Haching-Präsident Manfred Schwabl im großen Interview

"1860 und Haching ist wie Äpfel und Birnen"

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„Von ,One-Man-Show’ keine Rede – die will ich gar nicht“: Schwabl, mit Haching-Coach Claus Schromm.

SpVgg Unterhaching - Es hat Monate gedauert, ehe es morgen um 19.30 Uhr nun doch soweit ist: Die SpVgg Unterhaching lädt zur Mitgliederversammlung. Im Interview erläutert Manfred Schwabl, der sich als Präsident zur Wiederwahl stellt, die Lage des Regionalligisten.

Herr Schwabl, was erwarten Sie von der Mitgliederversammlung?

Erstmal, dass es eine sachliche Veranstaltung wird, wie es sich für unseren Klub gehört. Die entscheidende Frage für uns alle lautet: Quo vadis Haching? Diese Frage werde ich auch an die Mitglieder genau so weiterleiten. Es sind in den letzten Monaten einige Dinge passiert, bei denen ich mich frage: Was wollen die Leute? Ein Beispiel: Da verhandelt der Verein mit einem möglichen finanzstarken strategischen Partner, und bereits im Vorfeld formiert sich eine Gruppe, von der im Ernstfall jetzt keiner die Fahne in den Wind stellt, die aber sagt: „Nein, wir verkaufen unser Tafelsilber nicht, wir wollen keinen strategischen Partner, das ist ja Schmarrn!“ Da frage nicht nur ich mich: Was wollen die? Das fragen uns dann auch die möglichen Investoren.

Was war denn die Antwort, als Sie nach den Beweggründen fragten?

Begründung: Der Schwabl verkauft unseren Verein. Die Wahrheit ist: Der Schwabl will ermöglichen, dass der Verein für den Profifußball überhaupt wieder in Frage kommt. Das sollte unser aller Ziel sein. Natürlich darf hier jemand anderer Meinung sein, aber man sollte sie halt ehrlich und an der richtigen Stelle anbringen – meine Tür ist doch grundsätzlich stets offen. Und ich sage doch schon immer, wenn sich einer berufen fühlt, der weiß, wie es besser geht, kümmere ich mich gerne nur noch um die sportliche Leitung. Aber mir stinkt – und das ist ja auch paradox –, dass da Leute gegen die Ideen des Präsidiums sind, sich aber wegducken, wenn es darum geht, ein anderes Konzept vorzulegen. Ich sehe diese Wahl jetzt darum auch als Aufhänger dafür, dass wir uns alle ehrlich sagen: Was wollen wir? Dieses „Wir haben eine alternative Gruppe zusammen“ geht jetzt seit sechs Monaten, es hatte jeder genug Zeit, sich zur Wahl aufzustellen. Manchmal kam es mir bei denen die letzten Monate so vor, angelehnt an „Bauer sucht Frau“: „Haching sucht Präsident“ . . .

Öffentlich ist kein Kandidat aufgetreten.

Auch bei uns war in den drei Jahren kein Einziger, der gesagt hat, ich mache es besser, ich helfe euch, oder lass’ mich mal in die Bilanzen reinschauen. Kein Einziger! Da wird mir vorgeworfen, dass ich den Verein wie ein Monarch führe, mit zu wenig Transparenz. Aber da muss jemand erst mal Interesse zeigen. Ich kann ja nicht über den Marienplatz laufen und rufen: „Hier ist unsere Bilanz – mag wer reinschauen?“ Der Blick in Bilanzen ist bei einem normalen Dritt- oder Regionalligisten grundsätzlich schmerzhaft, das kann ich sagen. Bei Bayern, da schaut man gerne rein und stellt sich zur Wahl – da kann man locker verteilen. Wir aber haben Mangelverwaltung. Das muss man wissen.

Warum kandidieren Sie eigentlich noch einmal?

Es war eine lange Vorlaufzeit für Bewerbungen, aber nachdem nichts kam, brauchte ich erst recht nicht mehr lange zu überlegen. Oder sollen wir jetzt die Mannschaft, den ganzen Nachwuchsbereich im Stich lassen? Kommt nicht infrage!

Monarchie, Mangel an Transparenz – woher kommen die Vorwürfe?

