Die Stimmen vom FC Pipinsried, TSV 1865 Dachau, TSV Eintracht Karlsfeld und weiteren Klubs

BFV-Beschluss: Dachauer Bayern-, Landes- und Bezirksligisten uneinig

Von links nach rechts: Uli Bergmann vom FC Pipinsried, Ugur Alkan vom TSV 1865 Dachau und Michael Lang vom TSV Eintracht Karlsfeld.
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Von links nach rechts: Uli Bergmann vom FC Pipinsried, Ugur Alkan vom TSV 1865 Dachau und Michael Lang vom TSV Eintracht Karlsfeld.

Der BFV hat beschlossen, die Saison 2019/20 auf sportlichem Wege zu Ende zu bringen. Nicht allen Vereinen aus dem Bereich Dachau gefällt diese Entscheidung.

Dachau – Jetzt ist es amtlich: Der Vorstand des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) hat nach eingehender Diskussion und intensiver Beratung sowie vor dem Hintergrund des am vergangenen Wochenende unter den Vereinen abgefragten Meinungsbildes einstimmig beschlossen, die aktuell wegen der Covid-19-Pandemie unterbrochene Spielzeit 2019/2020 im Freistaat bis zum 31. August 2020 auszusetzen und danach ab 1. September 2020 – wenn durch staatliche Vorgaben möglich – auf sportlichem Wege zu Ende zu bringen.

„Wir wollen keine Geisterspiele, wir wollen keine juristischen Streitigkeiten, wir wollen den fairen Wettbewerb und Entscheidungen auf dem Platz – nicht am grünen Tisch! Da aktuell aber niemand mit Gewissheit sagen kann, ob tatsächlich ab dem 1. September 2020 wieder gespielt werden kann, brauchen wir eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität. Für den BFV gibt es genau aus diesem Grund auch keine Alternative zum Vorschlag, die aktuelle Saison in jedem Fall zu Ende zu spielen, sobald das wieder möglich ist“, hatte BFV-Präsident Rainer Koch bereits im Vorfeld der Entscheidung angekündigt und für den Vorstands-Vorschlag geworben: „Die Zeit ist nicht einfach, weil wir wissen, dass sämtliche Lösungen im Umgang mit dieser Saison Nebenwirkungen mit sich bringen. Natürlich auch unser Weg. Wir sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass das vorgeschlagene Modell unter Abwägung aller Fragen die bestmögliche Lösung darstellt.“

Über zwei Drittel der teilnehmenden Klubs stimmten für den BFV-Vorschlag

Der Entscheidung war eine intensive Kommunikation mit den Vereinen vorausgegangen. Insgesamt hatte der BFV in den vergangenen Wochen bis zum gestrigen Donnerstag in Summe fast 10 000 bayerische Klub-Verantwortliche in mehr als 80 Web-Konferenzen persönlich zu den Auswirkungen der Pandemie auf den bayerischen Spielbetrieb informiert und letztlich auch ein Meinungsbild eingeholt. Dort stimmten 68,13 Prozent und damit über zwei Drittel der Klubs, die an der Abfrage teilgenommen hatten, für den vom Vorstand vorgeschlagenen und jetzt auch so beschlossenen Weg. In absoluten Zahlen ausgedrückt hatten 2178 Vereine für „Ja“ gestimmt, 1019 (31,87 Prozent) sprachen sich dagegen aus. Jeder am Spielbetrieb in Bayern teilnehmende Klub hatte dabei eine Stimme. Abstimmungsbeteiligung: 73,53 Prozent.

Fünf „Lösungs-Arbeitsgruppen“

Mit dem jetzt gefassten Beschluss hat der Vorstand einen Prozess angestoßen, der sicherstellen soll, dass unter Berücksichtigung rechtlicher und spieltechnischer Aspekte entsprechende Anpassungen in den BFV-Statuten vorgenommen und die drängenden Fragen der Klubverantwortlichen entsprechend gelöst werden können. Der Vorstand setzt insgesamt fünf sogenannte „Lösungs-Arbeitsgruppen“ (LAG) ein, die sich um die Themenfelder „Vereinswechsel“, „Spielbetrieb Erwachsene“, „Spielbetrieb Juniorinnen und Junioren“, „Meldungen und Fristen“ sowie „Einbettung in Regularien“ kümmern. Dabei werden die Arbeitsgruppen personell mit ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern besetzt, hinzu kommen Funktionsträger mit Spielbetriebs-Erfahrung aus den Bezirken und Kreisen sowie hauptamtliches Personal aus den zuständigen Fachabteilungen der BFV-Zentrale in München. Auch Vereinsvertreter, die den Querschnitt der Mitgliedsvereine unter dem Verbandsdach abbilden, sollen gemäß dem Vorstandsbeschluss in diesen AGs mitarbeiten. Die komplette personelle Besetzung wird der BFV in der kommenden Woche veröffentlichen.

