„Deutschland ist immer ein Favorit“

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Mit Optimismus in die Zukunft: Die Euro 2020 bedeutet für viele ein Zeichen des Aufbruchs nach tristen Monaten in der Pandemie.

Fußball-Experten aus dem Landkreis München sind heiß auf die Europameisterschaft

VON UMBERTO SAVIGNANO

LandkreisHeute Abend (21 Uhr) startet mit der Partie Türkei gegen Italien in Rom die Fußball-Europameisterschaft. 24 Mannschaften kämpfen um den Titel. Der Erst- und Zweitplatzierte der sechs Vorrundengruppen sowie die vier besten Dritten ziehen ins Achtelfinale ein. Das deutsche Team hat mit Ungarn, Titelverteidiger Portugal und Weltmeister Frankreich ein schweres Los erwischt. Wir haben einige Fußball-Experten aus dem Landkreis befragt, wen sie als Favoriten betrachten, welche Chancen sie der DFB-Elf einräumen und was sie von der Rückkehr der Fans (geplante Stadionauslastung von 20 Prozent in München bis 100 Prozent in Budapest) in diesem auf elf Länder verteilten Turnier halten.

Theo Liedl, Sportlicher Leiter des SV Pullach: „Ich habe mich noch gar nicht so damit beschäftigt, aber Frankreich ist auf alle Fälle ein großer Favorit, schon aufgrund der überragenden Einzelspieler. Wenn es dumm läuft, kann es sein, dass Deutschland nicht einmal die Vorrunde übersteht, weil die Gruppe so schwer ist, denn Portugal wird mit Sicherheit auch nicht schlecht sein. Wenn du diese beiden Spiele verlierst, hast du höchstens drei Punkte, und dann ist es schon fraglich, ob du unter den vier besten Gruppendritten bist. Ich denke, in der Gruppe wird viel von der Tagesform abhängen. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, Thomas Müller und Mats Hummels zurückzuholen. Dass die EM stattfindet, finde ich richtig, auch mit Zuschauern. Es ist allerhöchste Zeit für ein bisschen Normalität. Es war auch gut, dass in dieser schweren Zeit Bundesliga und Champions League gespielt wurde. Sonst wäre es ja total trist gewesen.“

Hannes Sigurdsson, Trainer des FC Deisenhofen: „Ich glaube, der Europameister wird aus der deutschen Gruppe kommen, also entweder Deutschland, Frankreich oder Portugal. Und wenn nicht, dann ist Belgien der erste Anwärter. Das englische Team ist wohl noch zu jung. An so eine starke Gruppe wie die deutsche kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Deutschland ist immer ein Favorit, auch wenn man hier immer hört: Wir sind hinten dran, zum Beispiel in der Jugendarbeit. Aber dann wird die U21 Europameister. Es ist normal und gesund, Angst zu haben, dass man nicht genug macht. Aber Deutschland ist Deutschland. Und ich hoffe auch, dass sie es gut machen. Ansonsten habe ich einige Fragezeichen, etwa bei den Italienern, denen ich es, wenn Deutschland nicht gewinnt, am meisten gönnen würde, oder bei Spanien. Dänemark könnte eine Überraschungsmannschaft werden. Es wird auf jeden Fall spannend, ich freue mich drauf. Ich fand es immer gut, wenn die Fans in einem Land zusammenkamen und dort EM-Stimmung war. Es ist zwar okay, das in mehreren Ländern zu probieren, aber jetzt ist der falsche Zeitpunkt dafür. In Corona-Zeiten ist es idiotisch, dass das Turnier nicht in einem Land ist.“

