Die tz traf Fritz von Thurn und Taxis, Waldemar Hartmann, Marcel Reif und Uli Köhler

„1860 hat eine Sorge weniger als Bayern“

Fußball-Stammtisch
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Experten unter sich: Fritz von Thurn und Taxis, Waldemar Hartmann, Marcel Reif und Uli Köhler (v.l.)

München - Zum Bundesliga-Stammtisch lud die tz vier Top-Experten ein. Fritz von Thurn und Taxis, Waldemar Hartmann, Marcel Reif und Uli Köhler ratschten über Bayern und 60, über Gott und die Fußball-Welt.

Sky-Chefkommentator Marcel Reif, Senderkollege Fritz von Thurn und Taxis, ARD-Urgestein Waldi Hartmann (tritt am 20. August mit „Born to be Waldi“ im Lustspielhaus auf) sowie BR-Rückkehrer Uli Köhler tauschten sich zwei Stunden lang aus.

Und Reif, der auf Sky das Bayern-Auftaktspiel in Hoffenheim kommentiert, holte sich von Thurn und Taxis die letzten Tipps – denn TT kam direkt vom Bayern-Pokalsieg zum Stammtisch.

Die tz schrieb fleißig mit.

Reif: Fritz, berichte uns! Wie hast du die Bayern gesehen, worauf muss ich am Samstag aufpassen?

Thurn und Taxis: Mir ist vor allem aufgefallen, dass es momentan nur vier Stammspieler gibt: Lahm, van Bommel, Klose und Gomez. Alles andere ist Verhandlungsmasse und wirkt sehr wacklig. Das B im FCB steht momentan für Baustelle. Und das ist kein gutes Zeichen. Ich bin sehr skeptisch im Moment, zumindest für den Saisonstart.

Reif: Von deinen vier Stammspielern kannst du gleich noch einen abziehen. Ich sehe im Sturm nur Gomez als gesetzt.

Hartmann: Und ich sehe Olic. Wenn der spielt, dann läuft’s – denn der läuft sich einen Wolf.

Reif: Absolut. Ivica Olic ist der neue Sali­hamidzic. Wenn der nicht mehr kann, tragen ihn die anderen auf den Schultern in die Kabine und streicheln ihn, weil er für alle läuft, bis er tot umfällt.

Die wertvollsten Bayern-Spieler

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Köhler: Egal, ob du jetzt drei oder vier fixe Stammspieler hast: Die Einkäufe, von Gomez mal abgesehen, schauen mir nicht unbedingt nach einem Generalangriff auf die Champions League aus, Herr Braafheid und Herr Pranjic in allen Ehren. Der Pranjic hat vier Jahre in Heerenveen gespielt. Warum hat ihn keiner geholt, wenn er so gut ist?

Thurn und Taxis: Es sind noch zu viele Positionen nicht erstklassig besetzt. Van Gaal hat zu viele Dinge aufzuarbeiten, die er nicht zu verantworten hat. Mit den beiden Einkäufen aus Holland will er ein paar Löcher kitten – aber im Endeffekt ist das noch nicht seine Mannschaft. Und das macht ihn noch grimmiger, als er eh schon ist.

Köhler:  Wobei man sagen muss: Van Gaal ist gar nicht so übellaunig, wie man manchmal meint. Ich war im Trainingslager dabei, der hat schon eine gute Mischung drauf. Der s

Uli Köhler: „Wenn Luca Toni sich nicht mehr aufs ­ H’ugo’s ­konzentriert, wo er ­neuerdings wohnt, sollte man den nicht ­abschreiben.“

cheißt die Spieler zwar zusammen, ist aber im Loben genauso überschwänglich. Die Spieler finden den nicht so schlecht. Aber sein ganz großes Problem kommt ja erst noch, wenn Ribéry wieder fit ist – und wenn van Gaal feststellt, dass selbst ein gut gelaunter Ribéry nicht als Zehner hinter den Spitzen spielen kann. Über die Sprengkraft eines schlecht gelaunten Ribéry brauchen wir gar nicht erst zu reden.

Reif: Für mich war die Zehn immer eine strategische Position – und man kann Ribéry vieles nachsagen, aber nicht, dass er ein Stratege ist. Ihn muss man machen lassen. Aber im modernen Fußball kannst du dir eigentlich keinen Spieler leisten, der sagt, mich interessiert hier nichts, es gibt jetzt die große Ribéry-Show. Mich erinnert das an Manchester: Dort ist Ronaldo von Ferguson so lange getriezt worden, bis er jetzt endlich weg ist. Und damit wird die Mannschaft nur noch besser. Es ist doch so: Gute Trainer sind Mathematiker…

Was lässt van Gaal da eigentlich trainieren?

