Interview mit dem Motivationsexperten

Aufpassen, Löwen: Ex-FCI-Trainer Oral weiß, wie man Nackenschläge in positive Energie umwandelt

Tomas Oral feuert den FC Ingolstadt an.
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Immer positiv bleiben: Ex-FCI-Coach Tomas Oral beim Duell mit 1860 um den Relegationsplatz (das Ingolstadt 3:1 gewann).

Mit dem FCI hat er 1860 einen Knacks verpasst - jetzt spricht Tomas Oral den Löwen Mut zu: „Sie werden noch ein gehöriges Wort um die Aufstiegsplätze mitreden.“

München – Er kennt sich aus mit späten Nackenschlägen im Aufstiegskampf – und mit Kniffen, wie man eine Mannschaft danach mental wieder in die Spur bekommt: Tomas Oral, 48, Ex-Trainer des FC Ingolstadt und als solcher mitverantwortlich dafür, dass die Löwen, Gegner im dramatischen Saisonfinale, einen Knacks abbekommen haben. Im Gespräch mit unserer Zeitung gewährt der Motivationsexperte Einblicke in seine Psycho-Trickkiste.

Herr Oral, beim 3:1-Sieg am 22. Mai hatten Sie mit dem FC Ingolstadt das bessere Ende für sich. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie die Löwen jetzt auf Tabellenplatz 13 der 3. Liga sehen?

Oral: Nein, das hab ich nicht – und ich muss auch sagen: Gerade in den letzten zwei Jahren haben die Verantwortlichen bei 1860 einen richtig guten Job gemacht. Sie haben den Laden stabilisiert, konsolidiert - und solche Ergebniskrisen kommen immer mal vor. Ich bin mir sicher, dass sie das auch wieder in den Griff kriegen. Die Liga ist sehr ausgeglichen. Man arbeitet auf einen Lauf hin – und der wird mit Sicherheit wieder kommen.

Wie hart und nachhaltig trifft es eine Mannschaft, deren Aufstiegsträume im allerletzten Moment platzen? Was macht das mit den Spielern?

Oral: So etwas verarbeitet jede Mannschaft anders. Bei uns war es damals so, dass wir aus der Situation unheimlich viel positive Energie getankt haben. Auch tanken mussten, denn wir wollten unbedingt aufsteigen. Wichtig ist, dass die Führungsspieler vorneweg marschieren und das Ding in die Hand nehmen. Gerade dann, wenn es sehr, sehr eng und holprig wird.

Ingolstadt hatte es ja 2020 noch härter erwischt: Aufstiegs-K.o. in der allerletzten Minute der Relegation. Was haben Sie unternommen, um die Mannschaft mental wieder flott zu kriegen?

Oral: Es war nicht nur die allerletzte Minute – es war zweimal die allerletzte Sekunde! Nach dem letzten Spiel bei 1860 (2:0), als wir schon aufgestiegen waren und Würzburg plötzlich einen Elfmeter zugesprochen bekommt. Dann bist du in der Relegation, spielst nach zwei Tagen Ruhepause gegen Nürnberg – und verlierst das erste Spiel sang- und klanglos (0:2). Dann bäumst du dich auf, führst im Rückspiel mit 3:0 – bis zur allerletzten Sekunde… Aber: Wir haben trotzdem unheimlich viel Saft daraus gezogen, weil wir gesehen haben, zu was wir imstande waren. Das hat uns die Arbeit erleichtert für die nachfolgenden Wochen. Wir haben versucht, dass sich die Spieler voll auf den nächste Anlauf fokussieren. Der Blick nach hinten war ab dem Beginn der Vorbereitung verboten. Wir haben gesagt: Wir schauen nicht zurück, denn was passiert ist, ist passiert. Das ist eine Geschichte, die uns jetzt nach vorne bringen muss. Und so sind wir die Aufgabe angegangen.

Nicht zurückblicken und der verpassten Chancen hinterher trauern – das hört sich wahrscheinlich leichter an, als es ist. Haben Sie da spezielle Tricks?

Oral: Ich glaube, das Wichtigste ist der Glaube an die eigene Stärke. Dieses Vertrauen hatten wir einfach. Dazu haben wir mit Marc Stendera einen unbelasteten Schlüsselspieler dazugeholt. Zusammen mit Kutschke, Gaus, Paulsen, Schröck – das war schon eine Achse, die die Führungsrolle gut angenommen hat. Jeder weiß ja, was für ein unheimlich schwieriges Unterfangen es ist, aus dieser Liga rauszukommen. Deswegen hat es auch gar keinen Sinn gemacht zurückzublicken – diese 97. Minute hätte uns keiner rückgängig gemacht.

Was passiert ist, ist passiert. Diese 97. Minute hätte uns keiner rückgängig gemacht.

Ex-Ingolstadt-Coach Tomas Oral über den Last-Minute-K.o. in der Relegation 2020.

Trotzdem lief es auch für den FCI nicht sofort. Platz 11 nach vier Spielen war allerdings die schlechteste Zwischenbilanz. Wie haben Sie es hingekriegt, dass es danach zumindest ergebnistechnisch lief?

