1860-Trainer zerknirscht

Möhlmann: „Mir fehlt der absolute Zusammenhalt“

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„Du erntest nur Achselzucken“: Benno Möhlmann ist nach der fünften Pleite in Serie so ratlos wie seine Spieler.

München - Benno Möhlmann über schlafmützige Löwen, Demotivation aus der Fankurve und den Umgang mit der Niederlagenserie.

Niederlagen sind beim TSV 1860 zum traurigen Alltag geworden. Das 0:3 bei Union Berlin war bereits das fünfte Spiel in Folge ohne Punkteausbeute für den Tabellen-Vorletzten (bei 1:11 Toren). Kein Wunder also, dass Benno Möhlmann, 61, stark zerknirscht wirkte am Tag danach – und zunächst wenig Lust verspürte auf eine tiefergehende Analyse. „Es ist nur noch nervig“, brummte der 1860-Trainer und zog einen cineastischen Vergleich: „Wie heißt dieser Film? Täglich grüßt das Murmeltier. Hier ist es wöchentlich so – weil es immer mit einer Niederlage endet.“ Er hat dann aber doch Stellung bezogen – und sich vor der versammelten Münchner Presse seinen Frust von der Seele geredet.

Herr Möhlmann, haben Sie mit etwas Abstand eine Erklärung für den seelenlosen Start in Berlin gefunden, für die pomadige Anfangsviertelstunde?

Pomadig weiß ich nicht. Wir waren ja gar nicht im Spiel drin. Wir haben überhaupt keinen Zugriff gekriegt – als ob wir uns nicht aufgewärmt hätten und nicht Bescheid wussten, dass der Platz schwierig zu bespielen ist und es nur über Zweikämpfe und Kampf geht. Wir haben eigentlich eine Situation, in der jeder weiß, um was es geht – und dann fangen wir so an . . .

Der Gegner, obwohl nicht direkt in den Abstiegskampf verwickelt, hat die Tugenden gezeigt, die Sie vermisst haben.

Die waren da, die waren beweglich. Obwohl: Ich hab mir die erste Viertelstunde am Abend noch mal auf Video angekuckt, und ich muss ganz ehrlich sagen: In den ersten zehn Minuten sieht es da nicht so extrem aus, wie ich es auf dem Platz empfunden habe. Da hatte ich es als ganz schlimm empfunden, wie die bei uns durchspaziert sind.

Haben Sie der Mannschaft das so deutlich mitgeteilt?

Wir haben das in der Früh angesprochen, aber wenn du fragst: Warum? Weshalb? Wieso? Dann erntest du nur Achselzucken. Das war eher ein Monolog von mir.

Direkt nach dem Spiel hatten Sie gar nicht so unzufrieden gewirkt.

Ich war nicht zufrieden, aber die Situation ist nicht so, dass ich jetzt auch alles niedermachen muss. Wenn die Fans schon anfangen mit „Adios 2. Liga“, und die Worte, als die Mannschaft zur Kurve ist, die waren auch nicht so freundlich, dann muss ich nicht auch mit Gewalt alles kaputt hauen. So scheiße haben wir auch noch nicht gespielt, dass wir aufgeben müssen.

Sondern?

Wir müssen einfach mehr begreifen, dass Abstiegskampf auch Kampf bedeutet.

In der Winterpause hatten Sie noch so zuversichtlich geklungen, was die Einstellung und den Zusammenhalt angeht.

Aber am Sonntag in den ersten Minuten waren wir nicht zusammen. Wie der Felix Kroos da so frei sein kann! Das war ein Einwurf in unserer Hälfte, da können wir den nicht so locker im zentralen Bereich stehen lassen. Da geht’s nicht nur um die zwei Spieler, die in der nächsten Nähe sind. Auch wenn ich dahinter stehe: Ich seh’ das doch! Da muss ich die anrufen, Theater machen. Wir müssen da in der Gesamtheit ganz anders reagieren.

Befürchten Sie, dass der positive Schwung aus der Vorbereitung schon wieder dahin ist?

Das werden wir sehen.

Vermutlich werden Sie nicht zur normalen Tagesordnung übergehen.

Wir müssen in die Trainingsgestaltung mehr Zweikämpfe einbauen. Ich kann die Mannschaft aber nicht nur rennen lassen. Wir müssen schon auch weiter Fußball spielen. Der Dienstag bleibt frei. Ich denke trotzdem, dass wir den haben müssen.

Wie bewerten Sie denn den Umgang der Spieler mit der misslichen Lage. Sehen Sie ein Einstellungsproblem?

So weit bin ich noch nicht. Ich kann aber verstehen, dass man manchmal den Eindruck bekommt. Dieser absolute Zusammenhalt fehlt mir noch, dieser absolute Wille, sich zu wehren.

