Serie zum 160. Geburtstag des TSV 1860

Merkels private Meisterwetten - die goldenen Löwen-Jahre

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Meister-Kapitän Peter Grosser erinnert sich an die goldenen Zeiten des Klubs.

München – In unserer Reihe zum 160. Geburtstag des TSV 1860 geht es heute um die goldenen Löwen-Jahre vom Aufstieg in die frisch gegründete Bundesliga 1963 bis hin zur Deutschen Meisterschaft 1966.

  • Zum 160. Geburtstag starten wir eine Serie, die vergangene Ereignisse in der Geschichte des TSV 1860 noch einmal aufleben lässt
  • Peter Grosser, Meister-Kapitän von 1966, blickt zurück in die goldene Zeit des Klubs
  • Turbulente Zeit mit Trainer Max Merkel in der Meister-Saison

Meister-Kapitän Peter Grosser, 81, erinnert sich an die Geschichten hinter der Geschichte. Die Pfiffe gegen ihn beim ersten Bundesliga-Spiel, das irrsinnige Lauftraining von Trainer Max Merkel auf vereister Straße am Ammersee, den Kino-Eklat von Mönchengladbach, der ihn kurzzeitig das Kapitänsamt kostete – viel Spaß beim Lesen und Staunen!

Von Rot zu Blau

Mein Wechsel zu 1860 im Frühjahr 1963 ist alles andere als unproblematisch gelaufen. Beim FC Bayern schwelte ein Machtkampf in der Vereinsführung zwischen Präsident Wilhelm Neudecker und seinem Vorgänger Roland Endler, ohne dessen Finanzspritzen die Bayern ein paar Jahre zuvor am Ende gewesen wären. Ich war mit Endler befreundet, habe sein Auslieferungslager in München für Schweiß-Elektroden geleitet. Diese Nähe wurde mir in der letzten Saison vor der Bundesliga-Gründung zum Verhängnis.

Schon nach dem ersten Spiel, einem 0:5 gegen Ei ntracht Frankfurt, hat mir Neudecker vorgeworfen, ich hätte auf Endlers Anweisung schlecht gespielt. Er ist dann zwar zurückgerudert, aber das Tischtuch war zerschnitten. Am Ende der Saison, ich hatte hinter Rainer Ohlhauser die meisten Einsätze und dabei elf Tore geschossen, haben sie mir eine Vertragsverlängerung zu reduzierten Bezügen angeboten – für mich eine Aufforderung zum Wechsel. Ich hatte Angebote aus Bologna und Eindhoven, von Frankfurt, Nürnberg und Kaiserslautern, aber ichwollte aus München nicht weg. Über einen Journalisten, Rolf Gonther von der AZ, hat mich schließlich 1860 kontaktiert. Nur: Zwischen den Vereinen gab es ein Gentlemen’s Agreement, dass keiner direkt wechseln durfte – zwölf Jahre lang war das nicht mehr passiert.

Alles hat sich also ewig hingezogen. Und irgendwann – allerdings nicht von mir gestreut – kam in der Presse das Gerücht auf, ich könnte nach Düsseldorf wechseln, weil Endlers Firmenzentrale ihren Sitz nicht weit davon in Neuss hatte. Düsseldorf war zweitklassig, da hätte es bei einem Wechsel laut DFB-Statut nur 12 000 Mark Ablöse gegeben. Bei einem Bundesligisten, wie es Sechzig nach der Süddeutschen Meisterschaft war, waren 50 000 Mark erlaubt. Das hat den Ausschlag gegeben. Von der Mannschaft bin ich hervorragend aufgenommen worden, aber die Anhänger waren skeptisch. Beim ersten Heimspiel gegen Braunschweig gab’s ein Riesen-Pfeifkonzert gegen mich, als die Aufstellung verlesen wurde. Zum Glück hab ich beim zweiten Spiel in Dortmund mit zwei Toren zum 3:3-Endstand ausgeglichen. Ab da war ich als Löwe akzeptiert.

Besessen von Wembley

Direkt nach unserem Pokalsieg in Stuttgart gegen Eintracht Frankfurt 1964 hat Max Merkel das Ziel Europapokal-Finale ausgegeben. Und er meinte das todernst. Die erste Runde gegen Union Luxemburg war noch kein Problem, aber gegen Porto und danach Legia Warschau bei minus 15 Grad im Februar – das waren extrem schwere Spiele, die uns alles abverlangt haben.

Der Höhepunkt waren die Halbfinals gegen den AC Turin, der damals Europas härteste und unfairste Mannschaft hatte. Beim Hinspiel in Turin waren wir komplett chancenlos und konnten froh sein, dass wir nur 0:2 verloren hatten. Wie die geprügelten Hunde sind wir in die Kabine geschlichen, jeder hatte Angst vor Merkels Abrechnung. Aber das Gegenteil ist passiert! Ich hör ihn heute noch sagen: „Burschn, des mocht nix – in vierzehn Dog butz ma’s weg!“

Dieser Finaleinzug war ihm so heilig, dass er allen Grant über Bord werfen konnte und uns zwei Wochen lang auf positive Art so heiß gemacht hat wie nie zuvor. Beim Rückspiel ist den Turinern dann Hören und Sehen vergangen. Wir haben sie überrannt, hätten höher führen müssen als 3:0. Und in der Schlussminute machen die nach einer Ecke das 1:3. Ein Schock. Aber Merkel ist positiv geblieben. Die Auswärtstor-Regel gab’s zum Glück noch nicht, im Entscheidungsspiel in Zürich haben wir sie dann bei fürchterlichem Wetter 2:0 niedergerungen – das große Ziel war erreicht.

