Tim Schels startet bei der SpVgg Unteraching durch

Ein 16-Jähriger spielt Regionalliga

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Tim Schels, im letzten Jahr Kapitän der Hachinger U17, will auch bei den "Großen" Verantwortung übernehmen.

SpVgg Unterhaching - Der aktuell jüngste Spieler der Regionalliga Bayern spielt nicht in einer der Nachwuchsschmieden eines Profiklubs, sondern bei der SpVgg Unterhaching. Tim Schels ist 16, geboren Ende Dezember 1998. Jünger kann kaum ein Spieler sein, der im Herrenbereich eingesetzt wird.

Am Ende sagt Tim Schels einen Satz, der so banal klingt und doch so viel über Tims Selbstverständnis aussagt: „Es zählt nicht das Alter, es zählt Leistung.“ Warum also sollte er sich verstecken, unterordnen, dezent zurückhalten? Demut ist eine gute Sache, nicht aber, wenn man auf dem Fußballplatz steht. Wenn es um Sieg oder Niederlage, wenn es um wichtige Punkte geht. Dann tut Tim das, was er immer getan hat die letzten Jahre, er dirigiert, weist auch mal einen Mitspieler zurecht, ordnet. Das war seine Aufgabe im letzten Jahr als Kapitän der Unterhachinger U17, das sieht er jetzt auch als seine Pflicht, wenn er bei den „Großen“ mitspielt.

Tim Schels ist 16. Man sieht es, wenn man ihm ins Gesicht schaut, man glaubt es kaum, wenn man ihn spielen sieht. Zuletzt stand er nach zwei Einwechslungen erstmals in der Hachinger Startformation, gegen den FC Augsburg II, bei den Herren in der Regionalliga. Und trat auf, wie er es immer getan hat. Selbstbewusst, auch mal frech, mit einem Auge für die Situation. Tim kann ein Spiel „lesen“, wie es so schön heißt. „Der ist unheimlich weit für sein Alter“, lobt Manni Schwabl. Der Präsident der SpVgg Unterhaching, ein Verfechter des Jugendstils, hat den Vertrag mit Schels bis 2018 verlängert. Er weiß, welch ein Juwel er hier hat.

Tim Schels war gemeinsam mit Mark Zettl der erste Nachwuchsspieler, den die SpVgg Unterhaching nach Anerkennung als DFB-Nachwuchsleistungszentrum mit einem Fördervertrag ausgestattet hat. Beide sind sie am 28. Dezember 1998 geboren, gehören also zu der Spezies der „Spätgeborenen“, die in der Talentförderung oft übersehen und benachteiligt werden. Weil man meist auf die setzt, die Anfang des Jahres geboren und in der Entwicklung weiter sind. So gesehen ist es für Tim ein echter Glücksfall gewesen, dass es im Raum München neben Bayern und 1860 einen weiteren Verein gibt, der Nachwuchsarbeit ganz groß schreibt. Und, so die Philosophie von Schwabl, auf fußballerische Qualität und Perspektive schaut, auch Spätentwicklern und Spätgeborenen eine reelle Chance gibt.

Unterhaching hat Schels als C-Junior aus Freising geholt, in Ruhe aufgebaut. Schnell hat er sich durchgesetzt, trotz des Geburtsdatums: „Bei Haching spielt das keine Rolle.“ Ob er nicht manches Mal gehadert hat, dass er nicht vier Tage später zur Welt gekommen ist? Was wäre aus ihm geworden, hätte er als Januar-Geborener im Jahrgang 1999 spielen können, hätte er es vielleicht sogar in ein Jugend-Nationalteam geschafft? Müßig, darüber nachzudenken, sagt Tim. Und außerdem: „Dann hätte ich nicht immer gegen Ältere gespielt, wäre nie so gefordert gewesen. Wer weiß, wie ich mich dann entwickelt hätte.“

