorgestellt. Die Löwen-Anhänger durften leise von einer starken Saison träumen. Strömten zum ersten Heimspiel noch über 30.000 Fans in die Arena, sank der Schnitt im Laufe der sportlich dürftigen Hinrunde jedoch kräftig, vor Weihnachten kamen nur noch knapp 14.000 Hartgesottene nach Fröttmaning. Nach der Entlassung von von Ahlen machten mehrere 1860-Fans am Trainingszentrum ihrem Ärger Luft. Präsident Mayrhofer und der kaufmännische Geschäftsführer Markus Rejek stellten sich den aufgebrachten Kritikern.

Immerhin hält der harte Kern der Anhänger weiter zum Team und unterstützt es im Stadion nach Leibeskräften, auch gegen vermeintlich unattraktive Gegner wie zuletzt Aalen oder Aue. Ein Großteil der Fans schwankt jedoch zwischen Fatalismus und Enttäuschung, für junge Fußballinteressierte aus München entwickelt der große Rivale FC Bayern inzwischen deutlich mehr Anziehungskraft, die Fanbasis droht zu vergreisen.

Teilnote: 4, ausreichend. Poschner ist nicht direkt für die schlechte Stimmung rund um die Löwen verantwortlich zu machen, trägt aber mit seinen Personalentscheidungen in Sachen Kader und Trainer sein Scherflein dazu bei.

Fazit

Eine 4, ein Mal die 4-, eine 4-5 und eine 5 – im Abschlusszeugnis würde ein solcher Schnitt am Ende gerade noch eine 4 ausspucken. Die Versetzung ist gerade so geschafft, die Leistung weist zwar Mängel auf, entspricht aber im Ganzen noch den Anforderungen. Gerhard Poschner hat in seiner ersten Saison als 1860-Sportchef nicht alles falsch, bei weitem aber auch nicht alles richtig gemacht. Sollte der Klassenerhalt gelingen, darf Poschner vermutlich erneut sein Glück versuchen. "Ich glaube zu 100 Prozent, dass wir die schwierige Situation überstehen. Ich glaube an dieses Team", gibt sich Poschner optimistisch. Im Abstiegsfall wäre er als der Hauptverantwortliche allerdings nicht mehr tragbar. Und eine 4 als Abschlussnote wäre dann auch nicht mehr vermittelbar...

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