Vielleicht ist es ein gesellschaftliches Problem, dass es nicht mehr erwünscht ist, negative Dinge anzusprechen. Für den obersten Diplomatendienst sind wir nicht da, dafür braucht mich auch keiner vorschlagen, das weiß ich selber. Ich bin einer, der offen vorgeht und auch Sachen sagt, die wehtun. Aber es geht immer um die Sache, um den Verein. Und ich kann auch einstecken. Das ist wie früher auf dem Fußballplatz: Austeilen und einstecken.

Sind Sie enttäuscht?

Gar nicht. Ich hab’ über 300 Bundesligaspiele, war beim FC Bayern, bei 1860 auch Kapitän, da verträgt man viel. Ich verstehe nur den Sinn nicht. Man kann mich persönlich attackieren, das passiert aus der Emotion heraus, auch bei mir selber. Aber der Verein sollte am Ende immer im Mittelpunkt stehen. Wenn ich kritisiere, muss ich doch gleichzeitig konstruktive Vorschläge bringen – zumindest, wenn mir der Verein am Herzen liegt. Das bezweifle ich mittlerweile aber bei Einigen. Vielleicht steht da die eigene Eitelkeit im Vordergrund.

Folgt Ihnen der Verein?

Da ist die Frage: Wer ist der Verein noch, neben den Mitgliedern? Die Mannschaft und Trainer Claus Schromm auf jeden Fall. Das sieht man am sportlichen Auftritt, Spielweise wie Ergebnisse. Die spielen einen Fußball, der alle erwärmt. Ich bekomme auch Zuspruch von vielen Eltern der Jugendspieler. Wer aber ganz genau der Verein ist, kann ich wohl erst nach der Versammlung sagen. Mein Ziel ist, diese Saison zu überstehen. Bei der nächsten Mitgliederversammlung im Dezember sollten wir den Mitgliedern dann konkrete Pläne für Reformen vorlegen. Dazu gehören eventuell die schon in letzter Zeit diskutierte Ausgliederung der Ersten Mannschaft in eine Kapitalgesellschaft und ein strategischer Partner, das ist aber zunächst nach hinten verschoben. Ohne das wird es aber auf absehbare Zeit in Haching keinen bezahlten Fußball mehr geben – zumindest nicht unter rationalen Bedingungen. Keine Chance. Dann ist Breitensport die Zukunft.

Die Zeit der Mäzene, sagten Sie jüngst, sei vorbei.

Ich bleibe immer offen, wenn einer Alternativen bringt. So verbohrt ist doch keiner. Aber man kriegt in der Regionalliga nullkommanull Fernsehgeld. Dennoch arbeiten wir hier unter Profibedingungen, sonst ist ein Wiederaufstieg sowieso für immer Utopie. Wir haben zudem ein Nachwuchsleistungszentrum, das ist auch unabdingbar für unsere Philosophie. Das kostet alles Geld. Bei null TV-Geld und 1500 Zuschauern im Schnitt ist das alles auf Kante genäht. Das kann sich jeder ausrechnen, da muss man nur 1 und 1 zusammenzählen. Aber ich glaube, dass ein Mäzen keine dauerhafte Lösung ist. Dann verkauft man sich wirklich – und wenn die Person keine Lust mehr hat, steht der Verein alleine da.

Es gibt auch den Vorwurf an Sie, Sie würden sich selbst bereichern.

Das ist paradox hoch 15. Ich habe in Haching einen siebenstelligen Betrag investiert, da würde ich mich ja an mir selbst bereichern. Jeder weitere Kommentar dazu erübrigt sich.

Wie steht es denn aktuell um die Finanzen?

Wir haben die Pokaleinnahmen und 625 000 Euro Nachzahlung vom Verkauf von Florian Niederlechner. Damit sind wir gerade so am Limit, um die Saison zu überstehen. Vermutlich brauchen wir noch ein paar private Gelder. Deshalb ärgere ich mich ja, wie schnell und unnötig wir einen Partner vorab durch null fundierte Äußerungen ins Wanken gebracht haben, auch wenn das nicht der einzige Grund für die momentane Absage war, ein paar Hausaufgaben müssten wir auch noch machen. Die Sache ist noch nicht ganz gestorben. Wenn wir eine Einheit bilden, wurde uns beschieden, kann man sich wieder austauschen. Eine Bedingung wäre aber eben auch die Ausgliederung, zu der die besagte Gruppe aber auch Nein gesagt hat. Wieder ohne Alternativvorschlag.