„Wir haben immer klar betont, dass auch unser Weg Probleme mit sich bringen wird, die uns vor eine große Herausforderung stellen. Das wissen wir und so handeln wir jetzt“, sagt Jürgen Igelspacher. Der hauptamtliche Geschäftsführer des größten der 21 Landesverbände des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zeichnet für die Umsetzung des Vorstandsbeschlusses verantwortlich und hatte diesen federführend vorbereitet. Ein Stimmrecht besitzt der Jurist nicht: „Es gibt viele Fragen zu klären, unser Ziel ist es, schnellstmöglich fundiert zu Ergebnissen zu gelangen. Wir wollen und werden Antworten liefern.  ge

Was sagen die Klubs?

Wir haben uns bei den höherklassigen Fußballvereinen aus der Stadt Dachau und der Region umgehört und Stimmen zum Thema sowie zur BFV-Entscheidung gesammelt. Nicht alle Topteams aus der Großen Kreisstadt und dem Hinterland nahmen das Ergebnis erfreut zur Kenntnis.

FC Pipinsried

Meinungen und Abfragen zum Thema: „Wie soll die Saison weiter fortgeführt werden?“ standen zuletzt hoch im Kurs. Allerdings fassten nur die wenigsten die eigene Situation in klare Worte, viele haben die Kommentare in irgendwelche Floskeln verpackt.

Nicht so der Finanzchef des FC Pipinsried Fußball GmbH, Uli Bergmann. „Mir ist es letztendlich egal, wie entschieden wird. Ob Abbruch oder eine Fortführung im September. Wichtig für uns ist nur, dass wir aufsteigen können. Momentan ist sich, was die mögliche Auf- oder Abstiegssituation betrifft, jeder selbst der nächste“, glaubt Bergmann vom ungeschlagenen Tabellenführer der Bayernliga Süd.

„Klar wollen wir lieber die Saison zu Ende spielen, aber man wird sehen, wie es weitergeht“, so der Pipinsrieder Macher weiter. Momentan gibt es tägliche Wasserstandsmeldungen für Bergmann. „Da sieht man ja die Verunsicherung, gerade in der 3. Liga. Erst wird sich klar gegen eine geteilte 3. Liga ausgesprochen, dann kommen jetzt auf einmal wieder Pläne zur 3. Liga Nord und Süd auf den Tisch. Und gerade in der 3. Liga sieht man mehr oder weniger deutlich, wer für welche Position steht – man braucht ja nur einen Blick auf die Tabelle zu werfen, Ausnahmen bestätigen die Regel“, ist sich Bergmann sicher.

Für den Primus der Bayernliga Süd hat die momentane Situation aber auch was Gutes: Es herrscht im Dorfclub keine Eile in Sachen Trainersuche. „Es ist aber auch klar, wenn dann doch noch auf Abbruch entschieden werden sollte, müssen wir schnell handeln. Wenn nicht, können wir uns natürlich noch Zeit lassen“, erklärt Bergmann. Auch zum weiteren Vorgehen in der Bundesliga zum Thema Geisterspiele hat er eine klare Meinung. „Ich persönlich finde das nicht gut. Das ganze Flair ist weg, wie man am Beispiel Gladbach gegen Köln ja gesehen hat. Aber augenscheinlich müssen sie spielen“, kommentiert Bergmann die Geschehnisse rund um den Profifußball. BRUNO HAELKE

TSV 1865 Dachau

Auch an der Dachauer Jahnstraße hat man sich in den zurückliegenden Wochen viele Gedanken in Sachen Zukunft gemacht. Fußball-Boss Ugur Alkans Überlegungen zu diesem sensiblen Thema zeigen, wie schwierig die Situation für die Vereine, aber auch für die Entscheidungsträger ist.

