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Gorenzel: „Mein Spielraum im Winter betrug 50.000 Euro...“

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Von: Uli Kellner

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1860-Sportchef Günther Gorenzel steht mit Trainer Michael Köllner am Trainingsplatz.
„Ich spreche nicht über, sondern mit dem Trainer“: 1860-Sportchef Günther Gorenzel mit Chefcoach Michael Köllner (r.), den er weiterhin nicht infrage stellt. © Imago

Nach vier Spielen ohne Sieg ist die Stimmung bei 1860 am Tiefpunkt. Trainer Köllner steht in der Kritik, Sportchef Gorenzel stellt sich exklusiv unseren Fragen.

München - Türkgücü hatte seit Oktober nicht mehr gewonnen, Halle auswärts seit August nicht mehr – beide holten sich drei Punkte gegen einen TSV 1860, der mal wieder tief in der Krise steckt. Gründe dafür und mögliche Auswege aus der Misere skizziert Sportgeschäftsführer Günther Gorenzel, 50, in Teil eins unseres großen Interviews, in dem er sich auch zu geplatzten Transfers und der Trainerfrage äußert.

Herr Gorenzel, sind die Löwen aktuell der dankbarste Gegner der 3. Liga?

Gorenzel: Es ist sicherlich so, dass wir momentan mental nicht auf der Höhe sind . . .

Es ist ja nicht der erste mentale Knacks, nicht die erste handfeste Krise. Ist das Duo Gorenzel/Köllner gescheitert?

Gorenzel: Das kommt darauf an, ob Sie die Dinge kurzfristig emotional oder inhaltlich an der Faktenlage interpretieren.

„Aber mit dem Betrag, der uns aus kaufmännischer Sicht bewilligt wurde, ist am Markt keine Lösung zu finden, welche uns sofort verstärkt.“

Günther Gorenzel verteidigt seine Transferstrategie im Winter.

Vier Punkte weniger als vor einem Jahr, vier Plätze runter in der Tabelle. Dabei war es das erklärte Ziel, sich zu verbessern.

Gorenzel: Absolut. In der letzten Spielzeit hatten wir die ligaweit beste Relation von eingesetzten finanziellen Mitteln und Punkteausbeute. Und in der laufenden Spielzeit muss man nichts schönreden. Die Strategie im Sommer war, dass wir Leistungsträger an den Verein binden, auf Kontinuität setzen und uns gezielt auf drei Positionen verstärken. Vom Sportetat her sind wir auf Platz sechs in die Saison gestartet, momentan befinden wir uns auf Platz zehn in der Punktetabelle – mit einem ausstehenden Nachholspiel. Warum, wieso, weshalb – da muss man in eine tiefer greifende Analyse gehen.

Sehr gerne. Seit der zweiten Halbzeit gegen Braunschweig wurden die Leistungen und Ergebnisse immer schlechter. Wo ist er hin, der viel beschworene Geist von Belek?

Gorenzel: Fakt ist, dass wir über die Saison gesehen zu wenig Konstanz auf den Platz bringen. In einzelnen Spielen sind wir wettbewerbsfähig, aber um vorne mitzuspielen, müssen alle Details passen: Mentale Aspekte, taktische Umsetzung, individuelle Aktionen am Ball, Athletik. Hinzu kommt, dass uns mit Wein, Willsch und Staude drei Spieler langfristig ausfallen.

War es blauäugig, das Team im Winter nicht zu verstärken? Auch Mölders wurde ja nicht ersetzt.

Gorenzel: Den Ausfall von Kevin Goden nicht zu vergessen. Ihm wollten wir ja in der Rückrunde die Willsch-Position anvertrauen, ehe ihn erneut Corona ausgebremst hat. Unter diesen Vorzeichen hatten wir im Januar eine Neubewertung des Kaders vorgenommen, diese auch ganz klar kommuniziert. Aber mit dem Betrag, der uns aus kaufmännischer Sicht bewilligt wurde, ist am Markt keine Lösung zu finden, welche uns sofort verstärkt.

„Die Personalie Terence Boyd kann ich einschätzen – auch, was er in den nächsten zweieinhalb Jahren kostet.“

Günther Gorenzel

Welchen finanziellen Spielraum hatten Sie denn?

Gorenzel: Soll ich den wirklich nennen?

Klar, bitte!

Gorenzel: Von kaufmännischer Seite wurden uns rund 50 000 Euro genehmigt, im Gesamtgefüge – inklusive Lohn-Nebenkosten. Da liegst du dann bei einem Monatsgehalt von 5000, 6000 Euro. Damit kannst du auch kein Leihgeschäft von einem Spieler, der dir ad hoc weiterhilft, umsetzen.

Mehr konnten Sie den Gesellschaftern nicht aus dem Kreuz leiern?

Gorenzel: Ich habe die Situation dargestellt, den genannten Betrag von kaufmännischer Seite freigegeben bekommen. Aber wie gesagt: Die Spieler, mit denen wir gesprochen haben, haben sich daraufhin anders entschieden.

Auch Terence Boyd, der dann lieber nach Kaiserslautern gewechselt ist.

Gorenzel: Ich werde hier auf keine konkreten Namen eingehen, aber es ist richtig, dass ich mich mit vielen Spielern beschäftigt habe. Das ist ja schließlich meine Aufgabe. Die Personalie Terence Boyd kann ich einschätzen – auch, was er in den nächsten zweieinhalb Jahren kostet. Aber das ist die Sache von Kaiserslautern.

„Die Jungs haben Angst, Fehler zu machen.“

Günther Gorenzel

Und wie lief es mit Tim Rieder? Da soll es ja in etwa um die von Ihnen skizzierte Gehaltsgrößenordnung gegangen sein.

Gorenzel: Wie gesagt: Ich hatte die genannten kaufmännischen Möglichkeiten – und am Ende haben sich Spieler anders entschieden.

Das Team wirkt zu brav, wie nun auch Präsident Robert Reisinger kritisierte. Gibt es bei 1860 eine Abneigung gegen Spieler mit Ecken und Kanten?

Gorenzel: Von meiner Person zu einhundert Prozent nicht. Weil ich der Meinung bin, dass Spieler mit Ecken und Kanten dazugehören. Du brauchst solche Typen.

Was sprach dann dagegen, Sliskovic und Sararer zu locken? Türkgücü hat bzw. hätte ihnen keine Steine in den Weg gelegt.

Gorenzel: Wir haben uns mit vielen Namen beschäftigt, aber die genannten Spieler sind mit unseren finanziellen Möglichkeiten im Winter nicht zu bekommen.

Kommen wir zur Trainerfrage. Bei Daniel Bierofka war Ihnen im Spätherbst 2019 klar, dass er in einer Sackgasse feststeckt. Was sagt bei Köllner Ihr Gefühl?

Gorenzel: Meine Auffassung ist, dass ich in der momentanen Situation nicht über den Trainer spreche, sondern sehr viel mit ihm – und mit dem gesamten Trainerteam.

Erreicht Köllner die Mannschaft noch? Mit Ausnahme von Marco Hiller und Niklas Lang hat sich kein Spieler verbessert.

Gorenzel: Das hat viel mit der mentalen Situation zu tun, die ich eingangs geschildert habe. Die Jungs haben Angst, Fehler zu machen. Sie müssen wieder den Glauben an sich selbst finden. Das Fußballspielen können sie ja in zweieinhalb Wochen nicht verlernt haben . . .

Interview: Uli Kellner

» Lesen Sie morgen Teil II unseres Interviews. U.a. wird sich Gorenzel darin zu seiner eigenen Zukunft äußern.

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