Interview mit dem Film-Team

Löwen-Revier auf der großen TV-Bühne: „München Mord“ ist eine „Liebeserklärung an Giesing“

Kronenstüberl-Wirt Armin Gusthoff (Ernst Hannawald) und Barfrau Anke Fronzek (Liane Forestieri)
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Kronenstüberl-Wirt Armin Gusthoff (Ernst Hannawald) und Barfrau Anke Fronzek (Liane Forestieri).

„München Mord“: Die neue Folge der ZDF-Krimireihe spielt im Revier der Löwen. Wir haben mit dem Film-Team ein Interview geführt - über den TSV 1860 und die Bedeutung von Fußball.

  • Am Samstag (17. Oktober) gibt es für Fans des TSV 1860 einen Pflichttermin für einen unterhaltsamen Abend.
  • Im ZDF gibt es eine neue Folge des TV-Krimis „München Mord“ - Ermittelt wird im Revier der Münchner Löwen.
  • Und das nicht nur geografisch: In einem ausführlichen Interview erklären uns die Protagonisten die Hommage.

München – Ausnahmezustand heißt der elfte Fall der erfolgreichen Krimi-Reihe „München Mord“. Dieses Mal verschlägt es das seit 2013 aktive Ermittler-Trio Schaller/Neuhauser/Flierl nach Giesing in die Heimat des TSV 1860, wo ein Mord die gespaltene Fanszene aufschreckt, aber nicht eben gesprächiger macht… Atmosphäre, schräge Charaktere, schwarzer Humor – „Ausnahmezustand“ dürfte keinen Freund der Reihe enttäuschen.

Anlässlich der Erstausstrahlung an diesem Samstag (ZDF, 20.20 Uhr) baten wir die Hauptdarsteller Alexander Held (61, Schaller), Marcus Mittermeier (51, Neuhauser) und Bernadette Heerwagen (43, Flierl) zum Interview ins Verlagshaus. Begleitet wurde das Trio von Produzent Sven Burgemeister (54), der interessante Hintergrundinfos zum Entstehungsprozess beisteuern konnte.

TSV 1860: TV-Krimi „München Mord“ mit „absurdem“ Szenario

Herr Burgemeister, Ihr Film kommt ein paar Wochen zu spät – beim TSV 1860 ist inzwischen der Frieden ausgebrochen…
Burgemeister: Zu spät? Es ist nie zu spät (lächelt)… Und wer traut bei Sechzig schon welchem Frieden?
Heerwagen: Danke, das war’s, alles gesagt. Dann können wir jetzt ja wieder gehen (alle lachen).
Burgemeister: Ich wünsche mir nicht, dass das ein trügerischer Frieden bei Sechzig ist. Aber auch in Friedenszeiten sollte man sich ruhig daran erinnern, dass es auch mal nicht so gut lief – als mahnendes Zeichen.
Held: Und die Löwen-Fans sind im Moment ja auch außen vor. Wahrer Frieden wird sich erst im Stadion zeigen, wenn die Leute im alten Umfang wieder präsent sein dürfen. Aktuell ist Fernsehen angesagt…
Mittermeier: Ja, und da finde ich den Film jetzt großartig platziert, weil das Thema mit/ohne Fans total aktuell ist. Die Sehnsucht nach Live-Erlebnissen ist riesig. Gleich in der Anfangsszene gehen wir mit einer Masse von Fans aus dem Grünwalder Stadion, wo ich mir jetzt beim Anschauen sag: Scheiße, war das schön!
Heerwagen: Ja, solche Szenen sehen schon fast absurd aus jetziger Sicht – als wenn es ewig her wäre…
Held: Verrückt.