Mit der richtigen Einstellung, der richtigen Mentalität lässt sich ein Nachteil zum Vorteil wenden. Aus diesem Holz muss man wohl geschnitzt sein, um nach oben zu kommen. Und: Man muss geerdet bleiben, auch wenn man nun schon als 16-Jähriger gegen doppelt so alte Ex- Profis spielt. Er will den Moment genießen, die Regionalligaspiele als „Zuckerl“ dankbar mitnehmen, aus neuen Erfahrungen lernen: „Das Spiel ist schneller, körperbetonter als in der Jugend.“ Doch seine Mannschaft, betont er, sei die U19: „Das ist mein Jahrgang.“ Mitte September, wenn die Schule wieder beginnt, ist Vormittagstraining für ihn nicht mehr drin, die Einsätze oben werden also nicht „auf Dauer“ sein, glaubt er. Denn die Schule geht „absolut vor“. Schels kommt in die 11. Klasse des Anne-Frank-Gymnasiums in Erding, das Abitur sieht er als „Eintrittskarte“ in einen vernünftigen Beruf. Natürlich würde er gerne mal als Profi vom Fußball leben, doch gibt es eine Garantie?

„Der Weg ist brutal schwer“, weiß er, ein „zweites Standbein“ müsse sein. Schels ist kein Träumer, er spricht, wie er spielt, nüchtern, abgeklärt, nicht wie ein Halbwüchsiger mit Flausen im Kopf. Auf einen Berater verzichtet er, er hat seine Familie. Der Vater war Fußballer, die Mutter auch. „Ein richtig gutes Umfeld“, lobt Schwabl. Das ist ein guter Nährboden.

In der Regionalliga hat Tim Schels eine Marke gesetzt, er ist der jüngste Spieler, der jemals hier gespielt hat. Jünger geht es praktisch nicht. Die Statuten in Deutschland erlauben keinen Einsatz von B-Jugendlichen, auch ein jüngerer A-Junior darf nur spielen, wenn er einem Nachwuchsleistungszentrum oder einer Landesauswahl ausgehört. Hier unterscheidet man sich von Nachbarländern wie Österreich, wo ein David Alaba schon mit 15 bei einem Erstligaspiel der Wiener Austria auf der Bank saß. Hier ist der jüngste Bundesligaspieler aller Zeiten der Dortmunder Nuri Sahin, der 2005 mit 16 Jahren, elf Monaten und einem Tag debütierte. Schels war bei seinem ersten Regionalligaspiel 16 Jahre, sieben Monate und acht Tage alt.

Tim weiß, dass er das vor allem auch dem Hachinger Abstieg aus der 3. Liga zu „verdanken“ hat. Kaum wären er und Orestis Kiomourtzoglou, sein Kollege aus der letztjährigen U17, sonst so schnell aufgerückt, trotz des Jugendstils, der in Haching Programm ist. Trainer Claus Schromm stellt Schels ins zentrale Mittelfeld, auf die Sechs. „Eigentlich bin ich Innenverteidiger, dafür aber ein bisschen klein.“ Mit der neuen Position hat er sich angefreundet. Als Typ, der keinen Ball verloren gibt, mutig in die Zweikämpfe, auch in Kopfballduelle geht. Und mit seinen steilen Anspielen in die Spitze eine Viererkette aushebeln kann. Wie gegen Augsburg, als er einmal Reisner, dann Kiomourtzoglou glänzend in Szene setzte.

Es gab keine Anpassungsschwierigkeiten, die Mannschaft ist blutjung, auch von den „gestandenen“ Leuten wie Jonas Hummels oder Josef Welzmüller sei er „sofort akzeptiert und richtig gut aufgenommen“ worden, er spürt das Vertrauen des Trainers. Und will es zurückzahlen. Mit Leistung. „Schritt für Schritt“ wolle er sich weiterentwickeln, nichts überstürzen, die Regionalliga als Sprungbrett nutzen, in den Profifußball. „Manchmal kann es schnell gehen, aber ich weiß, dass auch Rückschläge kommen werden.“ Tim Schels kennt auch Demut. Allerdings nur neben dem Platz.Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de.

Quelle: fussball-vorort.de

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