Interview mit dem Sportchef

„Uns fallen 50 Scorerpunkte weg“: Gorenzel erklärt die Personallage beim TSV 1860 - Fokus ist klar

Schwierige Corona-Zeit: Löwen-Sportvorstand Günther Gorenzel mit Michael Köllner. Der ist mehr denn je als „Entwicklungstrainer“ gefragt
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Schwierige Corona-Zeit: Löwen-Sportvorstand Günther Gorenzel mit Michael Köllner. Der ist mehr denn je als „Entwicklungstrainer“ gefragt.

Günther Gorenzel, Sportchef des TSV 1860 München, spricht im Exklusivinterview über die schwerwiegenden Verluste bei den Löwen und seine Not mit dem Schrumpf-Etat.

  • Mit dem Bundesliga-Aufstieg hat es beim TSV 1860 München nicht geklappt.
  • Im Sommer droht außerdem der Verlust von zahlreichen Leistungsträgern.
  • Sportchef Günther Gorenzel erläutert im Exklusivinterview die Situation der Löwen.
  • Mehr zu diesem Thema gibt es in unserer App.

München – Die schöne Berghütte? Das eigene Boot auf dem Wörthersee? In diesem Sommer werden sie wohl oder übel ungenutzt bleiben, wie TSV-1860-Sportchef Günther Gorenzel unserer Zeitung anvertraut. „Wenn 17 Verträge auslaufen, ist an Urlaub nicht zu denken“, so der Steirer. „Vielleicht im Sommer 2021, wenn sich alles beruhigt hat. Momentan bin ich permanent online und arbeite mit drei, vier Endgeräten quer.“ Darüber und über drängende Personalfragen haben wir mit dem 48-Jährigen in Teil eins unseres Exklusivinterviews gesprochen.

Herr Gorenzel, zu Beginn des Lockdowns sprachen Sie gerne vom SV Corona, der den TSV 1860 weder stoppen noch besiegen könne. Mit Blick auf die Etatkürzung und den sich verändernden Kader sieht es nun aber doch so aus...

Günther Gorenzel: Ich gehe davon aus, dass sich in der Fußball-Landschaft in den nächsten sechs bis zwölf Monaten noch vieles verändern wird. Jeder, selbst absolute Marktgrößen wie Schalke 04 und der VfB Stuttgart, haben mit den Folgen von Corona zu kämpfen. Wir alle haben zwar keine Glaskugel, aber wer jetzt nicht vorbaut, den wird es in der Zukunft eventuell kalt erwischen. Wir haben jetzt ein Finanzkonstrukt, das einige Pandemie-Risiken absichert. Ich erkläre das gerne noch einmal in ganzer Breite: Es sichert der KGaA die Fortführungsprognose für die nächsten zwei Jahre, also auch die Liquidität. Was sich dadurch leider nicht ändert, ist der Personaletat. Der wird nicht um einen einzigen Euro höher, sondern im Gegenteil: Uns steht aktuell ein sehr begrenzter Spielraum für die Kaderplanung zur Verfügung.

TSV 1860: „Uns fallen mehr als 50 Scorerpunkte in der Offensive weg“

Mal naiv gefragt: Hätte man im Sinne der gemeinsamen Zweitligaträume nicht gleich einen höheren Etat mit den Gesellschaftern aushandeln müssen?

Gorenzel: Dafür bin ich der falsche Ansprechpartner. Meine Aufgabe als sportlicher Geschäftsführer ist es, aus den Rahmenbedingungen, die 1860 München gegeben sind, dem Maximalprinzip folgend die bestmöglichen Lösungen für den Sport zu suchen.

Was ist denn überhaupt möglich mit dem Basispaket, wie Sie es nennen?