Oral: Es war ja so, dass wir coronabedingt keine Vorbereitung hatten, keine Testspiele. Alle Stürmer – von Kutschke bis Kaya – waren verletzt. Wir sind dann sauber in die Saison gestartet – mit zwei Siegen. Und als danach die Delle kam, haben wir es geschafft, nie eine große Lücke zu den vorderen Plätzen entstehen zu lassen. Wir waren ein eingeschworener Haufen und uns im Klaren, dass sieben, acht Mannschaften mitkonkurrieren. Wir wussten um unsere Stärke, aber auch, dass wir nicht deutlich besser sind als die anderen. Allen war klar, dass wir viel als Team regeln mussten.

Sie sind ja auch bekannt für ungewöhnliche Motivations-Aktionen. Stichwort: Waschanlage. Gab es Phasen, in denen Sie in die Psycho-Trickkiste greifen mussten?

Oral: Es war natürlich eine große Leere da, keine Frage. Und zum Thema Maßnahmen: Die erste war, dass wir den Spielern zehn Tage länger Urlaub gegeben haben. Für die Köpfe. Und damit das jeder mit sich selber und seiner Familie ausmachen kann. Auch im Laufe der Saison haben wir gewisse Dinge praktiziert, um den Teamspirit zu stärken. Wir haben uns von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen lassen – und uns selber die Favoritenrolle zugeschneidert. Wir haben von Anfang an gesagt: Für uns zählt nur der Aufstieg – obwohl ich wusste, dass das auch eine Riesen-Ohrfeige geben könnte, wenn es in die Hose geht.

Anstatt den Druck rauszunehmen haben Sie ihn erhöht?

Oral: Ja, denn man muss ja sehen, dass hinter uns schon zwei Relegationen lagen. Die haben wir uns hart erarbeitet – und sie wurden uns brutal weggenommen. Wir haben dann auch ein Video gedreht, um unser Ziel, die 2. Liga, zu visualisieren. Im Laufe der Saison haben wir immer wieder mit gewissen Bildern daran erinnert. An das Ziel, aber auch an die Störfaktoren, die links und rechts lauern. Ein anderes Beispiel: Vor dem Duisburg-Spiel haben wir den Flieger gezogen, mit dem wir danach geflogen sind. Die ganze Mannschaft – mit einem großen Seil. Erst haben die Spieler geschmunzelt, aber dann haben sie gesehen: Hoppla, es geht vieles, wenn man an einem Strang zieht – da kann man auch 70, 80 Tonnen in Bewegung setzen. Das konnten wir dann auch direkt nutzen, denn zur Pause lagen wir 0:1 zurück – danach haben wir drei Tore in zehn Minuten geschossen und am Ende noch 5:1 gewonnen. Im Laufe der Saison waren mehrere Maßnahmen dabei, das meiste bleibt aber ein Kabinengeheimnis.

Vor dem Duisburg-Spiel haben wir den Flieger gezogen, mit dem wir danach geflogen sind. Die ganze Mannschaft – mit einem großen Seil. Erst haben die Spieler geschmunzelt, aber dann haben sie gesehen: Hoppla, es geht vieles, wenn man an einem Strang zieht – da kann man auch 70, 80 Tonnen in Bewegung setzen. 

Tomas Oral.

Ihrem Ex-Club hat die 2. Liga bisher wenig Freude bereitet. Nach sieben Spieltagen ist Ingolstadt Vorletzter. Spüren Sie eine gewisse Genugtuung, nachdem man sich von Ihnen kurz nach dem Aufstieg getrennt hat?

Oral: Nein, Genugtuung spüre ich überhaupt nicht. Der FC Ingolstadt ist ein Verein, der mir massiv am Herzen liegt. Ist ja klar, wenn man schon dreimal da war und immer seine Ziele erreicht hat. Wir haben 17, 18 Monate wie die Verrückten gearbeitet, um den Verein zurück in die 2. Liga zu bekommen. Da ist schon viel Wehmut dabei.

Würden Sie ausschließen, eines Tages ein viertes Mal in Ingolstadt zu landen?

Oral: Im Fußball sollte man nie etwas ausschließen.

Wagen Sie doch mal eine Prognose: Wo landet Ingolstadt am Ende der Zweitligasaison, wo die Löwen in der 3. Liga?

Oral: Nach sieben Spieltagen ist noch nicht viel passiert, aber mein Eindruck ist, dass die Verantwortlichen in Ingolstadt sehr leichtsinnig mit der 2. Liga umgehen. In der momentanen Konstellation wird es sehr, sehr schwer für Ingolstadt. Und was 1860 angeht: Die federführenden Jungs (Trainer Michael Köllner und Sportchef Günther Gorenzel/Red.) haben eine gewisse Erfahrung und werden schon wissen, was sie zu tun haben. Wenn man da die Ruhe bewahrt, werden die Löwen noch ein gehöriges Wort um die ersten drei Plätze mitreden. Vertrauen in die handelnden Personen ist immer wichtig, denn was vor drei Monaten gut war, kann jetzt nicht schlecht sein.

Welchen Reiz hätte für Sie ein Relegationsduell FCI gegen 1860?

Oral: (schmunzelt) Das wäre ein abenteuerliches Duell – mit sehr viel Brisanz. Ich wünsche aber beiden Mannschaften, dass sie auf normalem Weg ihr Ziel erreichen.

Und wie geht es mit Ihnen beruflich weiter? Schon eine neue Aufgabe in Sicht?

Oral: Bis gestern war es recht ruhig, aber ich werde weiterhin meine Hausaufgaben machen, um dann auch performen zu können, wenn meine Person gefragt ist.

Interview: Uli Kellner

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