„München Mord“ im Revier des TSV 1860: Fans hatten das Gefühl, dass sie für ihr Viertel was tun

In Sachen Stimmung war es durchaus ein Experiment, wesentliche Szenen an einem Spieltag zu drehen. Nach unseren Informationen hatten die Löwen die Partie im Herbst 2019 gewonnen, nicht wie im Film 1:4 verloren…
Held: Das stimmt. Aber du konntest es an den Gesichtern der Fans trotzdem kaum ablesen, wie das Spiel ausgegangen war.
Mittermeier: Die, die singen, singen immer, und die anderen haben immer schlechte Laune (lacht).
Held: Vielleicht war der Sieg auch nicht überzeugend genug, ich weiß es nicht. Was ich weiß: Die Fans, mit denen wir zusammengearbeitet haben, waren sensationell, die haben sich eingebracht, das war eine wahre Freude.
Heerwagen: Die Leute hatten das Gefühl, dass sie für ihr Viertel was tun – mit ganzem Herzen.

1860 München: „Glücksfall, dass wir in Giesing drehen konnten“ - Worum es in dem TV-Krimi geht

Waren Sie gleich angefixt vom Drehbuch?
Alle drei: Sofort!
Mittermeier: Fußball im Film ist ja nicht ganz so leicht zu catchen. Das Spiel an sich funktioniert nicht mit Schauspielern, die nicht gscheid Fußball spielen können. Was funktioniert, ist die Metaebene, das Fan-Sein, die Identifikation mit einem Verein, einem Viertel. Da war es ein Glücksfall, dass wir in Giesing drehen konnten.
Heerwagen: Das Besondere war ja, dass wir die Geschichte praktisch an einem Tag erzählen. Vom Abpfiff des Spiels bis weit nach Mitternacht. Wir haben in diesen vier Wochen letztes Jahr die Hälfte am Tag gedreht, die andere nachts. Das war schon eine Herausforderung, die Geschichte so zu erzählen, dass sie bis zum Ende spannend bleibt.
Die treffend gezeichneten Charaktere, Details wie der Bierverkauf am Fenster, die Schauplätze „70er“ und „Schaumamoi“ (im Film: „Kronenstüberl“) – bei Autor Friedrich Ani merkt man, dass er das Viertel bestens kennt.
Held: In- und auswendig. Es ist ja immer von Giesings Höhen die Rede, im Buch hat der Fritz auch Giesings Untiefen ausgelotet – diese Mischung macht’s.
Burgemeister: Es ist eine Geschichte über das wahre Leben, die der Fritz und die Ina (Jung, Co-Autorin) geschrieben haben. Über den Zusammenhalt in Zeiten der Gentrifizierung mit all ihren unschönen Begleiterscheinungen. Der Fußball ist nur der Aufhänger und die Projektionsfläche. Der Film ist deshalb auch für Nicht-Fußballfans ganz besonders unterhaltsam.

Online ist der Löwen-Krimi „Ausnahmezustand“ übrigens bereits in der ZDF-Mediathek verfügbar:

TV-Krimi in Giesing: „Jetzt weiß wenigstens ganz Deutschland, was wir für ein Grattlerverein sind“

Bei den Löwen-Fans setzen Sie auch eine gute Portion Selbstironie voraus. Ein Bekannter, Sechzger seit Ewigkeiten, textete mir nach Vorab-Ansicht: „So, jetzt weiß dann wenigstens ganz Deutschland, was wir für ein Grattlerverein sind.“
(Alle lachen laut)
Heerwagen: So war’s aber nicht gemeint.
Mittermeier: Gar nicht!
Burgemeister: Die Fähigkeit zur Selbstironie schadet generell niemandem. Aber wir wollten die Löwen-Fanszene mit dem Film sicher nicht lächerlich machen. Es geht um Zugehörigkeit, das hat was Religiöses, Kathartisches…
Mittermeier: Der Film ist eine Liebeserklärung an Giesing und an das Lebensgefühl Sechzig. Für Nicht-Fans mag die Ernsthaftigkeit vielleicht befremdlich wirken, aber so ist das halt.

