Interview

„Es darf keine Tabus geben“

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Kein Freund von engstirnigen Auslegungen der Ordnungen: Verbandspräsident Georg Clarke.

Georg Clarke, Präsident der Bayerischen Handball-Verbands, über die Corona-Krise und Lösungen für die Zeit danach. 

Bad TölzAndreas Michelmann sieht die Corona-Krise als eine Herausforderung, die nur gemeinsam bewältigt werden kann. Der Präsident des Deutschen Handballbundes ordnet sportliche Belange der Eindämmung der Pandemie unter und akzeptiert Einschränkungen für alle. Einen Mitstreiter findet er in Georg Clarke (56) aus Bad Tölz, seines Zeichens DHB-Vizepräsident und Präsident des Bayerischen Handballverbands (BHV). Der 56-Jährige im Gespräch über die aktuelle Lage und mögliche Zukunftsszenarien.

Herr Clarke, wie war Ihre erste Reaktion, als die politische Entscheidung zur Schließung der Schulen und Sporthallen bekannt wurde?

Georg Clarke:Der Handballverband war sehr dankbar für die schnelle Entscheidung der Regierung, da wir bereits einen Tag vorher alle Aktivitäten im Handball in Bayern eingestellt haben. Bei dieser Entscheidung haben wir uns eng abgestimmt mit den Sportarten Volley- und Basketball sowie allen Landesverbänden im Handball. Dabei haben wir unseren Vereinen empfohlen, auch den Sportbetrieb in den Hallen vorsorglich der weiteren Entwicklung einzustellen. Dieser Schritt ist uns nicht leichtgefallen, ist aber in der jetzigen Situation die richtige Entscheidung gewesen, auch um frühzeitig in Sinne der Verantwortung und Fürsorge für unsere Mitglieder Verantwortung und Klarheit zu zeigen.

Derzeit erfolgen Entscheidungen mit großer Dynamik. Der DHB hat indessen für die 1.und 2. Bundesliga der Frauen den Abbruch der Saison mit entsprechenden Konsequenzen erklärt. Haben Sie noch Hoffnung, die Saison mit den vier bis sechs offenen Spieltagen in den Ligen der Erwachsenen-Mannschaften zu Ende zu bringen?

Der BHV arbeitet eng mit der Taskforce Spielbetrieb des DHB zusammen. In der Taskforce sind die Vertreter der Bundesligen Frauen und Männer, der Jugend-Bundesliga, der 3. Ligen und der Landesverbände. Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist die Erstellung von allen möglichen Szenarien für eine Wiederaufnahme oder Wertung des Spielbetriebs 2019/20, nach Möglichkeit unter gleichen Bedingungen in Deutschland unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Faktoren im Bereich der Bundesligen und der 3. Ligen, sowie die Entwicklung der Szenarien für 2020/21 für die Zusammensetzung der Ligen, inklusive der Besonderheiten für den Bereich Jugend.

Das heißt?

Bei allen Szenarien stehen sportliche und wirtschaftliche Faktoren für alle Organisationen im Vordergrund. Auch wollen wir je nach zeitlicher Entwicklung schnell reagieren können und Transparenz für unsere Vereine präsentieren. Parallel hat auch der BHV eine Taskforce einberufen, die in wöchentlichen Videokonferenzen mögliche Modelle zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs beziehungsweise der Saison 2020/21 erarbeitet. Auch mit der Prämisse, schnell im Sinne der Vereine handeln zu können sowie den sportlichen Erfolg der jetzigen Saison nicht zu vergessen.

Die Konsequenzen können je nach Liga-Niveau unterschiedlich sein. Wird es Ligen-Aufstockungen geben?

Wie gesagt, wir erarbeiten unterschiedliche Modelle, auch um so sportlich fair als möglich in eine neue Saison zu starten Dabei darf es keine Tabus geben und auch keine engstirnigen Auslegungen von Ordnungen, sondern ein hohes Maß an Flexibilität und sportlicher Fairness für unsere Mitglieder.

Die Jugend hatte bisher nach Abschluss der Saison mit den neuen Jahrgängen stets eine zeitlich teils aufwendige Qualifikation gespielt. Welche Möglichkeiten sehen Sie dafür hinsichtlich der vermutlich knapp werdenden Zeit bis zum Saisonbeginn?

Persönlich glaube ich, dass die Qualifikation in der jetzigen Situation unseres Sports überbewertet wird. Ich bin überzeugt, dass wir zusammen mit unseren Vereinen Möglichkeiten zur Zusammenstellung der Ligen in der Saison 2020/21 finden werden. Ich denke, die Handball-Familie in Bayern war bereits in der Vergangenheit sehr kreativ und wird dies jetzt erst recht sein. Ich glaube, dass wir im Sport in der jetzigen Situation durch unsere Geschlossenheit und unsere gemeinsame Zielstellung Vorteile haben.

Die Sichtungsveranstaltung des DHB Anfang März in Heidelberg war aus bayerischer Sicht für die Jugend-Mannschaften sehr positiv. Ist das der Lohn für die intensive Sichtungsarbeit?

Danke für diese Frage losgelöst von der jetzigen Krise. Ja, der Handball in Bayern entwickelt sich durch seine Mitglieder derzeit sehr gut. Zum einen durch aktuell steigende Mitgliederzahlen sowie einer Steigerung der Leistungen seiner Talente, aber auch Vereine, zum Beispiel dem TuS Fürstenfeldbruck (3. Liga), TSV Allach (Jugend-Bundesliga), ESV Regensburg, TSV Haunstetten, HCD Gröbenzell, HC Erlangen, HC Coburg, DJK Rimpar und auch der Jugendarbeit vieler Vereine. Ein Erfolgsfaktor der jetzigen Entwicklung ist dabei sicherlich der noch immer nachhaltige Erfolg der Weltmeisterschaft in München im Winter 2019, ausschließlich ein Erfolg aller Mitglieder der Handball-Familie.

Es brennt Ihnen noch etwas unter den Nägeln!

(lacht) Gut beobachtet! Noch ein paar abschließende Bemerkungen: Der BHV bietet allen Vereinen auf seiner Homepage (www.bhv-online.de, Anm. d. Red.) in Rundschreiben und sozialen Kanälen seine Hilfe an: Sportprogramme für die Kinderbeschäftigung, Angebote der Unterstützung im Bereich finanzieller Einbußen und Personalanstellungen, transparente Informationen zur Corona-Krise mit Auswirkungen für den Sport vom DHB, BLSV und BHV. Herausragend insbesondere die vielen Angebote der Einkaufsmöglichkeit für Betroffene. Dabei zeigt sich, der Sport – und besonders Handball – ist eine starke Community, und wir werden die Krise gemeinsam überstehen. Wir gewinnen gemeinsam.

Quelle: Merkur.de

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