„Die Pause im Amateurbereich muss bis zum 1. September gemacht werden, schon aus gesundheitlichen Gründen. Die haben immer Vorrang vor den sportlichen. Ich finde es richtig, dass die Saison zu Ende gespielt werden soll. Dies gilt auch für die unteren Ligen, denn ein C-Klassenverein ist für den Fußball genauso wichtig wie ein Bayerligaklub. Mit den Sponsoren dürfte es kein Problem geben, denn jeder ist in der gleichen Lage durch die Corona Pandemie. Wichtig ist, dass es sportlich fair in allen Amateurligen zugeht und jeder sich sportlich beweisen darf.“

Zum Thema Geisterspiele in der Bundesliga ab dem 9. Mai meint Ugur Alkan: „Die müssen anscheinend aus finanziellen Gründen gemacht werden. Für die Zuschauer am Fernseher ist eher nicht so schön, es wirkt ohne Zuschauer im Stadion eher wie Amateurfußball; ich weiß nicht, ob ich mir das anschaue. Wenn sich ein Spieler infiziert, dann müssten doch beide Teams, die gegeneinander gespielt haben, 14 Tage in Quarantäne – wie soll das gehen? Ich bin froh, dass wir keine Geisterspiele in der Bayernliga machen müssen.“ ROBERT OHL

ASV Dachau

„Man war auf stumm geschaltet und hat zugehört“, sagt Michael Dietrich, der Fußball-Abteilungsleiter des ASV Dachau, über das letzte Webinar des BFV vor der Abstimmung. Eineinhalb Stunden habe er zugehört. Er sah sich zu einer Entscheidung gezwungen, obwohl ihm zu viele Themen ungeklärt blieben. „Gibt es ein weiteres Transferfenster? Wie ist es mit der Relegation?“, fragt Dietrich. Er stimmte deshalb mit „Nein“ und für einen Abbruch der Saison ab.

„Wir sind gerade Vorletzter und ich will nicht auf den Tabellenplatz reduziert werden, aber mir fehlt die Perspektive“, so Dietrich. Seiner Meinung nach verlangte der BFV zu früh eine Entscheidung – und das ohne Not. „Es besteht eigentlich kein Stress. Andere Landesverbände lassen sich mehr Zeit“, so Dietrich. Und weiter: „Ich denke, der BFV hat Angst, dass er bei einem Abbruch von einigen Vereinen verklagt wird.“ Dietrich missfiel der Ton in der letzten Videokonferenz am vergangenen Freitag. „Man wurde in die Entscheidung gedrängt, für eine Fortsetzung der Saison zu stimmen. Ich kann mir vorstellen, dass die Vereine, denen es egal war, dann auch mit ‚Ja‘ abgestimmt haben“, so Dietrich. MORITZ STALTER

TSV Eintracht Karlsfeld

Der TSV Eintracht Karlsfeld hat mit „Ja“ und damit für die Fortsetzung der Saison gestimmt. Das überrascht nicht, die Karlsfelder spielen eine starke Saison und haben als Tabellenführer der Landesliga Südost beste Chancen auf den Aufstieg. So einfach war es dann aber doch nicht, auch wenn die interne Abstimmung der Eintracht-Vorstandschaft einstimmig ausfiel. „Es ging bei der Wahl darum, über die beste Lösung in einer schlechten Situation zu entscheiden“, sagt Michael Lang, der sportliche Leiter. Für den 40-Jährigen ist weiterhin zu viel Unsicherheit im Spiel – darunter das Thema Andre Gasteiger: Der beste Torschütze der Eintracht hat für die kommende Saison beim FC Pipinsried unterschrieben und kommende Saison heißt in diesem Fall ab dem 1. Juli. Es sei denn, das Wechselfenster im Sommer wird ausgesetzt und an das Ende der Saison gehängt. „Sollten wir ihn ab dem 1. Juli verlieren, würde uns eine tragende Säule fehlen“, sagt Lang. Er ist sich sicher, dass „sich der BFV viel Arbeit gemacht hat“ und findet es richtig, dass demokratisch abgestimmt wurde. Dennoch wünscht sich Lang, dass den Vereinen in den kommenden Wochen Vorschläge präsentiert werden. „Wir brauchen Planungssicherheit, speziell was das Thema Spielerwechsel betrifft. Und deshalb schnell zügige Lösung – und zwar schnell, und nicht erst in drei, vier Wochen“, so Lang.  stm

TSV Jetzendorf

Dem TSV Jetzendorf war der Vorschlag des BFV zu unausgegoren. „Wir haben dagegen und für einen Abbruch der Saison gestimmt“, sagt Manfred Zeindl, der Spielleiter des Landesliga-Aufsteigers. „Wir haben uns eine Stunde lang unterhalten und diskutiert, die Entscheidung der Vorstandschaft war einstimmig“, so Zeindl weiter.