Unterdessen kündigt Kult-Coach Werner Lorant eine Nackt-Party an - sollte der TSV 1860 am Saisonende aufsteigen.

Fan sein beim TSV 1860 München: Das wahre Leben oder einfach eine Nebensache?

Der Part des Provokateurs gehört Ihnen, Frau Heerwagen.
Heerwagen: Ich bin im Film kein Fan, sondern nur zum Spiel mitgegangen mit dem Neuhauser. Da lass ich halt dann ein paar Sprüche los in seine Richtung…
Sie stellen auch Grundsatzfragen zum Fan-Dasein an sich.
Heerwagen: Ich stelle die Frage, wie weit man gehen würde für den Fußball. Ob das das wahre Leben ist oder eine Nebensache. Ich glaube, dass ich damit vielen Leuten aus der Seele spreche.
Wie sehen Sie’s selbst?
Heerwagen: Ich mag Fußball, aber ich bin keine Fußballverrückte. Durch meinen Bruder Philipp (Heerwagen, Torhüter beim SV Sandhausen, früher Haching, Bochum, St. Pauli) hab ich natürlich eine Verbindung. In Haching hab ich geübt als Fan, ich war auch in Berlin, als er dort mit Bochum gespielt hat, auch in der Allianz Arena. Und bei St. Pauli bin ich hängengeblieben. Die Millerntor-Stimmung hat mich gepackt.

TV-Krimi über TSV 1860 mit Manko: Hauptdarsteller ist eigentlich FC-Bayern-Fan

Sie, Herr Mittermeier, halten im Film leidenschaftliche Plädoyers für die Löwen-Werte Aufrichtigkeit und Zusammenhalt – egal in welcher Liga. Wie schwer fällt es Ihnen als FC-Bayern-Fan, den Tiefblauen zu spielen?
Heerwagen: Uii, kommt das jetzt in der Zeitung, dass der Marcus ein Roter ist?
Das dürfte sich bei unseren Lesern schon herumgesprochen haben…
Mittermeier: Und wenn nicht, dann halt jetzt (lacht). Ich kann ja nix dafür, weil ich quasi von Geburt an Bayern-Fan bin – durch meinen Vater. Ich hab den Sepp Maier Mitte der Siebziger- jahre nach der Ente hechten sehen im Olympiastadion. Gegen Bochum war das, glaub ich. Damals hat man auch noch leicht Karten bekommen.
Nicht abschweifen…
Mittermeier: Ich hab ein bissl ausholen müssen, hilft nix. Was ich sagen will: Als Schauspieler verkörpere ich ja immer andere, das ist der Beruf. Ich hab mir den Löwen-Fan mit Herzblut zu eigen gemacht. Und ich hab ja auch Sympathien, so ist es nicht. Trotzdem haben mich die Fans im Film natürlich ein Stückerl distanzierter behandelt, als sie gewusst haben, wie es in meiner Seele ausschaut. Aber es war trotzdem sehr menschlich.
Sie dagegen sind ein echter Blauer, Herr Held.
Held: Petar Radenkovic, war da ausschlaggebend – wie bei so vielen älteren Fans. Der Radi hatte die Angewohnheit, dass er nach Weitschüssen oft einen Tick länger auf dem Ball liegen geblieben ist als notwendig. Du wusstest nicht, ob er ihn hat oder ob er ihm doch noch durchrutscht. Das waren Sekunden, in denen das ganze Stadion den Atem angehalten hat. Und dann: Zack, aufgestanden, Ball raus, bin i   Radi, bin i König – und weiter ging’s! Ein Entertainer.
Ermittlungen im Milieu des TSV 1860: Alexander „Schaller“ Held, Marcus „Neuhauser“ Mittermeier und Bernadette „Flierl“ Heerwagen (oben v.l.n.r.) im Pressehaus unserer Zeitung zum Interview.

