„Unsere Sportler sind richtig gut“

„Alle richtig heiß“: Freisinger G-Judo-Gruppe fiebert Bayerischer Meisterschaft entgegen

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Ein starkes Team! Die G-Judo-Gruppe von Karl-Heinz Kiefer (hinten, l.) und Monika Schicho (vorne, l.) trainiert seit Wochen mit vollem Einsatz für das große Highlight – die Landesmeisterschaft in Freising.

G-Judo ist ein Kampfsport für Menschen mit geistiger Behinderung. Die Freisinger Gruppe ist richtig gut darin - und fiebert der Bayerischen Meisterschaft in der Luitpoldhalle entgegen.

Freising – Es ist eine große Ehre für den Verein und für die Teilnehmer eine Bestätigung, dass sie etwas wert sind, dass ihre Leistungen Anerkennung finden: Der JC Freising richtet am Samstag, 1. Februar, zum ersten Mal die Offene Bayerische Einzelmeisterschaft im ID- oder G-Judo aus. Mit von der Partie sind an diesem Tag in der Luitpoldhalle auch bis zu neun Menschen mit Handicap, die in Kooperation mit der Lebenshilfe diese japanische Kampfkunst im Bildungszentrum Gartenstraße trainieren. „Sie sind alle seit Wochen richtig heiß auf das Turnier“, freut sich Übungsleiter Karl-Heinz Kiefer. 

Bei der Lebenshilfe mit offenen Armen empfangen

Der 71-Jährige ist in Sachen Judo ein alter Hase. Seit mehr als einem halben Jahrhundert betreibt er diese Sportart, leitet auch heute noch Anfänger- und Fortgeschrittenen-Kurse beim Judoclub Freising. „Solange mein Körper mitmacht, will ich mich einbringen“, betont Kiefer. Seine große Leidenschaft steckt aber in einer Disziplin, die er 2015 in der Domstadt etabliert hat: im ID- oder G-Judo. Dabei handelt es sich um eine Variante des klassischen Judo-Kampfsports für Menschen mit geistiger Behinderung. Daher auch der Name: Der Begriff „ID-Judo“, der sich international mittlerweile durchgesetzt hat, steht für „intellectual disability“ – das „G“ für gehandicapt. „Letzteres halte ich für die viel elegantere Umschreibung. Denn die Menschen bekommen eh zu oft zu hören, dass sie behindert seien“, sagt Kiefer. „Aber diese Leute sind so normal wie jeder andere auch – mit ganz normalen Bedürfnissen.“

Schulbuchmäßig auf die Matte geschleudert: Beim G-Judo geht es vor allem um eine saubere Technik. Wichtig ist aber, dass sich niemand verletzt.


Seit fünf Jahren haben sie nun die Möglichkeit, Kampfsport zu betreiben. Die Initiative ging seinerzeit von Kiefer selbst aus – ein Artikel über G-Judo in der Lebenshilfe-Zeitung Wirbel hat ihn inspiriert. Der Judo-Trainer hatte eine Schwester, die am Down-Syndrom litt, und damit gute Kontakte zur Lebenshilfe in Freising. „Als bei uns beim Judoclub einmal ältere Matten ersetzt werden sollten, habe ich sie mir geschnappt und bin sofort auf die Lebenshilfe zugegangen“, erzählt der 71-Jährige. „Und dort wurde ich mit meiner Idee, Judo-Stunden für Menschen mit Handicap abzuhalten, mit offenen Armen empfangen.“ Heute trainieren neun G-Judoka alle 14 Tage – und zwar immer donnerstags zwischen 16.30 und 18.30 Uhr – in der Turnhalle des Bildungszentrums Gartenstraße, mit Kiefer und seiner Kollegin Monika Schicho. Der jüngste Aktive ist 21 Jahre alt, der Älteste geht auf die 60 zu.