Adios 2. Liga Tour? „Wer so ein Banner rausholt, der ist ja vorbereitet . . .“

Dazu passt die Reaktion einiger Fans. Erneut wurde das Plakat entrollt: „Adios 2. Liga Tour“. Haben Sie dafür Verständnis?

Schon zu meiner aktiven Zeit habe ich es akzeptiert, wenn nach schlechten Spielen Theater gemacht wurde. Während das Spiel läuft, möchte ich aber unterstützt werden. Das ist hier ein wenig verloren gegangen durch die letzten Wochen, Monate, Jahre. Wer so ein Banner rausholt, der ist ja vorbereitet. Wenn ich 100 Prozent mithelfen will, dann unterstütze ich das Team. Also, ich hatte kein Banner dabei. Man muss auch akzeptieren, dass einige Spieler auf dem Weg zur Kurve umgedreht sind. Ich weiß auch nicht, ob ich mich beschimpfen lassen würde.

Die Lage war selten so prekär. Die ersten Nichtabstiegsplätze sind bereits neun Punkte entfernt. Realitisch gesehen bleibt fast nur die Hoffnung auf eine erneute Relegation.

Es wäre schon vermessen, wenn wir sagen: Relegation spielt für uns keine Rolle. Das ist auch ein Weg, die Liga zu halten. Als ich damals mit Ingolstadt in der Situation war, habe ich immer nur vom Relegationsplatz geredet. Es ging nicht anders. Hier ist es ein bisschen anders, auch durch die Historie. Ich bin auch der Überzeugung gewesen, dass wir die Qualität haben, besser als auf Platz 16 zu stehen.

Trotz der Umstellung auf ein 4-4-2 mit Doppelspitze endeten zwei Spiele ohne Torerfolg, die Defensive lässt zu viele Torchancen zu. Kommt jetzt das System auf den Prüfstand?

Ab der 15. Minute haben wir bis zum 0:2 wenig Chancen zugelassen. Ich denke, so ein Tor nach einem Einwurf liegt nicht am System, das liegt an der Einstellung. Ich denke auch, dass wir gegen Nürnberg so viele Chancen hatten wir noch nie, seit ich hier bin. Ich bin noch nicht so weit, dass ich sage: Es liegt am System. Aber ich habe auch gesagt: Ich werde das 4-4-2 nicht in Stein meißeln.

Gegen Nürnberg bildeten Rubin Okotie und Sascha Mölders die Doppelspitze, in Berlin Stefan Mugosa und Mölders. Wie kam’s dazu?

Stefan Mugosa war in der ganzen Trainingswoche der Einzige, der laufend getroffen hatte. Er war auch dynamisch, und für mich war nur die Frage: Nehme ich Mölders raus oder Okotie? Für Sascha sprach, dass er von sich aus defensiv mithilft. Zu Rubin habe ich gesagt: Du wirst nachher für uns das Spiel entscheiden – und das hat er ja beinahe gemacht.

Gegen Bochum am Sonntag fehlt Maximilian Wittek nach seiner fünften Gelben Karte. Mit Jannik Bandowski ist der einzige Backup noch nicht einsatzfähig. Kommt Sertan Yegenoglu zu seiner Premiere als Linksverteidiger?

Ja, da kommt in erster Linie Sertan in Frage.

Stimmen Sie zu, dass es in den Heimspielen gegen Bochum und sechs Tage später gegen Düsseldorf fast schon um alles geht?

Das ist richtig. Es ist eine Riesenverpflichtung, daraus was zu machen. Mir ist klar, dass die beiden Spiele eine Vorentscheidung negativer Art bringen könnten. Wir sollten gegen Bochum punkten, und wenn es nur ein einziger Punkt ist. Wir müssen einfach wieder anfangen zu punkten.

Haben Sie überhaupt noch Freude an Ihrem Job bei 1860?

Fünf Niederlagen am Stück machen mir natürlich keinen Spaß. Ich denke aber, dass wir wirklich nicht chancenlos sind. Diesen kämpferischen Zusammenhalt – den müssen wir einfach noch mehr in die Mannschaft kriegen. Und wir müssen endlich in die Spur kommen.

Ein Hoffnungsträger ist jetzt Mittelfeldroutinier Goran Sukalo, der seit seinem späten Wechsel aus Fürth mit rätselhaften Leistenbeschwerden ausfiel. Hat man die Ursache für seine Schmerzen inzwischen gefunden? Wie verläuft seine Genesung?

Im Lendenwirbelbereich ist ein Nerv entzündet. Von dem soll alles ausgehen, aber der wurde jetzt angespritzt. Am Dienstag soll Goran laufen, am Mittwoch müsste das dann eigentlich wieder gehen.

Aufgezeichnet von Uli Kellner

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