TSV 1860: Schauspieler Held erlebte in der Jugend glorreiche Zeiten - bis zur Verletzung

Sie haben auch für den TSV 1860 gespielt.
Held: Ich war bis zur A-Jugend bei 1860, wir sind viermal Jugendmeister geworden, dann hab ich mich bei einem Spiel in Budapest schwer an der Schulter verletzt, Knochen abgesplittert – danach war’s vorbei. Als A-Jugendlicher hab ich sogar ein paarmal oben mittrainieren dьrfen bei Max Merkel in seiner zweiten Trainerzeit. Das waren schon Erlebnisse. Und zu Bayern: In der Jugend haben wir sie meistens geschlagen, das werd ich auch nie vergessen. Der Gerd Müller hat mal zugeschaut – und uns Blauen nach dem Sieg ein Tragl Spezi ausgegeben, als Anerkennung.
Wie oft sind Sie heute noch im Stadion?
Held: Viel zu selten. Wenn es irgendwann wieder normal zugeht, dann werd ich sicher mal wieder hinschauen. Die letzten Jahre war ich einfach zu viel unterwegs beruflich – da war der Fernseher dann oft näher als das Stadion.
Mittermeier: Ich wohne in Regensburg, das ist jetzt auch nicht der allernächste Weg nach München. Aber ich schau mir auch den Jahn an, Respekt vor der Entwicklung! Das letzte Mal in der Arena war ich gegen Liverpool beim 1:3, das war jetzt nicht ganz so berauschend.
Könnten Sie sich auch eine Bayern-Folge „München Mord“ vorstellen?
Burgemeister: Vielleicht nicht so selbstironisch und nur in einem Stadtteil, aber ansonsten… na klar, warum denn nicht?
Mittermeier: Verlieren wäre bei Bayern halt unglaubwürdig.
Held: Also ich könnte mir da schon was vorstellen, was Historisches… So eine Geschichte rund um das Finale dahoam...
Gut, aber da ginge es dann eher um Selbstmord…
(Alle lachen)
Mittermeier: Und ned nur um einen!
Heerwagen: Makaber, makaber… Aber trotzdem gute Idee, das werden wir nächstes Jahr aufgreifen!
Ich muss Sie noch was Spezielles fragen, Herr Held.
Held: Gerne.

Beim TSV 1860 und abseits vom Fußball: Man muss nicht mit jedem Freund sein

Als Ludwig Schaller leben Sie in der Serie von Ihren Visionen, auch in der neuen Folge wieder ganz intensiv. Welche Vision haben Sie für 1860?
Held: Ha, das ist jetzt natürlich eine wegweisende Frage! Sie haben’s ja vorher schon angesprochen, momentan fährt man bei Sechzig in eher ruhigen Gewässern, ich halte das für sehr vernünftig. Weil bei uns im Film-Team ist es ja ähnlich. Man muss nicht mit jedem Freund sein, aber in der Arbeit braucht’s ein gemeinsames Ziel. Und das sollte man gemeinsam verfolgen. Ich bin mir sicher, dass auch die Fans ihren Beitrag zum Frieden leisten werden. Mehr Einigkeit würde dem Gesamten schon sehr gut tun.
Und noch eine Fachfrage zum Schluss: Was hat es mit dem angeblichen Giesinger Brauch auf sich, dass die Männer den Frauen am Samstag Blumen schenken? Ich hatte bis zum Film noch nie was davon gehцrt.
Mittermeier: Ich auch nicht.
Heerwagen: Aber ein schöner Brauch ist das!
Burgemeister: Das kommt von unseren Autoren und denen glaub ich das. Weil: Wenn sich einer mit Blumen und den Frauen aus Giesing auskennt, dann der Fritz Ani.

Ob sich den Film auch die Kicker der Löwen am Wochenende anschauen? Gut möglich, nachmittags gastiert man jedoch zum Duell gegen Hansa Rostock an der Ostsee (hier geht‘s zum Live-Ticker).

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