Seltsamerweise war damit auch die Spannung weg. In der Vorbereitung hat das Feuer gefehlt, auch in den Ansprachen – psychologisch interessant. Wir hätten das Finale gegen West Ham trotzdem nicht verlieren müssen. 70 Minuten lang war’s komplett ausgeglichen, aber derDoppelschlag von Seale y war zu viel an diesem Tag. 0:2, Trotzdem: Unser Selbstvertrauen war enorm gewachsen vor der nächsten Saison.

Meister trotz Merkel

„Ich weiß nicht, ob es jemals einen Deutschen Meister gegeben hat, bei dem es während der Saison so dermaßen gescheppert hat wie bei uns damals. Losgegangen ist es im Grunde schon nach dem dritten Spieltag, als sich Max Merkel nach unserem Start mit 6:0 Punkten abfällig über den nächsten Gegner Kaiserslautern geäußert hat, so in die Richtung: Was wollen die überhaupt? Prompt haben wir auf dem Betzenberg 0:3 verloren, für Merkel eine persönliche Beleidigung.

Danach hat er eine Woche trainiert, dass wir auf den Knien dahergekommen sind. Beim 0:0 gegen Stuttgart haben wir zwei Elfmeter verschossen, die Woche drauf mit Ach und Krach 3:2 in Meiderich gewonnen. Irgendwie sind wir trotzdem in einen Lauf gekommen, nach der Hinrunde standen wir auf Platz eins, drei Punkte vor Bayern. Es folgte die öffentliche Aussage von Merkel, dass er zwei private Wetten abgeschlossen habe über jeweils 500 Mark, dass wir mit acht Punkten Vorsprung Meister werden. Mit acht Punkten! Wir haben das gelesen und uns an den Kopf gelangt: Was Dümmeres kannst du ja gar nicht machen.

Das erste Spiel war gegen Bayern. Wir sind schon am Montag ins Trainingslager nach Wartaweil an den Ammersee gefahren. Im tiefsten Winter. Weil auf dem Platz so viel Schnee lag, hat uns Merkel auf der vereisten Straße Lauftraining machen lassen bis zurtotalen Erschöpfung. Am Ende der Woche haben wir uns am Treppengeländer festhalten müssen vor lauter Muskelkater. Ergebnis: 0:3 gegen Bayern. Vier Spieltage später war die Tabellenführung weg.

Der absolute Tiefpunkt kam dann Anfang März vor dem Spiel in Köln. Wir sind wie immer am Donnerstagabend mit dem Schlafwagen gefahren, danach ins Hotel, kurz frühstücken, 11 Uhr Training. Merkels Laune war so übel, dass er uns auf einem Ascheplatz nur laufen hat lassen. Dazu mussten wir den Reißverschluss der Trainingsjacke ganz nach oben ziehen. Nach dem Essen gab’s normalerweise zwei Stunden Bettruhe – doch nicht an diesem Tag. In einer Viertelstunde sollten wir uns unten treffen, gemeinsam spazieren gehen und dann ins Kino.

Unser Betreuer hatte einen Film ausgesucht, ich weiß nicht mehr welchen, jedenfalls sagte der Hennes Küppers direkt: „Den kenn ich, der ist nix.“ Da war’s aus beim Merkel. „Nix kannst anfangen mit denen“, hat er geschrien. „Dann gemma hoid zwaa Stund spaziern!“ Und los ist er marschiert: Wir haben uns angeschaut – und sind in die andere Richtung gegangen. Erst Kaffee, dann Kino. Um halb sechs waren wir zurück im Hotel. Mannschaft hinten rein, ich als Kapitän vorne. Merkel hat in der Lobby schon gewartet.

„Sofort auf mein Zimmer! Du bist verantwortlich und als Spielführer abgesetzt – spün werst du bei mir nie wieder!“ Beim Abendessen hat er den Radi gefragt, ob er neuer Kapitän wird. Antwort: „Mach ich nicht Spielführer, Peter hat nicht Schuld.“ Als Nächster war der Manni Wagner dran. Antwort mit zitternder Stimme: „Trainer, unter diesen Umständen mach ich das auch nicht.“ Sein letzter Trumpf war der Zeljko Perusic, der eigentlich nie was gesagt hat. Da schon: „Trainer, ich mache auch nicht Spielführer.“

Im Stadion hab’ dann ich die Binde wieder genommen. Timo Konietzka ist krank geworden, ich musste spielen. Der Rest der Geschichte ist oft erzählt worden. Als wir uns bei den Vizepräsidenten über ihn beschwert haben, ist Merkel zwei Wochen lang mit seinem Pudel Gassi gegangen, während wir trainiert haben. Erst vor dem Spiel gegen Dortmund hat er wieder eine Ansprache gehalten: „So Burschen, jetz pack mas wieder!“ Wir waren durch unser eigenes Spieltraining zu Kräften gekommen und gewannen 2:0 – das war der entscheidende Schritt. Meister trotz Merkel, sag’ ich immer. Wunderschön, aber auch seltsam.“

Aufgezeichnet von Ludwig Krammer

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