Fußball

Bence Tamicza, der Kletthamer Drei-Stunden-Torwart

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Bence Tamicza ist derzeit Kletthams Versicherung.

Bence Tamicza hält seit zwei Wochen  in beiden Kletthamer Fußballteams und erlebt dabei alle Höhen und Tiefen.

Klettham– Fußballprofis klagen schon nach der zweiten Englischen Woche wegen der argen Belastung. Was soll da Bence Tamicza sagen? Der 22-Jährige stand am Samstag über 180 Minuten lang im Tor von Rot-Weiß Klettham. Und das gleiche tat er schon eine Woche zuvor, wo er auch noch eine 0:10-Klatsche verkraften musste.

Aber der Reihe nach: Bence Tamicza wächst im ungarischen Pecs auf, einer Stadt an der Grenze zu Kroatien, 700 Kilometer von Erding entfernt. Schon früh entwickelt er ein gewisses Fernweh, das auch die Mutter fördert, weil sie ihn als Fünfklässler ein paar Wochen nach Österreich schickt. „Zwei Jahre später war ich dann das erste Mal in Deutschland“, erzählt Tamicza. Mit 18 verlässt er seine Heimat. Alleine. Er sucht und findet hier einen Job als Lagermitarbeiter und später Lagerleiter. Vor allem aber will er Fußball spielen.

Patrick Tischer kann sich noch gut erinnern, wie der zu dem jungen Zwei-Meter-Mann aufsah, „der da plötzlich vor mir stand und gefragt hat, ob er mittrainieren kann“. Der Kletthamer Fußballchef war einst selbst Torwart, nahm den jungen Schlaks gleich unter seine Fittiche. „Ich habe schnell gesehen, dass er Talent hat“, erinnert sich Tischer. „Ich habe ihm nur geraten, nicht immer den zweiten vor dem ersten Schritt zu machen.“

Tatsächlich ist „Challenge“ ein wichtiges Wort für den jungen Ungarn. Er liebt die Herausforderung, sagt er. Und er will spielen. Das erklärt auch seinen kurzzeitigen Wechsel zu Türk Gücü Erding, wo er sich mehr Spielpraxis erhofft als in Klettham, wo mit Martin Landa und Florian Zettl gleich zwei sehr starke Torhüter da sind.

Nun – und damit springen wir in die Gegenwart – sind aber die beiden verletzt. Und Tischer ist froh, dass Tamicza wieder zu Klettham zurückgekehrt ist. Aber nicht nur deswegen. „Bence ist einfach ein absolut bodenständiger, zurückhaltender, netter Kerl“, sagt Tischer und erinnert an die Aufnahmezeremonie. „Bei uns müssen die Neuen etwas vorsingen. Bei Bence war es ein ungarischer Rap“, erzählt er schmunzelnd. Dann aber schwärmt er von den Fortschritten, die der 22-Jährige gemacht hat, was aber kein Wunder sei. „Denn er nimmt sich jeden Tipp zu Herzen und hat sich unheimlich verbessert.“

Am vorvergangenen Samstag schlug dann Tamiczas große Stunde, oder besser gesagt: Tamiczas große drei Stunden. Sowohl Landa als auch Zettl waren verletzt ausgefallen. Deshalb musste der junge Ungar zuerst in der Ersten ran und danach in der Zweiten.

Zwei komplette Partien – geht das überhaupt? „Du kannst sogar drei Spieler in der B- oder C-Klasse einsetzen, die zuvor in der Kreisliga oder Kreisklasse gespielt haben“, erklärt Tischer. Also rückte Tamicza gegen den FC Moosinning 2 in den Kasten –und kassierte zehn Gegentreffer.

„Das war wirklich schlimm“, erzählt er. „Die meisten waren unhaltbar. Die Moosinninger haben sehr platziert geschossen, und mehrmals standen sie allein vor mir.“

Während für den Rest der Mannschaft der Spuk irgendwann vorbei war, kauerte der Torwart nach dem Abpfiff noch eine Zeitlang auf der Linie. „Zehn Tore habe ich vorher noch nie gekriegt, das war absoluter Negativrekord“, sagt er. Und jetzt sollte er auch noch in der Zweiten ran? „Ich dachte mir: Erlebe ich das jetzt wirklich, oder ist das nur ein schlechter Traum?“ Zehn Minuten habe er so sinniert. „Dann habe ich einmal tief durchgeatmet, bin aufgestanden und habe mir gesagt: Meine Mannschaft braucht mich.“

Er sei dann in die Kabine gegangen, habe sich ein neues Trikot angezogen. „Das war für mich wichtig. Denn mit dem Umziehen haben sich auch die Gedanken gedreht: weg von der Niederlage, hin zum nächsten Spiel“, das die Kletthamer Reserve dann auch gewann (7:1 gegen den SV Pulling). Und schon wieder hatte Tamicza ein Problem: „Ich konnte nicht so feiern, weil ich noch das 0:10 im Kopf hatte.“

Diesen Samstag war es nun genau anders rum. Erst gewann er mit der Ersten gegen den FC Forstern 3:1, dann folgte eine 2:3-Niederlage im Spitzenspiel der B-Klasse 5 gegen den FC Erding 2. Ganz nebenbei: Auch der FCE hatte die Drei-Mann-Regel ausgenutzt und mit Leart Bilalli den Kreisliga-Überflieger schlechthin eingesetzt.

Wieder also war Tamicza über drei Stunden im Tor gestanden. Wie schafft man das eigentlich? „Danach tun dir schon ein wenig die Beine weh“, sagt der junge Mann, „aber während des Spiels denkst du nicht dran – wegen des Adrenalins.“ Am nächsten Tag sei es ihm nicht ganz so gut gegangen, erzählt er. „Aber das hat eher mit dem Oktoberfest zu tun, das ich mit Freunden besucht habe“, sagt Tamicza lachend.

Ja, er fühle sich längst in Klettham zu Hause, erzählt er. Der Verein habe die drei Dinge, die er brauche: „einen guten Coach, super Mannschaftskollegen und gutes Training“. Insbesondere Martin Landa sei er dankbar für das Torwarttraining, die Fehleranalyse und ständig neue Übungen. Er schätze seine Torwartkollegen, aber ja, er wolle schon die Nummer eins bleiben und freue sich auf die Challenge.

Vermisst er denn gar nichts aus seiner Heimat? „Doch, meine Oma und ihr Lecsó.“ Dieses Schmorgericht aus Speck, viel Paprika, Tomaten und Zwiebeln bringt in Klettham wohl niemand so hin. Und dann folgt noch eine Liebeserklärung an seine neue Heimat: „Hier in Bayern sind die Leute einfach brutal nett“ – auch wenn sie einem manchmal zehn Tore einschenken.

Quelle: Merkur.de

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