Gorenzel: Wir haben einen konkreten Plan erarbeitet, was wir aus den begrenzten Möglichkeiten machen wollen. Durch die auslaufenden Verträge von Sascha Mölders, Efkan Bekiroglu, Prince Owusu und Timo Gebhart fallen uns mehr als 50 Scorerpunkte in der Offensive weg. Jeder, der sich mit Profifußball beschäftigt, wird nachvollziehen können, dass unser vorrangiges Ziel sein muss, auf der Neun und auf der Zehn Lösungen zu finden. Ein arrivierter Drittligaprofi für den Defensivverbund ist derzeit leider nicht darstellbar.

Mit anderen Worten: Für Fanliebling Aaron Berzel waren keine finanziellen Mittel mehr übrig . . .

Gorenzel: Wir werden mit zwölf Bestandsverträgen in die neue Saison gehen, eine Neun und Zehn verpflichten, der Rest sind Talente aus dem eigenen Haus. Mit Aaron Berzel waren wir seit mehr als sieben Monaten im stetigen Austausch, und wer mich kennt, der weiß, dass ich – nach größtmöglicher Transparenz bestrebt – intern stets offen und ehrlich kommuniziert habe und kommuniziere, wie wir die jeweilige Lage sportlich und finanziell einschätzen.

Berzel beklagt, man habe nicht um ihn gekämpft und ihm final per Sprachnachricht abgesagt.

Gorenzel: Sie kennen mich: Ich werde Interna nicht nach außen tragen, so sehr es mich manchmal auch in den Fingern juckt. Nur so viel: Ich habe volles Verständnis dafür, wenn Aaron nicht weiter warten wollte. In meiner Funktion als Geschäftsführer habe ich mich nach sportlichen und kaufmännischen Dingen zu richten. Am Ende muss die schwarze Null rauskommen, und da ist Stand heute nicht mehr drin als eine Neun und eine Zehn.

Handelt es sich bei besagter Nummer 9 und 10 um Sascha Mölders und Timo Gebhart?

Gorenzel: Wir sind sowohl mit Timo Gebhart als auch externen Spielern im Gespräch, Bekiroglu hat sich ja für eine andere Zukunft entschieden (er wechselt in die türkische Süper Lig/Red.). Bei der Neun sind wir mit Sascha Mölders weiter im intensiven Austausch. Ich bin zuversichtlich, dass wir da noch zu einer Lösung kommen. Das wäre machbar, alles andere nicht. Zumindest, um das nochmals zu betonen, Stand jetzt nicht. Ich sehe das aber auch als Chance, weil sich nun für viele Spieler aus der U 17, U 19 und U 21 Perspektiven ergeben.

Tim Rieder bald dauerhaft ein Profi des TSV 1860? Das sagt Sportchef Gorenzel

Wie haben Sie es aufgenommen, das sich Mölders vorige Woche ungeniert mit SpVgg-Boss Manni Schwabl im Hachinger Sportpark getroffen hat?

Gorenzel: Mein Fokus liegt auf Lösungen, und alle emotionalen Dinge muss ich versuchen, inhaltlich möglichst objektiv zu sehen. Aber eins ist auch klar: Von Emotionen lebt der Fussball und wir wollen gestandene Spieler. Da bleibt so etwas natürlich nicht ganz aus. Das ist manchmal schmerzhaft, aber ich versuche das immer in Ruhe und gewissenhaft einzuordnen.

Die Chance, Tim Rieder dauerhaft vom FC Augsburg zu verpflichten, dürfte gegen null gehen, wenn man Sie so hört.

Gorenzel: Die Frage beantwortet sich eigentlich von selbst. Zaubern kann ich nicht, aber ich denke, man sollte es trotzdem versuchen. Ganz habe ich hier die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Auf unser finanzielles Basispaket kann ja theoretisch auch noch etwas draufgelegt werden. Wenn es zu einer Aufstockung kommt, wird man schauen müssen, ob Tim Rieder dann noch verfügbar ist.

Wie sind Sie mit ihm verblieben? Auch bei Türkgücü ist er ja ein Thema.

