„München Mord“-Team ermittelt in Giesing

TSV 1860 München: „München Mord“ ermittelt zu Mordfall in der Löwen-Fanszene

Ermittlungen im Milieu der Löwen: Alexander „Schaller“ Held, Marcus „Neuhauser“ Mittermeier und Bernadette „Flierl“ Heerwagen bei den Dreharbeiten im Grünwalder Stadion – und im Pressehaus unserer Zeitung zum Interview
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Ermittlungen im Milieu der Löwen: Alexander „Schaller“ Held, Marcus „Neuhauser“ Mittermeier und Bernadette „Flierl“ Heerwagen bei den Dreharbeiten im Grünwalder Stadion – und im Pressehaus unserer Zeitung zum Interview

Im Interview mit Ludwig Krammer gehen die Hauptdarsteller von „München Mord“ auf den Mordfall bei der Sechziger Fanszene und ihre Verbindung zum Klub ein.

  • Die ZDF-Krimi-Reihe „München Mord“ dreht eine ihrer Episoden in München Giesing.
  • Die Ermittler sollen einen Mordfall in der Fanszene des TSV 1860 München aufdecken.
  • Schauspieler Alexander Held spielte selbst im Nachwuchs der Löwen.

München – Ausnahmezustand heißt der elfte Fall der erfolgreichen Krimi-Reihe „München Mord“. Dieses Mal verschlägt es das seit 2013 aktive Ermittler-Trio Schaller/Neuhauser/Flierl nach Giesing in die Heimat der Löwen, wo ein Mord die gespaltene Fanszene aufschreckt, aber nicht eben gesprächiger macht… Atmosphäre, schräge Charaktere, schwarzer Humor – „Ausnahmezustand“ dürfte keinen Freund der Reihe enttäuschen. Anlässlich der Erstausstrahlung an diesem Samstag (ZDF, 20.20 Uhr) baten wir die Hauptdarsteller Alexander Held (61, Schaller), Marcus Mittermeier (51, Neuhauser) und Bernadette Heerwagen (43, Flierl) zum Interview ins Verlagshaus. Begleitet wurde das Trio von Produzent Sven Burgemeister (54), der interessante Hintergrundinfos zum Entstehungsprozess beisteuern konnte.

Herr Burgemeister, Ihr Film kommt in paar Wochen zu spät – beim TSV 1860 ist inzwischen der Frieden ausgebrochen…

Burgemeister: Zu spät? Es ist nie zu spät (lächelt)… Und wer traut bei Sechzig schon welchem Frieden?

Heerwagen: Danke, das war’s, alles gesagt. Dann können wir jetzt ja wieder gehen (alle lachen).

Burgemeister: Ich wünsche mir nicht, dass das ein trügerischer Frieden ist. Aber auch in Friedenszeiten sollte man sich ruhig daran erinnern, dass es auch mal nicht so gut lief bei Sechzig – als mahnendes Zeichen.

Held: Und die Löwen-Fans sind im Moment ja auch außen vor. Wahrer Frieden wird sich erst im Stadion zeigen, wenn die Leute im alten Umfang wieder präsent sein dürfen.

Mittermeier: Außerhalb der Fan-Interna finde ich den Film jetzt einfach großartig platziert, weil das Thema „Dürfen Fans einem Fußballspiel beiwohnen?“ total aktuell ist. Die Sehnsucht nach Live-Erlebnissen ist riesig. Gleich in der Anfangsszene gehen wir mit einer Masse von Fans aus dem Stadion, wo ich jetzt beim Anschauen sag: Scheiße, war das schön! Heerwagen: Ja, das sieht schon fast absurd aus jetzt – als wenn es ewig her wäre… Held: Verrückt. In Sachen Stimmung war es durchaus ein Experiment, wesentliche Szenen an einem Spieltag zu drehen. Nach unseren Informationen hatten die Löwen die Partie im Herbst 2019 gewonnen, nicht wie im Film 1:4 verloren…

Held: Das stimmt. Aber du konntest es an den Gesichtern trotzdem kaum ablesen, wie das Spiel ausgegangen war.

Mittermeier: Die die singen, singen immer, und die anderen haben immer schlechte Laune (lacht).

Held: Vielleicht war der Sieg auch nicht überzeugend genug, ich weiß es nicht. Was ich weiß: Die Fans, mit denen wir zusammengearbeitet haben, waren sensationell, die haben sich eingebracht, das war eine Freude.

Heerwagen:Die Leute hatten das Gefühl, dass sie für ihr Viertel was tun – mit ganzem Herzen.

Waren Sie gleich angefixt vom Drehbuch?

Alle drei: Sofort!

