Ex-Keeper Hofmann hilft Sitzberger

Cassalette: Mit Tränen auf den Löwen-Thron

„Ich war der kleine Löwen-Fan – jetzt bin ich sozusagen Oberlöwe“: Der neue 1860-Chef Peter Cassalette. foto: Getty Images

München - 66 Prozent haben am Sonntag für Peter Cassalette als neuen 1860-Präsidenten gestimmt. Ein höheres Votum bekam Hans Sitzberger - auch dank der Hilfe von Ex-Keeper Michael Hofmann.

Ehe sich die Löwen-Familie der leidigen Vereinspolitik widmete, ging der Blick nach Paris, zu den Opfern und Angehörigen der verheerenden Terroranschläge. Siegfried Schneider, der scheidende Übergangspräsident, sprach von einer Attacke „auf unsere Werte, auf unsere Art zu leben, auf unsere Freiheit“. Es folgte eine Schweigeminute, bei der die 464 anwesenden Vereinsmitglieder ihr Mitgefühl demonstrierten. Keiner regte sich, keiner rief dazwischen. Vorherrschendes Gefühl: Im weltpolitischen Gesamtkontext ist so eine Vereinswahl ein doch eher unbedeutender Vorgang. „Fußball ist unser Leben, 1860 ist unser Leben. Aber es gibt Ereignisse, die das kurzfristig in den Hintergrund rücken lassen“, sagte auch Peter Cassalette, der einzige zur Wahl stehende Präsidentschaftskandidat.

Noch ehe sich die Löwen im Paragraphen-Dschungel ihrer Satzung verirrten (20 Anträge), durfte Cassalette die Bühne betreten. Ein Antrag auf Änderung der Tagesordnung wurde durchgewunken. Das freute alle, die nur geringe Lust verspürten, auch noch zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit in der düsteren Zenith-Halle zu tagen.

Schon um 15.03 Uhr also, nach einer etwas langatmigen, verhalten beklatschten Wahlrede, hieß es daher: Stimmkarten hoch. Das wenig überraschende Ergebnis: Cassalette, 62, ist neuer Präsident des TSV 1860, der 39. in seiner langen Vereinsgeschichte. 66 Prozent gaben dem früheren FTI-Geschäftsführer ihre Ja-Stimme (insgesamt 306), 113 lehnten ihn ab. 43 Mitglieder enthielten sich, darunter Gerhard Mayrhofer, der an selber Stelle vor zweieinhalb Jahren 96 Prozent erreicht hatte. „Ich nehme die Wahl gerne an - voller Stolz und voller Ehrgeiz für die Zukunft“, sagte Cassalette bescheiden.

Weitaus zäher gestaltete sich die Wahl der beiden Vizes – neben dem Fixpunkt Heinz Schmidt, dessen Mandant noch bis 2016 gilt. Hans Sitzberger wurde von einem Mitglied in Frage gestellt, nachdem er sich vor vielen Jahren als Sponsor im legendären Streit Ziffzer/von Linde positioniert hatte – und zwar pro Ex-Sanierer Ziffzer, der nach Meinung der Basis die Stadionanteile weit unter Wert verkauft hat.

Sitzbergers Wahl schien zu wanken, doch Ex-Torhüter Michael Hofmann rettete den Reinigungsunternehmer, indem er eine flammende Rede hielt. „Vergesst den Scheiß aus der Vergangenheit“, rief Hofmann: „Was der Hans seit Jahren für unseren Nachwuchs leistet, ist aller Ehren wert.“ Der leidenschaftliche Ex-Profi gab dafür den aktuellen Geschäftsführern eine mit: „Die Leute in der KGaA dürfen auch mal aufwachen und gute Arbeit abliefern.“ Zeigte Wirkung, das Hofmannsche Plädoyer: Mit 309 Ja- und 95 Nein-Stimmen wurde Sitzberger ins neue Präsidium gewählt.

Peter Helfer schließlich drohte zum Verhängnis zu werden, dass er schon dem folgenschwer dilettierenden Ex-Präsidium Mayrhofer angehört hatte. Der hemdsärmelige Bauunternehmer musste sich einiger Angriffe aus dem Publikum erwehren, machte das aber auf seine Weise geschickt. Seine Kernthese hatte er ja bereits bei einem Fantreffen kundgetan: Das Sagen haben bei 1860 „der Hasan“ (Ismaik) und die KGaA. „Wir vom Präsidium können eh nix entscheiden. Wir können nur den Burschen auf die Finger schauen.“ Ähnlich argumentierte Helfer gestern – mit Erfolg. Mit 294 Ja- und 88 Nein-Stimmen wurde auch er ins Präsidium gewählt.

Sichtlich bewegt sprach Cassalette gegen 16.15 Uhr seine ersten offiziellen Sätze als 1860-Präsident. „Wahnsinn ist das!“, beschrieb er seine Gefühle: „Ich war der kleine Löwen-Fan – jetzt bin ich sozusagen Oberlöwe. Ich hatte vorhin ein paar Momente, da habe ich mit den Tränen gekämpft. Ich bin gerührt und glücklich, dass ich das geschafft habe – und dass man mir das Vertrauen gibt.“

Bereits am Montag um 8.15 Uhr will Cassalette seinen ehrgeizigen Plänen Taten folgen lassen. „Ich werde mir einen Schreibtisch und einen PC suchen, dazu ein Telefon – und dann werde ich als erstes versuchen, Hasan Ismaik anzurufen.“ Cassalette weiß: „Dann beginnt der Ernst des Lebens – und der ist ernst genug.“ Vermutlich einer der zutreffendsten Sätze, die an einem für Löwen-Verhältnisse harmonischen Nachmittag gesprochen wurden.

Uli Kellner

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