Aus Größenwahn wird Realismus

Die Löwen heute und vor einem Jahr: Was ist anders?

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Drei Tage vor Saisonbeginn: Bei Ricardo Moniz wurde noch mit großen Worten viel Hoffnung geschürt. Unter Torsten Fröhling geht es da realistischer zu.

München - Drei Tage vor dem ersten Liga-Spiel war die Situation bei den Löwen vor der vergangenen Saison grundverschieden im Vergleich zu heute. Wir erinnern uns an damals und stellen die Lage heute gegenüber. Was ist alles anders?

Am Sonntag startet der TSV 1860 München in die neue Saison 2015/16. Für uns ein guter Anlass, die gegenwärtige Situation in der Mannschaft, bei den Verantwortlichen, im Verein und bei den Fans mit der Lage vor einem Jahr zu vergleichen: Was hat sich in Sachen Vorbereitung geändert? Haben die Löwen aus den Fehlern der Vorsaison gelernt? Ein Rückblick und gleichzeitig der Versuch einer vorläufigen Prognose:

Neuzugänge des TSV 1860

Zehn (!) Neue waren zu Beginn der Saison 2014/2015 im Löwen-Kader und es sollten im Laufe der Saison nicht die letzten gewesen sein. Von namhaften Vereinen wie dem AS Monaco oder dem FC Barcelona wurden sie genauso verpflichtet wie von direkten Konkurrenten wie dem 1. FC Nürnberg oder kleineren Vereinen aus dem Ausland. Dabei wurden primär Leute geholt, die schon über etwas mehr Erfahrung verfügten. Der jüngste war mit Stefan Ortega 21 Jahre alt, Leonardo hatte mit seinen 31 Jahren schon etwas mehr auf dem Buckel.

In diesem Sommer wurden dagegen bislang nur drei Spieler geholt: Zwei junge, wenn auch nicht gänzlich unerfahrene Spieler kamen von den zweiten Mannschaften von Paris Saint Germain und dem VfB Stuttgart und der 29 Jahre alte Rodnei wurde vom Konkurrenten RB Leipzig an die Isar gelockt. Dazu gibt es noch vier Beförderungen aus der zweiten Löwen-Mannschaft. Das war's.

Fazit: Viel soll viel helfen - das war in der vergangenen Saison das Leitmotiv der Transfers. Doch die großen Namen haben wenig bis gar nichts gebracht. Dies dürfte - neben finanziellen Beschränkungen - auch der Grund sein für die wenigen Zugänge und das vermehrte Setzen auf Eigengewächse in diesem Sommer.

Abgänge des TSV 1860

Insgesamt acht Spieler verließen Sechzig im Sommer-Transferfenster 2014: Dabei wurden Leistungsträger und Fan-Lieblinge wie Gabor Király und Benny Lauth genauso abgegeben wie Moritz Stoppelkamp, Kurzzeit-Löwe Yuya Osako und Stefan Wannenwetsch.

Stand jetzt ist der Abschied von sieben Kickern sicher: Julian Weigl wurde für gutes Geld an Borussia Dortmund abgegeben, Sebastian Hertner und Bobby Wood wollen nach ihren Leihen nicht mehr für den TSV spielen und auch für Edu Bedia, Martin Angha und Moritz Volz liegt die Zukunft nicht mehr in Giesing. Für die beiden Spanier Rodri und Ilie Sanchez sucht man noch Abnehmer.

Fazit: Vor dieser Saison war eine Art Selbstreinigung angesagt. Neben den Fehleinkäufen der vergangenen Spielzeit wurde mit Julian Weigl nur ein Leistungsträger abgegeben. Schmerzlich genug, doch das Eigengewächs brachte auch gutes Geld ein. Die Chance auf einen Neubeginn?

Trainer des TSV 1860

Mit großem Tamtam wurde Ricardo Moniz vor der letzten Saison vorgestellt. Ein Trainer von Weltformat, der die Löwen zeitnah wieder in die oberste deutsche Spielklasse bringen sollte. Das war zumindest die Hoffnung der Verantwortlichen. Selbstbewusst war der Holländer auch. Mit fußballerischer Leichtigkeit und einem dominanten Spielsystem sollte der Aufstieg geregelt werden. Was danach kam, ist bekannt. Unter Markus von Ahlen wurde das ganze auch nicht wirklich besser.

Torsten Fröhling musste dann ab Februar die Scherben zusammenkehren und noch retten, was in der Saison zu retten war. Mit Ach und Krach und einigen Motivationskünsten schaffte er dann doch noch die Rettung in der Relegation. In der Vorbereitung setzte er auf klassische Tugenden wie Kampf, Laufbereitschaft und Mannschaftsgeist.

Fazit: Fröhling tut den Löwen mit seinem norddeutschen Pragmatismus schon jetzt gut. Die Parolen und kecken Sprüche sind dem Realismus gewichen. Übrig bleibt die Besinnung auf solide Werte.

Ziele des TSV 1860 für die Saison

Keine halben Sachen, dachte sich der Coach der Löwen wohl vor der vergangenen Saison. "Wir werden Meister", gab Moniz dann auch als beinahe größenwahnsinniges Saisonziel aus. Hoch gegriffen und noch tiefer gefallen, betrachtet man Moniz' persönliche Bilanz und auch das Ende vom Lied.

Konkrete Zahlen wollte Torsten Fröhling erst gar nicht nennen. "Wir wollen eine ruhigere Saison spielen als zuletzt", wünschte er sich für die kommende Spielzeit. Auch Sportchef Gerhard Poschner gab sich zurückhaltend: "Unser Ziel ist einfach ein sicherer Mittelfeldplatz."