Florian de Prato, Trainer des TSV Grünwald: „Ich traue den Belgiern viel zu. Sie haben bisher zwar immer enttäuscht, aber jetzt sind doch einige Spieler schon seit einigen Jahren auf Top-Niveau dabei. Mein Favorit ist aber England: Das ist eine junge, unbekümmerte Truppe und einige haben jetzt mit Chelsea und Manchester City in der Champions League und Manchester United in der Europaleague trotzdem schon ein großes Finale gespielt. Keiner hat sie so ganz auf der Rechnung und es ist nicht schlecht als vermeintlicher Außenseiter in so ein Turnier zu gehen. Deutschland traue ich das Halbfinale zu. Natürlich ist in der starken Gruppe die Gefahr des frühen Ausscheidens gegeben und man redet ja auch im Freundeskreis und da sagen viele, wir erreichen das Achtelfinale nicht. Aber ich halte dagegen. Wir sind bekannt als Turniermannschaft und dass es in letzter Zeit nicht so erfolgreich lief, bietet auch die Möglichkeit, dass man unterschätzt wird. Ich traue es Jogi Löw zu, dass er am Schluss seiner Amtszeit gute Arbeit abliefert. Mein Opa ist zwar Italiener, aber ich bin hier aufgewachsen, habe immer mit Deutschland gefiebert. Sollte es Deutschland nicht schaffen, würde ich es Italien allerdings gönnen, ich liebe das Land, wir machen oft Urlaub dort. Für den großen Wurf wird es bei den Italienern aber wahrscheinlich nicht reichen. Dass die EM mit Zuschauern stattfindet, finde ich grundsätzlich in Ordnung. Ich glaube, dass die Ansteckungsgefahr an der frischen Luft gegen null geht und bin dafür, dass von den Rängen wieder Emotionen reinkommen.“

Martin Mayer,Spieler-Urgestein des FC Deisenhofen: „Belgien könnte ein Geheimfavorit sein, die beste Mannschaft hat in meinen Augen aber Frankreich. Ich halte auch viel von England, das ist eine gute Truppe mit starken Nachwuchsspielern. Wenn sie es schaffen, eine gesunde Mischung zwischen alt und jung zu finden, traue ich ihnen einiges zu. Deutschland ist eine Wundertüte. Positiv ist, dass Thomas Müller wieder dabei ist, auch Mats Hummels, obwohl ich eher zu Jerome Boateng tendiert hätte. Es könnte sein, dass wir in der schweren Gruppe rausfliegen, aber wenn wir die Vorrunde überstehen und in einen Flow kommen, können wir auch sehr weit kommen. Deutschland ist ja eine Turniermannschaft, auch wenn es bei der letzten Weltmeisterschaft nicht so war. Ich bin auf jeden Fall für Zuschauer bei den Spielen, dafür gibt es ja Hygienekonzepte. Ich selber muss aber nicht unbedingt ins Stadion, ich schaue mir die Spiele gern in Ruhe daheim an.“

Orhan Akkurt, langjähriger Top-Torjäger im Amateurfußball und Co-Trainer des SV Pullach: Favorit ist für mich Frankreich. Die haben das Nonplusultra an Spielertypen im Kader. Wenn der Trainer nicht Sch… baut, werden sie auf jeden Fall Europameister. Die haben keine Baustelle. Deutschland ist eine Turniermannschaft und Jogi Löw will sich einen guten Abschied verschaffen. Er hat sich jetzt auch noch die Leute geholt, die er braucht. Deshalb glaube ich, dass die Deutschen die Vorrunde überstehen, auch wenn Portugal schon stark ist. Ab dem Viertelfinale wird es aber hart. Wenn Deutschland gegen die Türkei spielen sollte, wäre es schwierig für mich. Das gab es 2008 ja schonmal, da habe ich mit der Türkei gefiebert, weil mir damals der deutsche Fußball noch nicht so gefallen hat. Generell bin ich inzwischen schon für Deutschland, meine Frau ist auch Deutsche, aber eben auch für die Türkei, weil da meine Wurzeln liegen. Die Türken haben zuletzt eine Superperformance abgeliefert, aber ein Turnier ist nochmal etwas anderes als die Qualifikation. Da brauchst du konstant gute Leistungen. Sie können aber eine Überraschungsmannschaft werden, wenn sie in einen Flow kommen. Dass in ganz Europa gespielt wird, finde ich in dieser Zeit grenzwertig. Andererseits: Wenn die EM in in einem Land wäre, würden alle dorthin fliegen. Ohne Zuschauer geht es aber nicht. Die Geisterspiele waren hart. 20 bis 30 Prozent Auslastung bringen da schon ein bisschen Atmosphäre.“

Quelle: Merkur.de

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