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Köhler: Also doch?

Reif: Also doch! Deswegen war Ottmar ja so gut. Die rechnen dir ganz nüchtern aus: Gib mir zehn Spieler, die jede Woche zuverlässig 80 Prozent abliefern – die sind mir lieber als einer, der einmal 130 Prozent bringt und dann sechs Wochen lang bei 40 Prozent rumdümpelt. Also wenn das funktioniert mit van Gaal und Ribéry, dann muss ich noch viel dazulernen.

Hartmann: Ich bin immer noch nicht sicher, ob er bleibt. Wenn ich mir die Auseinandersetzungen auf dem Bayern-Olymp anschaue, dann ist dieses Ding noch nicht gegessen. Und ich muss sagen: Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es gut, wenn er geht. Schau dir doch an, wie Ribéry rumläuft – das Leiden Christi!

Thurn und Taxis: Insofern hat der Franz recht gehabt. Der hat das richtige Naserl, und er traut sich halt, es auch zu sagen.

Reif: Wenn Bayern Ribéry nach Madrid verkauft und dafür Wesley Sneijder als Zehner und einen Haufen Geld bekommen hätte, hätten sie van Gaal sehr glücklich gemacht. Ich verstehe bis heute nicht, warum das nicht funktioniert hat.

Köhler: Soweit ich weiß, lag nur ein konkretes Angebot auf dem Tisch – die 80 Millionen von Chelsea. Von Real kamen immer nur Absichtserklärungen.

Hartmann: Und bei Chelsea sagt Wahiba, da gehen wir nicht hin, da regnet es noch mehr. Und ihr Mann will auch gar nicht nach England, der will zu seinen Spezis Benzema und Zidane.

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Thurn und Taxis: Und was machen wir jetzt, wenn Ribéry geht? Schweini auf die Zehn?

Reif: Gutes Thema. Wisst ihr, wer für mich der beste Neuzugang wird? Bastian Schweinsteiger. Ich glaube, er hat begriffen: Wenn er in dieser Saison keine tragende Größe wird, ist er hier weg. Von den Fähigkeiten hat er alles drauf – und ich traue ihm

Marcel Reif: „Wisst ihr, wer für mich der beste Neuzugang wird? Bastian ­Schweinsteiger. Von den ­Fähigkeiten hat er alles drauf.“

auch den Zehner zu. Aber sag, Fritz, was ist mit dem Timoschtschuk? Von dem dachte ich, er ist ein Königstransfer. Und dann sitzt er gegen die großartige SpVgg Neckarelz 90 Minuten auf der Bank.

Thurn und Taxis: Timoschtschuk ist kein van-Gaal-Transfer. Wahrscheinlich ist es dem Trainer per se schon suspekt, wenn einer mit einer ganzen Entourage daherkommt, Koch, Friseur, Manager, Medienberater.

Hartmann: Richtig. Timoschtschuk wurde verpflichtet, als der Blonde Mark van Bommel schon auf die Heimreise geschickt hatte. Aber da hat er sich geschnitten. Van Bommel ist einer wie früher Jan Wouters. Der war damals der absolute Chef in der Truppe, der hat Ribbeck erledigt. Damals hat Raimond Aumann zu mir gemeint, ich spiele jetzt acht Jahre hier, und der Wouters ist zwei Wochen da, und weiß mehr vom Verein als ich.

Reif: Momentan bedeutet van Gaals Raute: Du musst Leute wie Altintop, Schweinsteiger oder Timoschtschuk auf die Bank setzen, damit Herr Ribéry seinen Fußball spielen kann. Da stimmt die Statik noch nicht. Und was ist mit Luca Toni?

Thurn und Taxis: Wenn sich Klose verletzt oder Gomez, bist du froh, wenn du einen Toni hast.

Hartmann: Oder wenn du in der 80. Minute hinten liegst und die Brechstange brauchst. Dann kannst du ihn bringen.

Köhler: Wenn Luca Toni sich endlich dazu entschließt, sich nicht mehr aufs H’ugo’s  zu konzentrieren, wo er neuerdings wohnt, sondern aufs Trainieren – dann sollte man den nicht abschreiben. Bis er sich bei der EM diesen Bart hat wachsen lassen, war er der Erfinder des Toreschießens, wenn ich mich recht erinnere.