Fazit: Wie schon beim Punkt vorher: Es hat sich ausgeträumt an der Grünwalder Straße. In dieser Spielzeit ist Aufbauarbeit angesagt. Und das hat Fröhling auch vor.

Sportliche Leitung des TSV 1860

Gerhard Poschner: Unumstritten bei Fans und im Verein war der Sportchef vor dem Beginn der vergangenen Saison auch schon nicht. Doch er hatte die Rückendeckung vom Präsidium - zumindest im Vergleich zu heute - und konnte viele Transfers auf seiner Habenseite verbuchen.

Im Moment sind es möglicherweise die letzten Monate von Poschner bei den Löwen. Von den Gesellschaftern wurde er als Sportdirektor demontiert, das Interimspräsidium hat in Absprache mit Investor Hasan Ismaik eine Drei-Monats-Frist für ihn beschlossen. Nach dieser soll die Arbeit von Poschner noch einmal beurteilt werden. Klingt aber eher nach einem vorzeitigen Ende seiner Zeit bei den Löwen.

Markus Rejek: Er ist eine der wenigen Konstanten im Verein. Als Geschäftsführer Finanzen führte er Sechzig wieder auf einen soliden Kurs der Konsolidierung. Die gelang auch mit Hilfe mehrerer neuer Sponsoring-Verträge.

Bei einem von mehreren Beben vor dieser Saison stand für Rejek am Ende eine neue Aufgabe bei den Löwen: Er ist jetzt der Vorgesetzte von Gerhard Poschner, denn er ist nun auch Geschäftsführer in Sachen Sport. Allerdings nicht alleine, sondern mit dem Cousin von Investor Hasan Ismaik ...

Noor Basha: Der Statthalter Ismaiks in München. In der vergangenen Saison hatte er noch einen Platz im Aufsichtsrat. Seit dem Sturz von Gerhard Poschner ist er der Co-Geschäftsführer von Markus Rejek und dementsprechend auch vertieft für den sportlichen Bereich zuständig.

Fazit: Gerhard Poschner ist der ausgemachte Sündenbock für die verkorkste vergangene Saison. Zumindest wird dies in großen Teilen des Vereins so gesehen. Ob seine Gnadenfrist hilfreich ist, darf dagegen angezweifelt werden. Markus Rejek und Noor Basha sollen die Probleme bei der strategischen Ausrichtung im sportlichen Bereich beheben, allerdings betonte Ersterer zuletzt, dass er über keine allzu großen Kompetenzen im sportlichen Bereich verfüge. Ähnliches gilt für Noor Basha.

Präsidium des TSV 1860

Ein gutes Jahr war Gerhard Mayrhofer vor zwölf Monaten der Oberlöwe. Damals hatte er schon einiges bewegt mit der Einsetzung von Gerhard Poschner und Markus Rejek. Seine Position war unangefochten und der Draht zum Investor damals offenbar noch intakt.

Dies änderte sich aber im Verlauf der Rückrunde ganz gewaltig. Ende Juni dann der Paukenschlag. Nach gescheiterten Gesprächen mit Ismaik trat der Vorstand geschlossen zurück. Für Mayrhofer endete damit eine wechselvolle Zeit, in der er sich um viel bemühte, aber letzten Endes wenig bewegte. Auf der Mitgliederversammlung Anfang Juli wurde ein neuer Verwaltungsrat gewählt. Diesem obliegt es jetzt nun, eine neue Löwen-Führung einzusetzen. So lange hält das Interimspräsidium um Siegfried Schneider die Fäden in der Hand.

Fazit: "Der Fisch stinkt vom Kopf" ist seit dem legendären Ausspruch von Ex-Geschäftsführer Stefan Ziffzer ein geflügeltes Wort beim TSV 1860. Nach den chaotischen vergangenen Monaten sollen Schneider und Co. wieder Ruhe in den Verein bringen, ehe dann bei der Wahl zum neuen Ober-Löwen im Herbst hoffentlich ein glückliches Händchen bewiesen wird.

Testspiele des TSV 1860

Neun Testläufe wurden im Rahmen der Vorbereitung für die vergangene Saison absolviert. Dabei ging es gegen namhafte Gegner wie Lokomotive Moskau, Borussia Mönchengladbach, Karlsruher SC oder Stoke City. Während man gegen die Russen, den KSC und Stoke siegen konnte, setzte es gegen die Fohlen ebenso eine Niederlage, wie auch gegen den FC St. Gallen, Cardiff City und Austria Lustenau. Insgesamt standen die Sechziger bei fünf Partien am Ende als Sieger auf dem Platz.

In der Vorbereitung auf die kommende Spielzeit hatten die Löwen nur sieben Testspiele. Auch 2015 siegten sie insgesamt fünf Mal in Tests. Darunter auch gegen den Schweizer Meister und mehrfachen Champions-League-Achtelfinalisten FC Basel und dem russischen Erstligisten FK Ufa. Allerdings: Die letzten zwei Testspiele gegen Werder Bremen und Swansea City gingen verloren. Auch die Leistung der Mannschaft in den letzten beiden Partien war eher ernüchternd.

Fazit: Prozentual gesehen waren die Löwen in ihren Tests in dieser Saison erfolgreicher. Allerdings siegten sie im vergangenen Jahr öfter gegen vergleichbar gute Gegner. Die beiden wichtigen Spiele gegen Bremen und Swansea dürften durchaus für Ernüchterung gesorgt haben. Man darf gespannt sein, was das erste Pflichtspiel der Saison bringen wird.

bix

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