Eine Strecke voller Matsch, Eis und Schnee

Vor 50 Jahren schoss letztmals ein Bob über die Ohlstädter Bobbahn: Die Legenden Wolfgang Zimmerer und Stefan Gaisreiter erinnern sich an die Zeit, an der die Schlitten noch am Ram ins Tal rauschten.
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Am Tisch voller Erinnerungen: Stefan Gaisreiter (l.) und Wolfgang Zimmerer.

Vor 50 Jahren schoss letztmals ein Bob über die Ohlstädter Bobbahn: Die Legenden Wolfgang Zimmerer und Stefan Gaisreiter erinnern sich an die Zeit, an der die Schlitten noch am Ram ins Tal rauschten.

Ohlstadt – Nervös sitzt Stefan Gaisreiter am Mittagstisch. Eigentlich hat er gar keinen Hunger. Viel zu aufgeregt ist der Fünfjährige. Heute ist es endlich soweit. Sein Vater nimmt ihn zum ersten Mal mit rauf. Rauf zur Ohlstädter Bobbahn am Ram. Doch bevor es zu seinen Idolen geht, setzt es eine ordentliche Watschn. „Ich hab mir vor lauter Ungeduld in den Finger geschnitten“, erinnert sich Gaisreiter – heute 72 – und lacht. Das Missgeschick ist der Grund dafür, dass er sich an jenen Tag im Februar 1953 so gut erinnert. In Ohlstadt steppt acht Jahre nach Kriegsende der Bär. Mit Blasmusik ziehen die Athleten um den amerikanischen Starpiloten Lloyd Johnson zur Bobbahn, um sich anschließend die WM-Revanche zu liefern. „So wurde das Rennen von unserem Manager Hubert Laber genannt“, erklärt Gaisreiter. „Ein paar Wochen vorher fand die Weltmeisterschaft im Zweier- und Viererbob in Garmisch-Partenkirchen statt. Weil die Mannschaften schon in der Gegend waren, hat sie der Hubert zu uns gelotst.“ Laber war es auch, der damals schon Sinn für Vermarktung hatte. Die Bobs schossen durch die Pfanni- oder Dr. Oetker-Kurve. Der damalige Vorsitzende des SV Ohlstadt verstand es, mit Sportevents Geld zu machen.

Zwei Jahre war die Bahn am Ram damals bereits in Betrieb. 1951 wurde die rund 650 Meter lange Bahn erstmals mit Schneematsch und Eisblöcken präpariert. Deutsche Meisterschaften gehörten in all den Jahren zum Standardprogramm. Klar, dass dabei auch Stefan Gaisreiter, Peter Utzschneider, Walter Steinbauer und Wolfgang Zimmerer mitmischten. Gaisreiter und Zimmerer jagten 1965 erstmals gemeinsam die Bahn hinab. „Das war Zufall“, sagt Gaisreiter. „Eigentlich sollte der Peter (Anm. d. Redaktion: Utzschneider) mit dem Wolfgang fahren. Aber der hat in der Blaskapelle spielen müssen, also bin ich mitgefahren.“ In der Saison 1968/69 triumphierte Zimmerer beim Heimspiel – Deutscher Meister. „So besessen wie wir waren, das war schon der Wahnsinn“, sagt Zimmerer. Diese positive Verrücktheit trug ihn und seine Bobkameraden in den folgenden Jahren von Erfolg zu Erfolg. Weltmeistertitel, Olympia-Triumphe und bis heute währende Freundschaften – sogar nach Amerika – waren der Lohn.

Während das Ohlstädter Quartett auf den Bobbahnen rund um die Welt um Bestzeiten und Titel raste, gingen auf ihrer heimatlichen Strecke langsam die Lichter aus. „Die Winter waren damals schon nicht immer gut“, erklärt Gaisreiter. Der Aufwand, die Naturbahn immer auf Top-Niveau zu bringen, war immens. „30 bis 40 Leute hat man dafür gebraucht“, erinnert sich Gaisreiter. „Dann wurde in Königssee die künstliche Bahn gebaut.“ Der Anfang vom Ende für Ohlstadt. Nicht ganz, denn in Berlin wurde auf dem Verbandstag diskutiert, wer die nächste künstliche Bahn erhalten solle: Ohlstadt oder Winterberg? Das Ergebnis: bekannt. Am 3. Januar 1970 startete Pilot Gaisreiter zur letzten Fahrt auf der Bobbahn am Ram.

Ein paar Wochen später und hunderte Kilometer weiter südlich rafften sich die vier Ohlstädter Bob-Giganten auf, die besten in Europa zu werden. In Cortina d’Ampezzo steuerte Zimmerer den Bob Deutschland eins mit Bestzeit ins Ziel. „Damals eine der gefährlichsten und schnellsten Bahnen der Welt“, sagt Zimmerer. Doch der heute 79-Jährige wusste, mit solchen extremen Situationen umzugehen. „Ich hab’ mich immer an die Bahn herangetastet.“ Systematisch zum Erfolg. Das weiß auch Gaisreiter: „Der Wolferl war ein Genie an den Seilen. Beim Abschlusstraining wussten die Anderen, wenn wir Europameister werden wollen, müssen wir den Wolferl schlagen.“ Geschafft hat es keiner. Sogar im Zweierbob räumte Zimmerer ab. Bronze zusammen mit Peter Utzschneider.

Nicht ab, sondern ausgeräumt wurde vor ein paar Wochen in der Ohlstädter Bahnhofsrestauration. Dabei fiel Gaisreiter ein besonderes Fundstück in die Hände. Der Bob des Amerikaners Johnson. Und Gaisreiter wäre nicht Gaisreiter, wüsste er nicht, wie der dort gelandet ist. „1953 haben die dort gefeiert und etwas zu viel erwischt“, erinnert er sich mit einem Augenzwinkern. „Dann haben sie ihren Bob wohl vergessen.“ Der wurde nach der Feier in einen Schuppen gestellt und auch als Johnson ein Jahr später noch mal nach Ohlstadt kam und ihn suchte, nicht gefunden. Erst 50 Jahre später.  Matthias Strehler

Quelle: Merkur.de

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