Der Boykott ärgert Sie offensichtlich nachhaltig.

Ärgern nicht direkt, ich wehre mich einfach vor vorschnellen Verurteilungen von möglichen Finanzpartnern, weil das gegenüber dem Verein fahrlässig ist und wir uns das in unserer Lage eigentlich nicht leisten können. Dann hieß es zum Beispiel: „So enden wir wie der TSV 1860 mit Hasan Ismaik!“ Aber ich kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Die Situation ist doch eine ganz andere, man muss doch sehen, aus welcher Branche, welcher Kultur, mit welchem Hintergrund einer einsteigen möchte. Mit einem aus der Region arbeitest du anders als mit einem völlig Fremden. Und so gut sollten mich die Leute schon kennen, dass ich auf die regionalen Aspekte achte. Aber wir kommen ja nicht so weit, dass wir den Mitgliedern einen möglichen Partner vorstellen dürfen. Weil vorschnell gesagt wird: „Das wollen wir nicht!“ Und das wird auch noch in der Öffentlichkeit ausgetragen. So etwas kann man eigentlich nicht machen. Es ist jammerschade. Weil in diesem Verein enormes Potenzial vorhanden ist.

Ein anderer Vorwurf ist, Sie hätten es versäumt, den Posten des Schatzmeisters neu zu besetzen.

Das ist so nicht ganz richtig. Wir haben selbstverständlich gesucht, aber du kannst dir keinen schnitzen. Die Alternative hat sechs Monate Kandidaten gesucht und auch nicht einen einzigen zur Kandidatur bewegen können. Da sieht man, wie schwierig es wirklich ist, im Ehrenamt in die volle Verantwortung zu gehen. Seit September sind wir mit einem Gemeinderatsmitglied im Gespräch gewesen in Sachen Schatzmeister, aber er wollte aufgrund der Gemengelage erst abwarten. Ich hoffe, er stellt sich zur Wahl zu einem der Rechnungs- und Kassenprüfer, das wäre eine gute Sache für den Verein. Wir treten mit einen Fünferpräsidium an, darunter ein Rechtsanwalt, ein Vertreter der Fanszene und zwei gestandene Unternehmer – also von „One-Man-Show“ keine Rede, die will ich nämlich gar nicht, weil irgendwann sollte es auch mir wieder Spaß machen. Das geht, wie auf dem Platz auch, nur im Team. In einem Präsidium kriegst du von außen nur um die Ohren – ich bin so etwas von früher als Fußballer ja gewohnt, aber vor meinen Mitstreitern muss ich da den Hut ziehen. Der größte Respekt gilt meinem langjährigen Mitstreiter Peter Wagstyl, der ja schon bei meinem Vorgänger im Präsidium war.

Quo vadis Haching, lautet also die große Frage. Was ist Ihre Antwort?

Auch wenn es die Leute nicht wahrhaben wollen, erkläre ich es gerne noch 50 Mal: Wir sind aktuell einfach mit unserer finanziellen Basis nicht drittligatauglich. Eine Ausgliederung hätte viele Vorteile, zum Beispiel die Trennung wirtschaftlicher/gemeinnütziger Bereich. Österreich ist uns da etwa weit voraus. Bei einem e. V. ist alles ehrenamtlich, aber im Fußball hat sich das Rad extrem weitergedreht. Und man hätte die Möglichkeit, dass sich Außenstehende beteiligen können. Wenn das alles nicht mitgetragen wird, was aber letztendlich immer die Entscheidung der Mitglieder ist, müssen wir sagen, es war super, es war nett. Aber dann geht es halt nicht zurück in den bezahlten Fußball. Auch Haching kriegt keine Wildcard, nur weil wir so sympathisch sind, so eine tolle Jugendarbeit haben oder Bayern mal zum Meister gemacht haben. Tut mir echt Leid.

Das Interview führte Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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