Den Jetzendorfern fehlten, wie unter anderem dem ASV Dachau, die konkreten Vorschläge, wie es ab dem 1. September weitergehen soll. „Wie sieht es bei den Vertragsspielern aus, wie bei Nachwuchsspielern?“, fragt Zeindl. Da der TSV nicht im sportlichen Niemandsland platziert ist, sondern um den Klassenerhalt kämpft, bekommen Themen wie Spielerwechsel eine größere Bedeutung. „Doch dazu gab es vom BFV keine Aussagen“, sagt Zeindl.

Und deshalb hätten die Jetzendorfer einen Abbruch für fairer empfunden. Sollte es im September weitergehen, wird dem TSV der Kaltstart nach der rekordverdächtig langen Pflichtspielpause gelingen müssen.  stm

SV Sulzemoos

Der SV Sulzemoos hat für einen Abbruch der Saison gestimmt, wobei Teammanager Markus Wagenpfeil berichtet, dass es keine leichte Entscheidung gewesen sei. „Unsere Vorstandschaft hat sich viele Gedanken gemacht. Einige hätten es besser, sauberer gefunden, die Saison zu Ende zu spielen“, sagt Wagenpfeil. Am Ende hatten sich intern aber die durchgesetzt, die für einen Abbruch für die bessere Lösung empfanden.

Dazu gehörte auch er. „Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten“, so Wagenpfeil. Er nennt ein Beispiel: „Bei uns wollten zwei Spieler nach der Saison aufhören. Ob die noch Lust haben, bis in den Dezember oder vielleicht sogar in das neue Jahr zu spielen, weiß ich nicht.“ Dass sich die Kader einiger Vereine auch ohne Transferfenster verändern könnten, ist für ihn ein Grund für einen Abbruch.

Dabei blickt er auch zu den Konkurrenten: „Nehmen wir Schwabing: Dort spielen traditionell viele Spieler, die für das Studium nach München gezogen sind. Wenn die im Sommer ihren Abschluss machen und die Stadt wieder verlassen, verlieren die einige Spieler.“ Da der BFV dieses große Thema nicht behandelte, war ein Abbruch für ihn alternativlos. „Die Chancengleichheit wäre da nicht mehr gegeben“, so Wagenpfeil. Und da der BFV keine Vorschläge lieferte, sondern bei der Wahl nur mit „ja“ oder „nein“ abgestimmt werden konnte, entschieden sich die Sulzemooser gegen eine Fortsetzung der Saison.  stm

SpVgg Kammerberg

Für Gerhard Güntner, den Teammanager der SpVgg Kammerberg, war klar: „Wir wollen, dass die Saison zu Ende gespielt wird.“ Er sagt aber auch, der Bayerische Fußball-Verband müsse flexibel sein. „Es ist ja nicht gewährleistet, dass es am 1. September tatsächlich weitergehen kann. Und wenn es später weitergeht, müssen einige Entscheidungen bei der Terminfindung schneller getroffen werden als sonst“, so Güntner.

Oder etwas tun, was bisher ein großes Tabu war. „Nächstes Jahr ist die Europameisterschaft. Man könnte doch auch sagen, dass man trotz der EM weiter spielt“, sagt Güntner. Denn obwohl er mit „ja“ gestimmt hat, sieht er mögliche Probleme. „Mit den Englischen Wochen ist das gegen Ende des Jahres so eine Sache: Nicht alle Vereine haben Flutlicht – oder so wie wir nur auf dem Trainingsplatz. Und der ist strapaziert, weil dort alle Mannschaften trainieren“, sagt der SpVgg-Teammanager. Alternativlos sei für ihn, den Transferzeitraum hinter das Saisonende zu legen. „Alles andere wäre Wettbewerbsverzerrung“, so Güntner.  stm

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