Mittermeier: Fußball im Film ist ja schwer zu catchen. Das Spiel an sich funktioniert nicht mit Schauspielern, die nicht gscheid Fußballspielen können. Was geht, ist die Metaebene, das Fan-Sein, die Identifikation mit einem Verein, einem Viertel. Da war es ein Glücksfall, in Giesing drehen zu können.

Heerwagen: Das Besondere war ja, dass wir die Geschichte praktisch an einem Tag erzählen. Vom Abpfiff des Spiels bis tief in die Nacht. Wir haben in diesen vier Wochen die Hälfte am Tag gedreht, die andere nachts. Das war schon eine Herausforderung, die Geschichte so zu erzählen, dass sie spannend bleibt bis zum Ende. Die treffend gezeichneten Charaktere, Details wie der Bierverkauf am Fenster, der Schauplatz „Schaumamoi“ (im Film: Kronenstüberl) – bei Autor Friedrich Ani merkt man, dass er das Viertel bestens kennt.

Held: In und auswendig. Es ist ja immer von Giesings Höhen die Rede, im Buch hat der Fritz auch Giesings Untiefen ausgelotet – diese Mischung macht’s.

Burgemeister: Es ist eine Geschichte über das wahre Leben, die Fritz und Ina (Jung, Co-Autorin) geschrieben haben. Über den Zusammenhalt in Zeiten der Gentrifizierung mit all ihren unschönen Begleiterscheinungen. Der Fußball ist nur der Aufhänger und die Projektionsfläche. Der Film ist deshalb auch für Nicht-Fußballfans ganz besonders unterhaltsam.

Bei den Löwen-Fans setzen Sie auch eine gute Portion Selbstironie voraus. Ein Bekannter, Sechzger seit Ewigkeiten, textete mir nach Vorab-Ansicht: „So, jetzt weiß dann wenigstens ganz Deutschland, was wir für ein Grattlerverein sind.“

(Alle lachen laut) Heerwagen: So war’s aber nicht gemeint. Mittermeier:Gar nicht.

Burgemeister: Die Fähigkeit zur Selbstironie schadet nie und wir wollten die Löwen-Fanszene sicher nicht lächerlich machen. Es geht ernsthaft um Zugehörigkeit, das hat was Religiöses, Kathartisches…

Mittermeier: Der Film ist eine Liebeserklärung an Giesing und an das Lebensgefühl Sechzig. Für Nicht-Fans mag die Ernsthaftigkeit vielleicht befremdlich wirken, aber so ist das halt.

Viel Selbstironie bei den Fans von TSV 1860 München

Den Part des Provokateurs haben Sie, Frau Heerwagen.

Heerwagen: Ich bin im Film ja kein Fan, sondern nur zum Spiel mitgegangen mit dem Neuhauser. Da lass ich halt dann ein paar Sprüche los in seine Richtung.

Sie stellen auch Grundsatzfragen zum Fan-Dasein an sich.

Heerwagen: Ich stelle die Frage, wie weit man gehen würde für den Fußball. Ob der Fußball das wahre Leben ist oder eben eine Nebensache. Ich glaube, dass ich damit vielen Leuten aus der Seele spreche. Nein, Fußball ist nicht der Nabel der Welt. Aber für andere halt doch.

Wie sehen Sie’s selbst?

Heerwagen: Ich mag Fußball, aber ich bin keine Fußballverrückte. Durch meinen Bruder Philipp (Heerwagen, Torhüter beim SV Sandhausen, früher Haching, Bochum, St. Pauli/d.Red.) hab ich natürlich eine Verbindung. In Unterhaching hab ich geübt als Fan, ich war auch in Berlin als er dort mit Bochum gespielt hat, auch in der Allianz Arena. Und bei St. Pauli bin ich dann hängen geblieben. Die Stimmung am Millerntor hat mich gepackt.

Sie, Herr Mittermeier, halten im Film leidenschaftliche Plädoyers für die Löwen-Werte Aufrichtigkeit und Zusammenhalt – egal in welcher Liga. Wie schwer fällt es Ihnen als Bayern-Fan, den Tiefblauen zu spielen?

Heerwagen: Uii, kommt das jetzt in der Zeitung, dass der Marcus ein Roter ist?

Das dürfte sich bei unseren Lesern schon herumgesprochen haben…

Mittermeier: Und wenn nicht, dann halt jetzt (lacht). Ich kann ja nix dafür, weil ich quasi von Geburt an Bayern-Fan bin – durch meinen Vater. Ich hab den Sepp Maier Mitte der Siebziger Jahre nach der Ente hechten sehen im Olympiastadion. Gegen Bochum war das, glaub ich. Damals hat mal auch noch leicht Karten bekommen.

Marcus Mittermeier spielt Löwenfan als Bayern-Sympathisant 

Nicht abschweifen...

