Becker pfiff bereits Futsal-Champions League

David Becker: Schiedsrichter ohne Gehör

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Linesman im Endspiel: David Becker (li., im gelben Trikot) hat bei der Champions Lea gue der Gehörlosen in Vigevano 18 Begegnungen geleitet. Im Finale stand er an der Seitenlinie. 

David Becker berichtet vom Leben als gehörloser Schiedsrichter. Der 34-Jährige pfeift trotz seiner Einschränkung Futsal Spiele auf Champions League Niveau.

Geretsried – Als Schiedsrichter steht man im Mittelpunkt und oft in der Kritik. Mancher Referee würde sich vermutlich wünschen, nicht hören zu müssen, welche Vorwürfe ihm um die Ohren gepfeffert werden. Der einzige Schiedsrichter der Umgebung, der das tatsächlich könnte, ist David Becker. Der 34-Jährige ist von Geburt an nahezu gehörlos, hat ohne technische Hilfe nur 20 Prozent Hörvermögen. Trotz des Handicaps leitet der Geretsrieder Fußballspiele in der Kreisliga. Dass er quasi taub ist, stört ihn kaum. Auch seinen Alltag meistert der Elektroniker trotz der Einschränkung.

Wenn man mit Becker spricht, merkt man nicht sofort, dass nur ein kleines, fast unsichtbares Hörgerät hinter seinem Ohr dafür sorgt, dass er etwas versteht. „Man muss langsam und deutlich mit mir sprechen“, erklärt er. Dann gibt es keine Probleme. Wenn Becker antwortet, muss er sich mehr konzentrieren als sein Gegenüber. Manche Zischlaute fallen ihm schwer, aber man versteht ihn gut. „Meine Frau und meine Familie haben ein normales Gehör“, sagt er. Dadurch habe er lernen können, normale Gespräche zu führen. Einer seiner beiden Brüder ist ebenfalls schwerhörig.

„Ich konnte den Dozenten nie zu 100 Prozent folgen, wenn ich keinen Dolmetscher bekommen habe“

In seiner hessischen Heimat besuchte Becker als Kind eine Schule für Gehörlose, machte dort auf einer speziell für Schwerhörige eingerichteten Fachoberschule sein Fachabitur und absolvierte eine Lehre. Durch die Gebärdendolmetscher gab es keine Schwierigkeiten. Als Becker studieren wollte, wurde seine Schwerhörigkeit erstmals zum Problem. Nach nur einem Semester musste er sein Studium der Informations- und Elektrotechnik abbrechen. „Ich konnte den Dozenten nie zu 100 Prozent folgen, wenn ich keinen Dolmetscher bekommen habe“, sagt Becker. Zu schnell und zu undeutlich wurde gesprochen, zu unruhig war es im Raum. „Dann komme ich nicht mit.“

Während seiner Jugend kickte Becker im Fußballverein. Besser gesagt: in zwei Fußballvereinen. „Ich habe in einer Mannschaft für Gehörlose gespielt und in einem normalen Team“, erinnert er sich. Das runde Leder wurde zu einem steten Begleiter. Als Becker vor einigen Jahren einen Job als Techniker im Buchheim Museum am Starnberger See bekam und dafür nach Geretsried zog, beendete er seine aktive Karriere. Dem Fußball, das stand für Becker fest, wollte er treu bleiben. Und als er hörte, dass es eine Schiedsrichterausbildung in Gebärdensprache beim Bayerischen Fußball-Verband gibt, wusste er, in welcher Rolle er das tun würde. 22 Aspiranten nahmen am Lehrgang teil, nur ein Teil davon ist heute im aktiven Schiri-Geschäft. Becker ist einer davon und leitet seit bald vier Jahren Fußballspiele für die Schiedsrichtergruppe Weilheim; rund 50 im Jahr. Inzwischen darf er sogar in der Kreisliga pfeifen.