Bayern-Stars feiern im H’ugo’s

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Thurn und Taxis: Ein Problem müssen wir aber noch ansprechen: Der Klub von Maier, Pfaff und Kahn ist jetzt der einzige Verein in der Bundesliga, der keine sichere Nummer eins hat. Ja, das gibt’s doch gar nicht!

Hartmann: Olli Kahn meint, dass Bayern kein Torwartproblem hat. Genauso gut kann er behaupten: Im Sommer 2009 hat es bis jetzt noch kaum geregnet. Aber wenn wir von Maier, Pfaff und Kahn reden, muss man natürlich auch sagen: Die hatten alle eine bärenstarke Abwehr vor sich. Dieses Vergnügen hat Rensing nicht.

Reif: Was ich nicht verstehe: Ein Torwart hat ja heute eine ganz andere Rolle als früher. Der muss mitspielen, der muss eine Einheit mit der Abwehr bilden. Wenn van Gaal so

Waldemar Hartmann: „Olli Kahn meint, ­Bayern hätte kein ­Torwartproblem. Genauso gut kann er behaupten: Im Sommer 2009 hat es bis jetzt noch kaum geregnet.“

weit ins Detail geht, dass er einen Lucio verkauft, weil er in der linken Innenverteidigung einen Linksfuß will – und dann machst du aus der Torhüterposition so ein Dauerthema, dann spricht das nicht dafür, dass Bayern international in Kürze die Großen angreifen kann. Ich freue mich ja über jeden Jungen wie einen Badstuber. Aber wenn mir jemand gesagt hätte, dass die Abwehr des FC Bayern nach der Kahn-Ära aus Leuten wie Rensing, Badstuber und van Buyten besteht, hätte ich gesagt: Das passiert nur, wenn eine Epidemie ausbricht.

Thurn und Taxis: An dieser kurzfristigen Entscheidung für Rensing siehst du die Qualen, die van Gaal aussteht. Im Endeffekt vertraut er keinem von beiden.

Hartmann: Wahrscheinlich wirkt van Gaal manchmal so mürrisch, weil er schlecht schläft, wenn er an seine Torhüter denkt, die nicht einmal in der Bundesliga ins obere Drittel gehören. Ich bin überzeugt, wenn Rensing nicht die zwei Elfer gegen Manchester hält, steht der Butt im Tor.

Köhler: Ein Elfmeterschießen gegen Engländer kann nie ein Kriterium sein.

Reif: Fazit zum FC Bayern: Vor dieser Saison ist es nicht mehr so wie früher, dass du nachts um drei geweckt wirst, und im Halbschlaf brabbelst: „Bayern wird Meister, lass mich weiterschlafen.“ Dieser Automatismus ist erst einmal vorbei. Und ich bin gespannt, ob man an der Säbener Straße bereit ist, das zu akzeptieren.

Köhler: Wie gefällt euch Uli Hoeneß auf der Tribüne?

Thurn und Taxis: Du meinst den Mann mit dem Schweigegelübde? Uli hat mir gesagt: „Den Fehler wie der Franz mache ich nicht. Ich sage kein Wort da oben.“

Köhler: Ob er das durchhält? Wenn Uli nix mehr sagt, macht es irgendwann bumm und es zerreißt ihn.

Thurn und Taxis: Ich bin gespannt, wie sich Christian Nerlinger entwickelt. Im Moment wirkt er noch sehr verschreckt. Man muss sich bloß anschauen, wie er da unten sitzt neben einem van Gaal, wie ein Bub, der Angst davor hat, irgendwas falsch zu machen.

Christian Nerlinger zeigt der tz sein neues Büro

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Hartmann: Die noch viel interessantere Frage ist aber: Funktionieren die internen Transfers beim FC Bayern tatsächlich so reibungslos wie geplant? Wie man aus dem Verwaltungsrat so hört, ist ja noch längst nicht sicher, ob Uli wirklich Aufsichtsratsvorsitzender w

Fritz von Thurn und Taxis: „Uli, der Mann mit dem Schweigegelübde, hat mir gesagt: „Den Fehler wie der Franz mache ich nicht. Ich sage kein Wort da oben.“

ird. Denn dazu muss erst einmal einer runtersteigen vom Karussell. Und der amtierende Aufsichtsratsvorsitzende muss sagen: „Jawoll, ich gehe.“ Und das habe ich vom Franz noch nicht so laut und deutlich gehört. Nach dem Zoff um Ribéry wird es sehr interessant, wie sich das weiter entwickelt.

Thurn und Taxis: Lasst uns über die Konkurrenz reden!

