Der Achter aus dem Zentrum

Michael Scharbert: Abteilungsleiter, Trainer, Lehrer, Vater - Jahrzehnte beim ESV Penzberg

Gelebte Solidarität: Michael Scharbert engagiert sich seit Jahrzehnten in verschiedenen Ämtern beim ESV Penzberg. Im Hintergrund zu sehen ist das Vereinsheim an der Fischhaberstraße, quasi Scharberts zweites Zuhause.
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Gelebte Solidarität: Michael Scharbert engagiert sich seit Jahrzehnten in verschiedenen Ämtern beim ESV Penzberg. Im Hintergrund zu sehen ist das Vereinsheim an der Fischhaberstraße, quasi Scharberts zweites Zuhause.

Michael Scharbert hält beim ESV Penzberg seit Jahrzehnten vieles zusammen. Der Verein als Ich-AG kommt dem Abteilungsleiter aber erst gar nicht in den Sinn.

Penzberg – Als er die große Bühne im Münchner GOP Theater erklomm, klang ihm in einem Ohr noch die Laudatio der Jury. Abteilungsleiter, Trainer, Mitglied des Fördervereins hallten die Schlagworte durch den Saal. Oben angekommen, erhielt Michael Scharbert den Ehrenamtspreis des Bayerischen Fußball-Verbands aus den Händen von Präsident Rainer Koch. Es war ein Moment, der ihn irgendwie verlegen machte.

Wie alle Ausgezeichneten, dachte auch der Fußball-Chef des ESV Penzberg zuerst an diejenigen, bei denen er sich für den Preis zu bedanken hatte. Und dann kamen ihm all diejenigen Menschen in den Sinn, die es genauso wie er verdient gehabt hätten, für ihre unermüdliche Arbeit endlich einmal an prominenter Stelle gewürdigt zu werden. In dieser diffusen Gemengelage behielt dann der Gedanke die Oberhand, nicht das eigene Ego zu sehen, sondern sich als Teil eines großen Ganzen zu begreifen. „Ich hatte das Gefühl, dass ich stellvertretend für den ESV oder den Kreis Zugspitze diese Ehrung erhielt.“

Insgesamt prämierte der BFV das Schaffen von 22 Persönlichkeiten aus den einzelnen Kreisen im Freistaat. Dass Scharbert für den Kreis Zugspitze nominiert worden war, hatte er Josef Kriegbaum zu verdanken. Der ehemalige Vorsitzende des Vereins sah es als dringend nötig an, den Verband einmal wissen zu lassen, was er für engagierte Mitglieder besitzt, und schickte ein Empfehlungsschreiben an die Verbandszentrale in München.

Natürlich ist es ein Leichtes, Scharberts zahlreiche Jahre in der Abteilungsleitung aufzuzählen oder all die Spielzeiten, in denen sich der Trainer im Dienst an seinen Mannschaft aufgerieben hat. Aber es gab auch Projekte, die deutlich machten, dass ein Ehrenamt viel mehr bedeutet, als einfach seine Zeit abzusitzen. Dinge, wie den Erwerb des ESV-Geländes von der Bahn, in denen Weitsicht, Tatkraft, Verhandlungsgeschick, Kreativität, Mut und Risikobereitschaft gefragt waren. Oder der Einsatz für all die Migranten, die vor sechs Jahren die Flüchtlingskrise nach Penzberg gespült hatte. Wie ihre Integration in den Verein am besten funktionieren sollte, wusste niemand so genau. Scharbert und seine Mitstreiter haben es einfach versucht.

„Für uns war es zunächst utopisch, so etwas zu schultern“, gibt Scharbert zu. Irgendwann sei der Verein bei sämtlichen Projekten an seine Grenzen gestoßen. Aber dann machten die Eisenbahner eine Erfahrung, die in einer individualistisch geprägten Gesellschaft immer rarer wird: dass sich Verantwortung viel leichter übernehmen lässt, wenn viele Schultern bereit sind, sie zu tragen.

Scharbert wurde schnell bewusst, dass man sein Leben nicht alleine lebt, sondern gemeinsam mit anderen. Der erste Weg nach der Schule führte ihn immer zum Bolzplatz, wo es genügend andere Gleichgesinnte gab. Und als er sein Abitur in der Tasche hatte, führte ihn sein erster Weg wieder zurück an die Schule, wo er heute am Gymnasium Weilheim Englisch, Geographie und Ethik unterrichtet. Und weil das nicht ausreicht, kümmert er sich an seiner Lehranstalt noch um die Themen Umweltschutz und Suchtprävention.

Die Fäden hielt der Studiendirektor schon als Spieler gerne in der Hand. In den Mannschaften des ESV gab er den klassischen Achter. Scharbert war der Mann im Zentrum, mal hinten und mal vorn, mal auch auf den Seiten, wenn es sich nicht vermeiden ließ, aber stets zur Stelle, wenn es darum ging, die Ärmel hoch zu krempeln und voranzugehen. Sein Vater Wolfram war da ein anderer Typ. Er schoss die Tore, ungefähr 365 in seiner Laufbahn beim ESV, so viele wie Gerd Müller Bundesliga-Treffer für den FC Bayern erzielte.

Diesen Rekord wagte der Junior nicht anzutasten. Aber er stellte einen anderen auf: 823 Spiele hat er mittlerweile als Erwachsener für die Eisenbahner absolviert. Charly Körbel kam in der Bundesliga nur auf 602 Partien für die Eintracht. Der ehemalige Frankfurter wird bald noch weiter ins Hintertreffen geraten. Denn Scharbert streift mit seinen 53 Lenzen immer mal wieder das Trikot der Reserve oder der AH über. 1000 Spiele sind da noch locker drin.

Dass der Vater von drei Kindern noch so spielen darf wie einst als kleiner Bub, der im Alter von zehn Jahren zu den Eisenbahnern ging, hat er auch seiner Frau Tanja zu verdanken, die seine Leidenschaft und sein Engagement teilt und darüber hinaus auch weiß, was ihr Mann am nötigsten braucht. „Geh lieber zwei Stunden Fußball spielen“, rät sie ihm regelmäßig, bevor er sich zu sehr in seiner Arbeit vergräbt.

Dass das Ehrenamt meist vom Wohlwollen und der Unterstützung des Partners lebt, ist ein Fakt, der viel zu wenig gewürdigt wird. Der BFV erinnerte sich daran, und lud auch die Lebensgefährten und -gefährtinnen der Preisträger zu seiner Feierstunde ein. Ein feiner Zug, denn auch am Ehrenamt rütteln die Kräfte der Zeit. Viele Menschen schrecken davor zurück, Verantwortung für andere zu übernehmen, weil sie sich damit eventuellen Risiken aussetzen können. Haftungsfragen spielen eine Rolle, wenn Tore umfallen, Kassen schwarz geführt oder Kinder missbraucht werden. „Es ist schade, dass diejenigen, die ehrenamtlich arbeiten, nicht abgesichert sind“, so Scharbert. Er hofft, dass sich die Politik bald dieses Themas annimmt. Schließlich möchte er nichts lieber, als dass auch die anderen Mitarbeiter in den Vereinen einmal genauso für ihr Engagement gewürdigt werden wie er selbst.

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