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Als Wildmoser vor Glück weinte

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Werner Lorant und Karl-Heinz Wildmoser. © dpa

Bis zum Jahr 1988 gab es zwischen dem TSV 1860 und Karl-Heinz Wildmoser keine amtlich bekannten Berührungen. Wenn er zum Fußball ging, dann ins Olympiastadion zum FC Bayern, bei dem er aus geschäftlichen Gründen zwei Dauerkarten besaß.

Die Löwen dagegen dümpelten seit sechs Jahren in der Bayernliga herum, hatten mit dem großen Fußball mittlerweile so viel zu tun wie Karl-Heinz Wildmoser mit einem Balletttänzer. Der Starnberger Wirt und Löwenfan Dinand Scheermeyer wollte sich damit nicht abfinden und suchte eine starke Führungspersönlichkeit für seinen Verein.

Wildmoser, häufig Gast in seinem Lokal, schien ihm der Richtige zu sein. Immer wieder redete er auf ihn ein, Wildmoser aber blieb standhaft. Zumindest ein Jahr lang: „Ich habe dem Dinand dauernd gesagt, dass er mit seinem Schmarrn aufhören soll, aber er hat nicht locker gelassen.“ Im Sommer 1989 war’s dann so weit. Scheermeyer hatte Wildmoser kleingekriegt, er war bereit, als Präsident zu kandidieren und fuhr mit ihm zum Spiel der Löwen beim MTV Ingolstadt.

Wildmosers erste Berührung mit dem TSV 1860 war eine 2:3-Niederlage in der Provinz. Aber es sollte noch drei Jahre dauern, bis Wildmoser die Macht beim TSV 1860 übernahm. Die an der Grünwalder Straße üblichen Grabenkämpfe machten auch einem Mannsbild wie ihm erst mal zu schaffen.

Tour durch das Grünwalder Stadion

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Kaum aber war er im Juni 1992 Präsident, fällte er eine Entscheidung, die für ihn und den TSV 1860 für lange Jahre einen Segen darstellen sollte: Er verpflichtete Werner Lorant als neuen Trainer. Ein Jahr später stiegen die Löwen in die 2. Liga auf, zwölf Monate drauf gelang sogar die Rückkehr in die Erstklassigkeit. Nach 13 langen Jahren. Lorant und Wildmoser – das war auf einmal eine angesehene Marke in Fußball-Deutschland.

Vor allem die Transferpolitik rief bei der Konkurrenz Bewunderung hervor. Wen Wildmoser und Lorant auch verpflichteten, fast jeder schlug ein. Ob Winkler, Pacult, der alle überragende Peter Nowak, Jens Jeremies, Olaf Bodden, Abedi Pele usw usw. – die Konkurrenz kam aus dem Staunen nicht heraus. Wildmoser selbst stieg zu einer immer bekannteren Persönlichkeit im deutschen Fußball auf. Mit seinem schlagfertigen Münchner Witz war er gern gesehener Gast in Talkshows und Sportstudios, schaffte den Einzug in diverse Gremien des DFB und verhalf dem TSV 1860 damit zu immer mehr Einfluss im Haifischbecken Bundesliga.

Wildmoser hier, Wildmoser da, Wildmoser überall. Aber – er stieß auch auf Widerstand. Bei einem Teil der blauen Anhängerschaft. Die Fans des Stadions an der Grünwalder Straße konnten sich mit dem Umzug ins fast doppelt so große, aber wenig stimmungsvolle Olympiastadion einfach nicht abfinden. „Wildmoser raus!“ hallte es immer wieder durch die Stadien, wenn die Löwen spielten. Und der große Boss reagierte richtig sauer darauf, dass es Leute gab im Verein, die ihm nicht die seiner Ansicht nach verdiente Anerkennung entgegenbrachten. Schließlich konnte sich die sportliche Entwicklung ja weiterhin sehen lassen.

1997 schaffte der TSV 1860 erstmals nach 28 Jahren wieder den Einzug in den Uefa-Pokal und in der Spielzeit 1999/2000 gelang ein Kunststück, das selbst der große Max Merkel mit seinen Meisterlöwen nicht zustande gebracht hatte: zwei Derbysiege in einer Saison! Mit Thomas Häßler als Anführer, hinter dem Wildmoser über ein Jahr lang her war und dem er sogar versprochen hatte, die Autobahnausfahrt bei Obermenzing „blau-weiß zu streichen“, wenn er nach München kommen würde.

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Nachdem Häßler im Januar 2000 in eine seelische Krise gestürzt war, weil ihm Löwen-Manager Edgar Geenen seine Frau Angela ausgespannt hatte, wusste der Präsident die Geschichte auch mit Humor zu nehmen. In der DSF-Sendung Doppelpass antwortete er auf die Frage, was denn der Nachfolger für den natürlich entlassenen Manager Geenen so mitbringen müsse, ganz trocken: „A Buidl vo seiner Frau…“

Häßler berappelte sich bald wieder, erfüllte seine Führungsrolle weiterhin wie gewünscht und hatte großen Anteil daran, dass der TSV 1860 am Saisonende Vierter wurde und damit die Qualifikation zur Champions League erreichte. Ergriffen saß Karl-Heinz Wildmoser am 23. August 2000 in der Ehrenloge vor dem Rückspiel gegen Leeds United (in England hatten die Löwen nur 1:2 verloren) und blickte an diesem herrlichen Sommerabend ins Rund des fast gefüllten Olympiastadions.

Übermannt von der Atmosphäre kullerten ihm ein paar Tränen über die Wangen, was auf der großen Anzeigetafel und im Fernsehen live gezeigt wurde. Wildmoser hatte es weit gebracht mit den Löwen. Der Sprung in die Champions League blieb dem TSV 1860 damals nur aufgrund von viel Pech verwehrt. Und von nun an sollte es bergab gehen. Für den TSV 1860 und Karl-Heinz Wildmoser.

Claudius Mayer

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