Becker pfiff bereits Futsal-Champions League

Im Futsal hat Becker schon Spiele in der Regionalliga geleitet, erzählt er lächelnd. Auch wenn er über einen Einsatz in Vigevano spricht, merkt man dem 34-Jährigen seinen Stolz an. In dem norditalienischen Städtchen war Becker Ende Januar als Schiedsrichter für die Futsal-Champions-League der Gehörlosen eingeteilt. 18 Partien leitete er bei dem fünftägigen Turnier, im Finale der Herren stand er an der Seitenlinie. „Das hat riesigen Spaß gemacht“, sagt Becker. Der Wermutstropfen: „In den Finalrunden haben wir Gehörlosen nicht pfeifen dürfen.“ Neben neun schwerhörigen Referees aus ganz Europa waren auch einige italienische Kollegen ohne Einschränkung dabei. „Die wollten nicht mit uns zusammenarbeiten. Schade, aber am wichtigsten war, dass es Spaß gemacht hat und ich viele Einsätze bekommen habe.“

Er sieht die Erfahrung positiv. Das tut er eigentlich immer. Selbst wenn Becker über sein Leben als Schwerhöriger spricht, klingt immer ein unverwüstlicher Optimismus durch. „Ich kann nachts durchschlafen, weil mich keine Geräusche stören. Nach dem Aufwachen, wenn ich mit meinem Hund Gassi gehe, lasse ich das Hörgerät noch weg und kann super entspannen. Und wenn mich ein monotones Geräusch nervt, nehme ich die Geräte einfach raus.“ Er lächelt, auch wenn man dem lebensfrohen Mann die Konzentration ansieht, die für derart lange Monologe nötig ist. Es wirkt, als störe die Beeinträchtigung ihn nicht allzu sehr im Alltag.

Lippenlesen und Körpersprache helfen mir beim Pfeifen

Auch auf dem Fußballplatz gibt es fast keine Probleme mit seinem Gehör. „Ich kriege alles mit“, sagt er. Er erzählt vor dem Anpfiff nichts von seiner Schwerhörigkeit. „Manche Spieler merken es nicht einmal während des Spiels“, erzählt er. Unklare Situationen, Streitigkeiten und Kritik – die unschönen Seiten des Schiedsrichter-Daseins eben – meistert David Becker souverän. „Ich höre das Wichtigste“, sagt er. Selbst wenn er einmal unsicher ist, helfen ihm Lippenlesen und die Körpersprache seines Gegenübers, um die Situation besser einzuschätzen. Becker hat ein gutes Gespür. Er hat es sich über Jahre antrainiert. Trotz allem Spaß, den Becker an seinem Hobby hat, schränkt ihn sein Gehör manchmal ein. „Ich musste über höhere Hürden springen“, sagt er.

Zum Beispiel bei den Schiedsrichterversammlungen jeden Monat. Weil die Gesprächskulisse unruhig ist, braucht der 34-Jährige hierfür einen Dolmetscher, den er aber zuvor als Sozialhilfe beantragen muss. „Das ist oft anstrengend“, sagt er, und mit Querelen beim Amt verbunden. Diese Stolpersteine sind für einige Gehörlose ein Hinderungsgrund. „Es gibt nur zehn, vielleicht 15 Schiedsrichter in Deutschland.“ Europaweit sind es rund 50. Manche gehörlose Aspiranten haben Probleme in ihren Schiedsrichtergruppen, denn nicht alle Obmänner trauen einem Tauben zu, ein Fußballspiel zu leiten. Diese Probleme kennt allerdings Becker nur von Erzählungen: „Ich wurde sofort aufgenommen, konnte gleich anfangen, als ich mich gemeldet habe.“ Sogar den Sprung in die Kreisliga hat er geschafft. „Da war ich schon stolz auf mich.“ Er tut sich schwer, diesen Satz auszusprechen. Es war ein langes Gespräch, Becker ist hoch konzentriert. Es ist einer der wenigen Momente, in denen man dem 34-Jährigen seine Taubheit anmerkt.

Quelle: Merkur.de

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