Für alle Judo-Kämpfer gilt dieselbe Devise

Dabei sind die Unterschiede zum herkömmlichen Judo gar nicht so groß: Die Teilnehmer praktizieren die Kampfkunst als Vollkontakt-Sportart – einzig Würgegriffe und Hebeltechniken sind wegen der Verletzungsgefahr untersagt. „Diese Dinge lernen wir ihnen gar nicht“, sagt Kiefer. Doch ansonsten sei der Trainingsablauf nahezu identisch: Los geht es mit einem Aufwärmen, danach folgen Fallübungen, die Technikschule sowie Kampfsequenzen im Stand und am Boden. „Und unsere Sportler sind richtig gut“, lobt der 71-Jährige. Natürlich müsse man sich als Trainer auf die Beeinträchtigungen und Eigenheiten eines jeden Teilnehmers einstellen – „das ist aber kein Problem, wir kennen die Menschen ja sehr gut“. Deshalb gilt auch für sie, wie für jeden anderen Judo-Kämpfer, die Devise: „Auch wenn ich meinen Gegner auf die Matte knalle, mache ich es so, dass er sich nicht verletzt.“ 

Jeder soll Spaß haben, doch Übungsleiter Kiefer will vollen Einsatz sehen

Ihr ganzes Können wollen die Aktiven nun bei der Offenen Bayerischen Einzelmeisterschaft zeigen. Kiefer hofft, dass alle neun aus seiner Trainingsgruppe starten können – und die Konkurrenz ist groß: Zwischen 50 und 70 Kämpfer, auch aus Österreich und Nordrhein-Westfalen haben sich G-Judoka angekündigt, werden am Samstag ab 11.30 Uhr in drei Wettkampf- und verschiedenen Gewichtsklassen auf die Matten gehen. Je nach Grad ihrer Beeinträchtigung werden die Frauen und Männer in die Wettkampfklassen I bis III eingeteilt. Für alle gilt der Olympische Gedanke „Dabei sein ist alles“. Sie sollen Spaß am Sport haben. Doch Kiefer will auch vollen Einsatz sehen.

Jedenfalls haben die Freisinger zwei heiße Eisen im Feuer: Lothar Schmidt (21) hat im November bei der Deutschen Meisterschaft der Verbandsmannschaften einen 175-Kilo-Gegner aus Nordrhein-Westfalen „einfach so weggeputzt“, wie Kiefer sagt. „Und das, obwohl er selbst nur um die 100 Kilo wiegt.“ Auch der 29-jährige Florian Lindner, der wie Schmidt in der Wettkampfklasse II auflaufen soll, sei ein Kandidat für die Podestplätze. Das Wichtigste sei jedoch, dass kein Teilnehmer mit leeren Händen die Luitpoldhalle verlassen wird: „Die Erst- bis Drittplatzierten in jeder Gewichts- respektive Wettkampfklasse erhalten Medaillen, alle bekommen eine Urkunde“, erklärt Kiefer. Und vor allem: „Jeder wird gestärkt und mit mehr Selbstwertgefühl nach Hause gehen.“ Denn immerhin sei jeder Mensch – egal, ob mit oder ohne Handicap – stolz, seinen Namen auf einer Urkunde zu lesen.

Infos zur Meisterschaft 

Die Offene Bayerische Einzelmeisterschaft im G-Judo findet am Samstag, 1. Februar, in der Luitpoldhalle in Freising statt. Ausrichter ist der JC Freising in Kooperation mit der Offenen Behindertenarbeit (OBA) der Lebenshilfe Freising. Nach dem Wiegen (9.30 bis 10.30 Uhr) und der Begrüßung (11.30 Uhr) starten die Wettkämpfe der Frauen und Männer (ab Jahrgang 2006). Gekämpft wird je nach Grad der Beeinträchtigung in den Wettkampfklassen I, II und III der G-Judo-Wettkampfordnung sowie in jeweils sieben Gewichtsklassen. Der Judoclub und die Lebenshilfe Freising freuen sich über zahlreiche Zuschauer.

Gut zu wissen 

Wer mehr über G-Judo erfahren oder einmal ins Training hineinschnuppern möchte, kann sich an Übungsleiter Karl-Heinz Kiefer wenden, Tel. (0 81 67) 4 52, E-Mail: kiefer.karl@web.de.

Alle Nachrichten und Neuigkeiten rund um den Sport im Landkreis Freising finden Sie immer aktuell hier. 

Quelle: Merkur.de

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