Ex-Bayern-Torwart wird Abwehrchef

Marina Siegl: Vom Bayern-Tor in die BCF-Abwehr

Kompromisslos in den Zweikämpfen: Marina Siegl (re.) hat der verpassten Torwart-Karriere nicht lange nachgetrauert, sondern zur Feldspielerin umgeschult. Nun ist sie beim BCF Wolfratshausen die beinharte Abwehrchefin. Foto: Hans Lippert Vom Torwartzur FeldspielerinumgeschultFußball ist wichtigerals Musik- undTrachtenverein

Wer bei den Spielen der Fußballfrauen des BCF Wolfratshausen zuschaut, bemerkt sofort, wie kompromisslos die Nummer 8 in die Zweikämpfe geht.

Wolfratshausen – Wer bei den Spielen der Fußballfrauen des BCF Wolfratshausen zuschaut, bemerkt sofort, wie kompromisslos die Nummer 8 in die Zweikämpfe geht. Dabei spielt Marina Siegl erst seit vier Jahren im Feld. Zuvor wollte die 25-Jährige Profi-Torhüterin werden. Doch dann stoppte eine Schulterverletzung die hoffnungsvolle Keeper-Karriere.

Früh entdeckte Marina ihre Leidenschaft für das runde Leder. Doch weil in ihrem Heimatverein zu wenige Mädels spielten, kickte sie bei den Buben mit. Als sie zur Gaudi mal ins Tor ging, „haben sich die Jungs beschwert, weil sie nicht treffen, wenn ich auf der Linie bin“. Das Mädel kaufte sich kurz danach Torwarthandschuhe. Ihr Talent sprach sich nicht nur im Verein herum: Sie trainierte beim Stützpunkt und fing für die Bayern-Auswahl der Frauen. Die anderen Spielerinnen kamen von Proficlubs und sie, das Landei vom SV Uffing, war mittendrin.

Nach der C-Jugend war sie zu alt, um bei den Jungs mitzuspielen. Und weil Siegl schon damals selbstbewusst war, rief sie beim FC Bayern an. „Von der Auswahl kannten sie dort zumindest schon meinen Namen“, berichtet sie. Zwei Jahre lang trug sie in der Jugend das gleiche Trikot wie Manuel Neuer, gewann mit dem Team bayerische Meisterschaften, wurde sogar als Torhüterin der Saison ausgezeichnet. Siegls Weg zeigte steil nach oben. Nach der Jugend saß sie dreimal auf der Bank des FCB in der Frauen-Bundesliga und hütete als 18-Jährige das Tor der Reserve, während sie nebenher für ihr Abitur büffelte. Ein Aufwand, den sie gerne auf sich nahm. „Natürlich träumt man davon, den Sprung zu schaffen“, erinnert sich Siegl lächelnd. Irgendwann dämmerte ihr aber, dass es mit einer Körpergröße von 1,64 Metern höchst ungewöhnlich wäre, sich in der höchsten Spielklasse als Torhüterin durchzusetzen.

Dennoch wagte sie den nächsten Karriereschritt. Mit einem Sportstipendium schaffte sie es auf die Universität in Idaho, im Nordwesten der USA. Fast 30 Unis hatten sich zuvor mit Angeboten um die junge Frau mit der Bilderbuchkarriere gerissen. Was sie in den USA erlebte, war für die Ex-Bayern-Keeperin ein Kulturschock der positiven Art: Zu den Auswärtsspielen reiste sie mit dem Flugzeug, und wenn am Spieltag mal eine Prüfung anstand, übernahm kurzerhand der Coach die Aufsicht. Siegl und ihre Teamkolleginnen repräsentierten die Uni. „Deshalb hat man uns viel durchgehen lassen.“ Für sie war das Neuland. „In Deutschland brauchst du niemandem erklären, dass du nicht lernen konntest, weil du beim Fußball warst.“

Doch das Studium endete abrupt: Die Schulterprobleme, die sie seit Jahren plagten, wurden nicht besser – und zuletzt so quälend, dass sich die ambitionierte Torhüterin zu einem drastischen Schritt durchringen musste: Sie hängte die Handschuhe an den Nagel. Und ohne Sport gibt es kein Sportstipendium. Nach eineinhalb Jahren kehrte sie zurück in die Heimat.

Den harten Schlag steckte die junge Frau locker weg. Sie studierte in München Wirtschaftspsychologie und heuerte beim SC Huglfing als Torwarttrainerin an. Stillhalten konnte sie nicht lange: „Anfangs habe ich bei den Abschlussspielen mitgekickt und später in Punktspielen ausgeholfen. Ich wusste, dass ich mich nicht ganz blöd anstelle“, erklärt sie mit ihrem bayerischen Zungenschlag. „Für einen Keeper konnte ich immer ganz gut mit dem Ball umgehen.“ Das stellte sie zunächst in der Kreisklasse bei der SG Huglfing unter Beweis, dann in der Bezirksliga beim TSV Murnau, und seit zweieinhalb Jahren nun beim BCF in der Landesliga.

Trotz des Talents, das Siegl mitbringt, steckt harte Arbeit auf dem Trainingsplatz hinter dem Erfolg. Muskelkater gehört seit Jahren zum Alltag wie Umziehen und Duschen. Deshalb verpasst sie auch heute kein Training, spielte in dieser Saison alle Begegnungen beim BCF von der ersten bis zur letzten Minute und hat wenig Verständnis, wenn ihre Teamkollegen bei früheren Vereinen „wegen der Musik oder dem Trachtenverein“ mal einen Mannschaftstermin absagten. Das soll nicht heißen, dass Siegl bei all dem Leistungsgedanken nicht mehr gesellig sein könnte. Sie lacht viel, ist selbstironisch und ist nicht nur deshalb Kapitänin, weil sie guten Fußball spielt.

Die Verbissenheit, mit der sie in jeden Zweikampf geht, legt sie nach dem Schlusspfiff ab. Vielleicht traut man der zarten Frau auch wegen ihrer humorvollen Gelassenheit auf den ersten Blick nicht zu, einer bulligen Stürmerin bis zum Schlusspfiff jeden Ball abzulaufen. Wenn sie aber auf den Platz geht, gewinnt man den Eindruck, dass die kompromisslose Nummer 8 noch nie etwas anderes gemacht hat – und irgendwie stimmt das.

Vom Torwart
zur Feldspielerin

umgeschult

Fußball ist wichtiger

als Musik- und

Trachtenverein

Quelle: Merkur.de

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