Interview

Uwe Seeler: Das haben der HSV und 1860 München gemeinsam

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HSV-Legende Uwe Seeler.

München - Uwe Seeler spricht im Merkur-Interview über die ewigen Sorgen um den Hamburger SV, mangelnden Teamgeist und Parallelen zum TSV 1860 München.

Niemand verkörpert den Hamburger SV so sehr wie Uwe Seeler (78). Mit neun Jahren trat er dem Verein bei, mit 35 beendete er seine Karriere. Der Stürmer erzielte allein im Seniorenbereich 404 Tore in 476 Spielen, bestritt 72 Länderspiele (43 Tore) und ist DFB-Ehrenspielführer. Von 1995 bis 1998 war er Präsident der Hanseaten. Seeler hat die goldenen Zeiten des Vereins miterlebt – aber auch die vergangenen, an Tristesse kaum zu überbietenden Jahre.

Herr Seeler, wie sehr freuen Sie sich auf die Bundesliga?

Ich weiß nicht, ob ich mich freuen muss, aber natürlich sind wir alle froh, dass der Fußball wieder los geht. Bei meinem HSV habe ich so ein bisschen Probleme, nach dem Pokal-Aus und dem ganzen Drum und Dran, was da jetzt passiert ist. Dass man Papiere verliert und und und. Insofern ist hier ein bisschen was los. Davon wollen wir jetzt mal absehen. Nun müssen wir am Freitag in München spielen. Große Chancen rechne ich mir nicht aus. Ich hoffe nur, dass die Mannschaft so viel Courage besitzt, dass sie sich zumindest einigermaßen gut verkauft.

Bruno Labbadia sagte schon, hoch werde man bei den Bayern sicher nicht gewinnen. Stimmen Sie ihm zu?

Ja, davon gehe ich aus. Wenn es ein normales Ergebnis gibt, sind wir hier schon zufrieden. Wir haben Sorgen genug, deshalb hoffe ich, dass es einigermaßen glimpflich abgeht, nicht so wie letztes Mal (Anm. d. Red.: 8:0).

Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet der HSV in München immer so unter die Räder gerät?

Weil wir so schlecht sind. Da gibt es keine andere Begründung. Wie das letztes Mal passiert ist und die anderen Male, das haben wir ja gesehen. Es ist nur schade. Wenn man normal verliert, ist das ja kein Problem. Ich hoffe nur, dass die Mannschaft sich zusammenreißt und das in Grenzen hält.

Wenn man es mal positiv sieht: Was ist beim HSV jetzt anders als in den letzten Jahren?

Im Moment noch gar nichts. Mehr kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Nach dem dritten, vierten Spieltag kann ich vielleicht Auskunft geben, wo der Hase hinläuft. Da kann man sehen, wie sich die Mannschaft gibt. Vorher kann man dazu nichts sagen und soll es auch nicht. Das weiß ich aus Erfahrung. Ich bin nur ganz ehrlich: Ich hoffe, dass es nicht so schlimm wird wie letzte Saison. Dass man gleich am Anfang zittern muss, wäre nicht so schön.

Nach der abermals glücklichen Relegation, der Sommerpause und dem Erfolg beim Telekom Cup, auch wenn der nur ein unbedeutendes Vorbereitungsturnier war, gab es zumindest einen zarten Hauch von Aufbruchstimmung.

Ich halte nichts davon. Die können ja aufmunternd sein, aber das sind alles Freundschaftsspiele. Das sind irgendwelche Turniere, die kann ich als Maßstab für die Liga nicht ernst nehmen. Das ist immer wieder etwas anderes, und jeder Fußballer sollte das auch wissen.

Aber Fußball ist ja auch Stimmungssache. Es gibt Abwärtsspiralen, die kennt man in Hamburg sehr gut. Und es gibt manchmal auch Aufwärtstendenzen, die man tunlichst nutzen sollte.

