Das ist gut, das ist schlecht

Plus- und Minuspunkte: Die große Löwen-Analyse

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Bühne frei: Der Spanier Rodri (l.), einer von 12 verschiedenen Löwen-Torschützen bei 32 eingesetzten Spielern.

München - Die Löwen kommen auch ohne Torjäger Rubin Okotie zu Toren, doch die Abwehr ist an mancher Heimpleite schuld – eine Analyse.

Das Gebot der Stunde beim TSV 1860 lautet: „Köpfe freikriegen.“ Trainer Torsten Fröhling war bis gestern bei seiner Familie in Hamburg, die Spieler dürfen seit Samstag Beine, Köpfe und Nerven schonen. Erst heute Nachmittag wird der Saisonendspurt eingeleitet. Nach dem Wochenende, das den Nationalteams gehört, steht das Kellerduell mit dem Tabellenvorletzten Aue auf dem Programm (Ostersonntag, 13.30 Uhr), gefolgt von sieben weiteren Endspielen. Die Löwen starten von Position 15 in die heiße Phase des Existenzkampfes, mit zwei Punkten Vorsprung – das und weitere Gründe sprechen für die Fröhling-Elf. Es gibt allerdings auch Punkte, die nachdenklich stimmen sollten, wie unsere Analyse zeigt.

Pluspunkte

Auswärtsstärke: Es ist bekannt, dass es Orte auf der Welt gibt, an denen sich die Löwen wohler fühlen als in der Allianz Arena. Zum Beispiel: in den meisten anderen Stadien dieser Liga. Nur von fünf Auswärtsspielen in dieser Saison kehrten die Blauen ohne Punkte zurück. Vier Siege und vier Unentschieden stehen in der Fremde zu Buche. Ergibt Platz 6 in der Auswärtstabelle und macht Hoffnung, denn bei vier weiteren Auftritten fernab von Fröttmaning (Braunschweig, Düsseldorf, Frankfurt, Karlsruhe) lassen sich theoretisch zwölf weitere Punkte sammeln.

Moral und Glück: An Spiele wie gegen Kaiserslautern (2:3 nach 2:0-Führung) und Karlsruhe (2:3 nach 1:0-Führung) erinnert sich der 1860-Fan mit Schaudern. Dramatische Leistungseinbrüche gaben den Ex-Trainern Moniz und von Ahlen Rätsel auf, doch seit Fröhling auf den Chefsessel gespült wurde, haben die Löwen zwei Verbündete: Moral und Glück. In Ingolstadt und gegen Aalen kam das Fröhling-Team spät zum Ausgleich, und spätestens seit dem Heimsieg gegen St. Pauli (2:1 – mit nur einer Torchance) scheint klar, dass es keine höheren Schicksalmächte gibt, die im Drehbuch dieser Spielzeit einen Löwen-Abstieg festgelegt haben.

Vorne geht was: Bis Weihnachten hatte Rubin Okotie für die Hälfte aller Löwen-Treffer gesorgt (12 von 24) und entsprechend groß war das Wehklagen, als der Torjäger vom Dienst wegen seiner Knieprobleme kürzer treten musste. Jedoch: Der Kader, der unausgewogen gebaut schien, konnte Okoties Ausfall kompensieren. Obwohl der Österreicher im neuen Jahr zunächst nur physisch anwesend war und seit drei Spielen ganz im Krankenstand ist, treffen die Löwen weiterhin in jedem Spiel (wie immer seit Ende November). Als Aushilfstorjäger taten sich hervor: Die nominellen Außenverteidiger Bandowski und Kagelmacher (jeweils zweimal), dazu der junge Vollmann, der junge Wolf, der erfahrene Adlung, Winterzugang Simon und der genesene Rodri. Sören Gonther, Kapitän des Konkurrenten St. Pauli, steuerte freundlicherweise ein Eigentor bei.

Sechzig mit Punkteteilung gegen Aalen - Bilder und Noten

Teamgeist: Im Grunde ist es eine 3-Euro-Floskel, wenn Fußballprofis den Teamgeist beschwören. „Wir sind definitiv zusammengewachsen“, sagte Kai Bülow neulich und wird seitdem zumindest nicht widerlegt. Beim 3:0 in Fürth wurden die Tore auch von den Hinterbänklern bejubelt. Ein Team, in dem es nicht stimmt, würde sich auch kaum aufraffen, um Spiele wie gegen Aalen noch zu drehen. Fröhling lag gewiss nicht falsch, als er den Status von Altlöwen wie Stahl, Bülow und Schindler stärkte und motivierte Eigengewächse wie Vollmann und Eicher in die Verantwortung nahm.

Relative Ruhe: Die letzten Brandherde wurden – löwenuntypisch – relativ schnell erstickt. Noor Basha hat den Job, den nur er gebraucht hat – seitdem ist Ruhe. Präsident Gerhard Mayrhofer gab danach die Steilvorlage zu einem Streit, doch seine Spitze in Richtung Hasan Ismaik („Wofür haben wir denn einen Investor?“) wurde seitens des Adressaten professionell ignoriert. „Nicht mal ein Streichholz“ sei durch Mayrhofers Äußerungen im 11Freunde-Magazin entfacht worden, behauptet Thomas Blazek, der neue Medienchef. Der entspannte PR-Profi aus Österreich ist sicherlich nicht unschuldig daran, dass die Löwen neuerdings einen gelasseneren Umgang mit tatsächlichen oder angeblichen Problemen pflegen.

Minuspunkte

Heimschwäche: Es ist bekannt, dass es Orte auf der Welt gibt, an denen sich die Löwen wohler fühlen als in der Allianz Arena. „Wir spielen in einem Stadion, das uns definitiv keine Punkte bringt“, sagt Sportchef Gerhard Poschner – und wird durch eine Heimbilanz bestätigt, die alarmierend ist, niederschmetternd, erschütternd. Nur zwei Heimsiege bei 13 Anläufen, bereits vier Heimpleiten und insgesamt 29 liegen gelassene Punkte. Ergibt: Platz 18 in der Heimtabelle – mit weitem Abstand.

Keine Konstanz: Siege geben Selbstvertrauen, heißt es, doch an den Löwen scheint diese Weisheit abzuprallen. Auf jeden der sechs Dreier folgte schon im nächsten Spiel die Ernüchterung. Nicht mal das 3:0 in Fürth zuletzt wirkte sich positiv auf die psychische Verfassung aus. Kapitän Christopher Schindler sagte nach der Aalen-Partie: „Die ersten fünf Minuten haben wir gut und mutig gespielt. Mit dem ersten Fehlpass sind wir unsicher geworden. Das hat sich mit jedem weiteren Fehlpass gesteigert.“

Zu viele Gegentore: Spiele wie gegen Sandhausen (2:3) zeigen, dass es die Löwen selbst biederen Gegnern zu leicht machen. 40 Gegentore nach 26 Spielen dokumentieren die Defensivschwäche – nur Union Berlin (42) und St. Pauli (44) sind noch leichter zu knacken. Zu Null hat 1860 überhaupt erst dreimal gespielt. Kein Wunder, dass in dieser Saison bereits 15 verschiedene Viererketten aufliefen. Man könnte das Ganze allerdings auch andersrum sehen: Zu viel Durcheinander durch zu viele Wechsel?

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