Gorenzel: Wie mit allen anderen Spieler auch, haben wir unsere sportliche und finanzielle Situation sehr transparent geschildert – alles andere liegt in der Entscheidung des jeweiligen Spielers.

Auf welche jungen Talente neben Leon Klassen und Maxim Gresler dürfen sich die Fans freuen?

Gorenzel: Da sind wir bei der positiven Seite des anstehenden Umbruchs: Zwar müssen wir einen Schritt von der allgemeinen Erwartungshaltung zurücktreten, aber wir haben jetzt die einmalige Chance, die nächste Löwengeneration zu entwickeln. Unserer Identität als Ausbildungsclub werden wir auch weiterhin voll gerecht. Namen will ich, auch um die Erwartung, die bei unserem Verein ja nie klein war oder ist, nicht noch weiter zu befeuern, nicht nennen, aber wir haben letztes Jahr ja nicht ohne Grund einen Entwicklungstrainer verpflichtet. Dem Bundesliga-Aufstiegstrainer Michael Köllner wird es sicherlich gelingen, die nächsten Talente in Position zu bringen. Da mache ich mir wenig Sorgen.

Ein Umbruch, mal wieder beim TSV 1860: Sportchef Günther Gorenzel.

Auch Niklas Lang, von dem Sie sehr viel halten?

Auch er ist einer der jungen Spieler, die sehr interessant sind. Wir dürfen jetzt aber nicht Niklas Lang gegen Aaron Berzel ausspielen. Der eine ist ein arrivierter Drittligaprofi, der andere kommt aus dem eigenen Haus, und da sind wir folglich bei einem ganz anderen Erfahrungsschatz, Erwartungshorizont oder Gehaltsgefüge.

1860 München: „Ich muss jetzt schauen, dass wir Neun und Zehn hinkriegen“

Ist es ein alarmierendes Signal, dass U 17-Torjäger Anton Hirtlreiter nach Unterhaching wechselt? Hat man ihn nicht auf dem Radar gehabt?

Gorenzel: Natürlich, aber man sollte es vielleicht nicht nur schwarz sehen: Den Löwen ist es gelungen, bis auf Hirtlreiter das gesamte U 17-Meisterteam zusammenzuhalten.

Damit 2021 nicht das nächste Talent ablösefrei wechselt, müsste man eigentlich jetzt mit Dennis Dressel verlängern.

Gorenzel: Wenn du mit einem jungen Spieler verlängern willst, brauchst du für den Spieler einen klaren sportlichen Plan – den haben wir. Um gewissenhaft zu arbeiten, brauchst du aber auch immer die finanziellen Ressourcen, um mit einem jungen Spieler vorzeitig zu verlängern. Wenn du immer angehalten bist, alles in den aktuellen Kader zu stecken, um die Erwartungen zu bedienen, dann ist eine perspektivische, mittelfristige Planung etwas schwieriger. Ich bin mir im Klaren: Ich muss jetzt schauen, dass wir Neun und Zehn hinkriegen, sonst brauchen wir nächste Saison kaum ins Rennen zu gehen.

Ohne Dressel aber auch nicht. Ist er unverkäuflich?

Gorenzel: Unverkäuflich sind im deutschen Fußball bestenfalls Spieler von Bayern München. Für alle anderen Vereine gelten ähnliche Regeln, speziell in Zeiten von Corona. Wenn du einen Spieler nicht verlängern kannst, ist es aus finanzieller Sicht manchmal sinnvoller, ihn zu verkaufen, um den Erlös dann in die Mannschaft zu reinvestieren. Man muss immer sehen, welche Angebote auf dem Tisch liegen, aber ich betone auch ganz klar: Meine Aufgabe oder mein Ziel ist es nicht, Dennis Dressel zu veräußern, sondern ihn noch viele Jahre bei 1860 zu halten.

Interview: Uli Kellner

Teil II: Günther Gorenzel über Trainer Köllner und die Aussichten für 2020/2021.

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