Mittermeier: Ich hab ein bissl ausholen müssen, hilft nix. Was ich sagen will: Als Schauspieler verkörpere ich ja immer andere, das ist der Beruf. Ich hab mir den Löwen-Fan mit Herzblut zu eigen gemacht. Und ich hab ja auch Sympathien, so ist es nicht. Trotzdem haben mich die Fans im Film natürlich ein Stückerl distanzierter behandelt, als sie gewusst haben, wie es in meiner Seele ausschaut. Aber es war trotzdem sehr menschlich.

Sie dagegen sind ein echter Blauer, Herr Held.

Held: Petar Radenkovic war da ausschlaggebend – wie bei so vielen älteren Fans. Der Radi hatte die Angewohnheit, dass er nach Weitschüssen oft einen Tick länger auf dem Ball liegen geblieben ist als notwendig. Du wusstest nicht, ob er ihn hat oder ob er ihm doch noch durchrutscht. Das waren Sekunden, in denen das ganze Stadion den Atem angehalten hat. Und dann: Zack, aufgestanden, Ball raus, bin i Radi bin i König – und weiter ging’s! Ein Entertainer.

Sie haben auch für 1860 gespielt.

Held: Ich war bis zur A-Jugend bei 1860, wird sind viermal Jugendmeister geworden, dann hab ich mich bei einem Spiel in Budapest schwer an der Schulter verletzt, Knochen abgesplittert – danach war’s vorbei. Als A-Jugendlicher hab ich sogar ein paarmal oben mittrainieren dürfen bei Max Merkel in seiner zweiten Trainerzeit. Das waren schon Erlebnisse. Und zu Bayern: In der Jugend haben wir sie meistens geschlagen, das werd ich auch nie vergessen. Der Gerd Müller hat mal zugeschaut – und uns Blauen nach dem Sieg ein Tragl Spezi ausgegeben, als Anerkennung.

Alexander Held spielte selbst für die Sechziger in der Jugend

Wie oft sind Sie heute noch im Stadion?

Held: Viel zu selten. Wenn es irgendwann wieder normal zugeht, dann werd ich sicher mal wieder hinschauen. Die letzten Jahre war ich einfach zu viel unterwegs beruflich –da war der Fernseher dann oft näher als das Stadion.

Mittermeier: Ich wohne in Regensburg, das ist jetzt auch nicht der allernächste Weg nach München. Aber ich schau mir auch den Jahn an, Respekt vor der Entwicklung! Das letzte Mal in der Arena war ich gegen Liverpool beim 1:3, das war jetzt nicht ganz so berauschend.

Könnten Sich sich auch eine Bayern-Folge „München Mord“ vorstellen?

Burgemeister: Vielleicht nicht so selbstironisch und nur im blauen Giesing, aber ansonsten… na klar, warum denn nicht?
Mittermeier: Verlieren wäre bei Bayern halt unglaubwürdig.
Held: Also ich könnte mir da schon was vorstellen, was Historisches… So eine Geschichte rund um das Finale dahoam... Gut, aber da ginge es dann eher um Selbstmord… (alle lachen)
Mittermeier: Und ned nur um einen!
Heerwagen: Makaber, makaber… Aber trotzdem gute Idee, das werden wir nächstes Jahr aufgreifen!

Ich muss Sie noch was Spezielles fragen, Herr Held.

Held: Gerne.

Als Ludwig Schaller leben Sie in der Serie von Ihren Visionen, auch in der neuen Folge wieder ganz intensiv. Welche Vision haben Sie für 1860?

Held: Das ist jetzt natürlich eine wegweisende Frage (lacht laut). Sie haben’s ja vorher schon angesprochen, momentan fährt man in ruhigeren Gewässern bei Sechzig, ich halte das für sehr vernünftig. Weil bei uns im Film-Team ist es ja ähnlich. Man muss nicht mit jedem Freund sein, aber in der Arbeit braucht’s ein gemeinsames Ziel. Und das sollte man gemeinsam verfolgen. Ich bin mir sicher, dass die Fans ihren Beitrag zum Frieden leisten werden. Mehr Einigkeit würde dem Gesamten schon sehr gut tun.

Und noch eine Fachfrage zum Schluss: Was hat es mit dem angeblichen Giesinger Brauch auf sich, dass die Männer den Frauen am Samstag Blumen schenken? Ich hatte bis zum Film noch nie was davon gehört.

Mittermeier:Ich auch nicht. Heerwagen: Aber ein schöner Brauch ist das!
Burgemeister: Das kommt von unseren Autoren und denen glaub ich das. Wenn sich einer mit den Frauen aus Giesing und Blumen auskennt, dann ist das der Fritz Ani.


Interview: Ludwig Krammer

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