„Sechzig fasziniert mich einfach“

Gorenzel im Interview: So will ich die Löwen besser machen

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Günther Gorenzel im Gespräch mit den tz-Redakteuren Ludwig Krammer (l.) und Florian Fussek.

Im tz-Interview verrät Günther Gorenzel, wie seine tägliche Zusammenarbeit mit Coach Daniel Bierofka abläuft. Außerdem spricht der neue Sportliche Leiter der Löwen über Neuzugang Michael Görlitz und seine bisherigen Stationen.

München - Seit knapp zwei Wochen ist Günther Gorenzel der neue Löwen-Sportchef – und derzeit im Transferstress. Der Test gegen Pullach wurde abgesagt mehr Zeit für Gorentzel, von 2006 bis 2008 bei 1860 Co-Trainer und von 2014 bis 2016 Junioren-Cheftrainer der Löwen war. In der tz zieht er seine erste Bilanz.

Herr Gorenzel, Sie trinken keinen Kaffee? Sehr ungewöhnlich für einen Österreicher.

Gorenzel: Ich fühle mich der deutschen Mentalität eher verbunden. Ich habe mir erklären lassen, wie das entsteht. Österreich ist ein Vielvölkerstaat mit Einflüssen vom Balkan und Italien. Wir haben deswegen eine Lebe-Mentalität, bei uns ist es gemütlicher und wir sind sehr gastfreundlich. Das sind natürlich positive Attribute. Was aber strukturierte Herangehensweise und die Umsetzung von Dingen angeht, ordne ich mich eher den deutschen Tugenden zu.

In Ihrer Karriere hatten Sie es mit vielen Mentalitäten zu tun.

Gorenzel: Rubin Kazan war für mich brutal prägend. Damals hatten wir eine Weltauswahl. Da hat jeder Spieler die gleiche Spielszene in der Videoanalyse anders gesehen. Da nimmt man die unterschiedlichen Zugänge wahr. Am Ende des Tages sind Charakter, Mentalität und Persönlichkeit etwas ganz Entscheidendes.

Die Löwen sind derzeit eine sehr homogene Mannschaft.

Gorenzel: Das ist ja zu großen Teilen eine gewachsene Mannschaft. Wenn die meisten Spieler aus einem Raum kommen, tust du dich natürlich leichter.

„Gebhart bringt das Extra-Element mit“

Bräuchte die Mannschaft etwas mehr Individualität?

Gorenzel: Timo Gebhart bringt dieses gewisse Extra-Element mit – dafür stand er schon seine ganze Karriere. Er kann aus dem Nichts ein Spiel entscheiden. Mit Michael Görlitz haben wir einen Spieler hinzu bekommen, der über viel Erfahrung verfügt und eine hohe individuelle Klasse hat – wenn er voll fit ist und wenn man ihm die Zeit gibt. Man muss bedenken, dass er ein halbes Jahr verletzt war. Wenn beide fit sind, verfügen wir über viel Qualität. Aber auch wenn nicht, haben wir diese im Kader. Sonst wären wir nicht mit sieben Punkten Vorsprung Erster.

Sie sind knapp zwei Wochen hier. Ist alles wie erwartet?

Gorenzel: Ich muss sagen, die Professionalität, wie der Trainer und sein Team akribisch hier arbeiten und wie versucht wird, den Spielern Dinge zu vermitteln, ist auf höchstem Level – und ich war bei vielen Vereinen. Das ist auch ein Grund, warum die Mannschaft Tabellenführer ist.

Günther Gorenzel lobt die Professionalität an der Grünwalder Straße.

Wie kam der Kontakt zu Ihnen zustande?

Gorenzel: Zum einen hatte ich Daniel hier als Spieler. Außerdem habe ich im Jugendbereich der Löwen mit ihm zusammengearbeitet. Das hat sehr gut funktioniert. Wir verstehen uns fachlich und menschlich zu 100 Prozent und kommen beide über die akribische Arbeit. Wir wollen gemeinsam etwas für 1860 bewegen. Für mich war klar, dass ich das machen will, als der Anruf Ende des Jahres vom Verein kam. Sechzig fasziniert mich einfach!

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?

Gorenzel: Wir tauschen uns permanent über alle Prozesse aus. Ich schaue mir fast jedes Training an, bin bei den Besprechungen und den Spielen. In den Besprechungen gibt jeder seine Eindrücke wieder. Ich filtere auch Dinge, die von der Geschäftsführung kommen oder Organisatorisches. Es ist ein intensiver Austausch – aber nicht nur mit Daniel, sondern mit dem ganzen Team. Außerdem haben wir im NLZ in den Leistungsmannschaften begonnen, die Idee, wie Daniel und ich Fußballspielen wollen, auch dort einzuführen.

„Nur auf ein Konzept zu setzen, funktioniert nicht mehr“

Was ist denn Ihre gemeinsame Idee?

Gorenzel: Flexibilität und Variabilität sind das oberste Credo. Die Zeiten sind vorbei, wo man nur über Umschaltspiel oder Ballbesitz erfolgreich sein kann. Man muss eine Mannschaft auf alle vier Grundsituationen vorbereiten, ihr einen klaren Plan geben. Nur auf ein Konzept zu setzen, funktioniert nicht mehr auf hohem Niveau.

Was sind denn die vier Grundsituationen?

Gorenzel: Das ist Ballbesitz, das Spiel gegen den Ball, Ballgewinn und Ballverlust. Ich halte nichts davon, sich auf eine dieser Situationen zu versteifen.

Welche Mannschaft verkörpert das Ihrer Meinung nach derzeit am besten?

Gorenzel: Mir gefällt Atlético Madrid. Die können hoch und tief attackieren, sind aber auch stark im Umschaltfußball und haben eine Idee bei eigenem Ballbesitz. Pep Guardiola verkörpert auch diese Flexibilität. Jetzt bringen Sie aber bitte nicht den Vergleich: Gorenzel will Fußball wie Atlético oder Guardiola spielen! Das ist nur eine Idee. Aber auch Julian Nagelsmann ist ein flexibler Trainer.

Mit dem haben Sie in Hoffenheim zusammengearbeitet…

Gorenzel: Er war bei uns im Team. Nach dem ersten Gespräch war für mich klar, dass Julian durchstarten kann. Ich habe mich auch stark gemacht, dass er im Trainerteam bleibt.

Stichwort Flexibilität. Das leben auch Sie vor, wenn man Ihre bisherigen Stationen liest. Was ist Ihre stärkste Rolle?

Gorenzel: Komplexe Dinge zu analysieren, innerhalb von kurzer Zeit auszurichten und in einen inhaltlich klar nachvollziehbaren und rational erklärbaren Plan zu bringen. Das war auch immer meine Rolle in den Trainerteams. Egal ob Co-Trainer oder im Management – für mich ist die Herangehensweise immer die gleiche.

Ihre Stationen wechseln dafür ständig.

Gorenzel: Ich habe gelesen, dass die Haltbarkeit von Trainerteams in den großen Ligen derzeit 1,4 Jahre ist. Wenn man das auf meine 20 Jahre hochrechnet, ist das also ganz normal. Ich suche immer die Herausforderung. Es waren auch Stationen dabei, wo ich gesagt habe, dass es keinen Sinn macht, weil ich Limits gesehen habe und somit nichts entwickeln konnte.

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