Das stimmt. Ein bisschen Selbstvertrauen sollte es schon geben, aber im letzten Spieltag hat man dieses Selbstvertrauen schon wieder überhaupt nicht gesehen. Sondern genau das Gegenteil. Insofern sind wir jetzt genau so schlau wie vorher. Wir müssen jetzt die Saison beginnen, einigermaßen Fußball spielen und uns gegen die Bayern vernünftig aus der Affäre ziehen, damit wir dann Selbstvertrauen mit ins erste Heimspiel nehmen können.

In der Nachspielzeit des Relegationsrückspiels lag nur noch ein Freistoß zwischen dem HSV und der zweiten Liga. Hatten Sie die Hoffnung schon aufgegeben?

Der Glaube war schon weg, aber die Hoffnung stirbt ja immer zuletzt. Aber es war gut, dass wir dringeblieben sind, für Hamburg und den HSV. Was sonst passiert wäre, kann ich mir nicht ausmalen. Die Leute sagen immer „zur Strafe absteigen und dann wieder aufsteigen“, aber das ist ja nicht so einfach. Insofern ist es ganz gut, dass sie drinbleiben. Aber sie müssen aus den letzten zwei Jahren, wo es ganz schlimm war, eigentlich sogar aus den letzten drei Jahren auch mal etwas lernen.

Wie haben sich für Sie die letzten Minuten in Karlsruhe angefühlt?

Das Heimspiel gegen den KSC war ja noch schlechter. In Karlsruhe hat die Mannschaft ganz gut gefightet. Das Heimspiel war viel schlimmer. Man denkt immer, man ist erhaben, aber irgendwo nimmt einen das schon sehr mit, wie der HSV spielt. Das geht an die Substanz.

Verzweifeln Sie manchmal an Ihrem HSV?

Ich warte drauf, dass es besser wird. Aber im Moment kann ich noch keine Besserung sehen. Also drücke ich die Daumen neu, obwohl die von den letzten beiden Jahren schon platt sind. Mal sehen, was ich noch an Kraft habe. Mehr kann ich leider auch nicht tun.

Ist es wie mit der ganz großen Liebe? Da macht man auch alles mit, in guten wie in schlechten Zeiten.

Ja, klar. Wir treffen uns ja auch mit den alten Spielern, da ist viel Tradition. Es wäre schade, wenn hier alles auseinandergehen würde. Wobei man sagen muss: Ich wäre natürlich auch bereit, in der zweiten Liga mir die Spiele anzugucken. Ich hoffe nur nicht, dass es wirklich geschieht.

Es gibt die These, dass der HSV einen guten Spieler 30 Prozent schlechter macht.

Ich stelle auch immer fest, dass Leute kommen und hier plötzlich schlechter spielen. Vielleicht liegt es daran, dass es noch keine Mannschaft ist. Das kann ich mir nur so vorstellen.

Spielt vielleicht auch das Umfeld eine Rolle? Die große Stadt, die Erwartungen, die Tradition, die Medien, das ganze Selbstverständnis?

Nee, das lasse ich überhaupt nicht gelten. Wenn ich Profi bin, dann muss ich überall spielen können. Oder ich bin kein Profi. Das ist immer eine alberne Ausrede.

In München gibt es ja noch einen zweiten Verein, den TSV 1860. Wenn man sieht, was beim HSV so los ist, denkt man automatisch: Sowas passiert nicht bei vielen Klubs, aber bei den Löwen wäre es jederzeit möglich. Die haben auch die Neigung zum totalen Chaos.

Ja, die versuchen ja nun auch krampfhaft, wieder hoch zu kommen, und fangen immer wieder von vorne an.

Auch diese Neigung zum Peinlichen, die Selbstzerstörung, die Indiskretionen. Da sind sich die zwei Klubs nicht so unähnlich.

Ja gut, wenn man Not hat, dann passiert auch noch sowas. Das ist sehr wahrscheinlich normal.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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