Köhler: Wenn ich überall höre, dass sich Bayern nur selber schlagen kann, muss ich sagen: Schaut euch mal an, was in Wolfsburg passiert. Die haben die ganze Mannschaft zusammengehalten und sogar noch aufgerüstet. Der Meister ist für mich am besten aufgestellt.

Reif: Einspruch! Die haben jetzt die Champions League – und daran haben sich schon ganz andere Mannschaften verschluckt. Wolfsburg kommt aus dem Nichts, aus dem Garnichts. Stuttgart kannte das einigermaßen und ist so kläglich auf die Nase gefallen. Es wäre übermenschlich, wenn Wolfsburg das hinkriegt.

Hartmann: Der Veh ist eh die ärmste Sau. Wenn ich immer höre, die Erwartungshaltung in Wolfsburg ist nicht groß. Von wegen – die ist riesig. Die haben gerade Porsche plattgemacht, die wollen nicht mehr Polo fahren! Das wird schwer. Ich sehe den VfB mit Hleb und Pogrebnjak sehr stark. Der Hleb war schon immer ein Riesenfußballer. Und an Pogrebnjaks Tore im Uefa-Cup erinnert sich Bayern noch schmerzlich.

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Reif: Magath hin, Magath her – der Trainer der Saison für mich war letztes Jahr Markus Babbel. Der hat zusammen mit Horst Heldt alles richtig gemacht. Babbel und Heldt – zwei Auszubildende, gerade noch zwei Kurzhosige, führen die Geschicke heute so, dass Herr Staudt nichts mehr sagt, dass Herr Hundt nicht mehr zu hören ist. Hut ab! Und wenn ein Zehner wie Hleb nicht zu Bayern geht, sondern zum VfB, ist das doch aller Ehren wert.

Hartmann: In Schalke pickt sich Felix gerade die Stinkstiefel raus, Farfan, den einen oder anderen Südamerikaner. Aber das ist bis jetzt noch weniger seine Mannschaft als bei Bayern mit van Gaal. Köhler: Der wird jetzt eineinhalb Jahre ausmisten und dann kommen seine Jungs. Aber diese und nächste Saison musst du nicht mit Schalke rechnen.

Reif: Dortmund gefällt mir. Dort ist jetzt alles geregelt: Trainer Klopp, das Umfeld, die Fans, eine mit Verstand zusammengebaute Mannschaft – alles perfekt. Aber bei den Meisterschaftskandidaten dürfen wir natürlich Poldi nicht vergessen.

Köhler: Wo geht der eigentlich hin, wenn Köln absteigt?

Reif: Mal im Ernst: Entweder, es geschieht ein Wunder, oder er ruiniert dort seine Karriere endgültig. Aber es muss ein Wunder passieren, denn drunter machen sie es nicht in Köln. Zehn oder 15 Poldi-Tore werden nicht reichen, aber am Rhein gehört Realitätsverlust zur Folklore.

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Hartmann: Da unten ist die Hauptsache, dass sich der Club hält. Und das schaut aus meiner Sicht recht gut aus. Was Oenning dort mit den Jungen auf die Beine gestellt hat, gefällt mir.

Thurn und Taxis: Apropos Wunder, Marcel. Da muss ich natürlich gleich an 60 denken. Ich bin ja ein Sympathisant der Löwen, ohne mich um die Details zu kümmern, sonst werd’ ich ja verrückt. Aber der Lienen, mit dem ich neulich eine Flasche Wasser getrunken habe, macht mir einen sehr aufgeweckten Eindruck. Wer Köln bei stabiler geistiger Gesundheit übersteht, der hält auch 60 aus. Ich glaube, die werden eine ganz gute Rolle spielen.

Reif: Grundsätzlich bin ich ja skeptisch, wenn sich ein Trainer gesund ernährt oder Marathon läuft. Aber Lienen war sicher ein guter Griff für 60. Ich würde vorschlagen: Die sollen endlich einmal ein vernünftiges Jahr in der 2. Liga spielen, vielleicht Fünfter oder Sechster werden, sich weiter verstärken, und dann versuchen, aufzusteigen. Wenn’s schneller geht, gern. Aber nach einer Katastrophensaison gleich wieder ganz nach oben, das funktioniert selten.

Köhler: Jedenfalls haben die Löwen endlich, wenigstens ein einziges Mal, eine Sorge weniger als der FC Bayern.

Hartmann: Ich weiß, was du meinst, Uli: Sie haben kein Torwartproblem.

Aufgezeichnet von Jörg Heinrich

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