Auf den Spuren von Florian Niederlechner

Goalgetter Ammari: Plattners Standpauke als Initialzündung

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„Geil, du spielst Regionalliga“: Mit seinen Toren in Heimstetten empfahl sich Ammari (r.) für Ingolstadt

FC Ingolstadt - Die Karriere von Sammy Ammari begann mit einer Standpauke. Trainerfuchs Toni Plattner hatte im Sommer 2012 seine Spieler in Ismaning eingesammelt.

Gemeinsam mit Dennis Hammerl und Anselm Küchle war Plattner auf dem Weg ins Training des VfB Hallbergmoos. Die Truppe bereitete sich zu dieser Zeit auf die Bezirksliga-Saison vor. Ein Platz blieb frei. Wieder einmal. Der von Sammy Ammari.

Dabei war das Sturmtalent längst aus dem Tunesien-Urlaub zurück. Als der Stürmer sich per SMS bei seinem Trainer abmeldete, wurde es laut im Auto. An die Worte erinnert sich Plattner noch, als hätte er dieses Telefonat erst gestern geführt. „Ich habe mir das Handy geschnappt und ihm gesagt: ,Wenn du nichts aus deinem Talent machen willst, kannst du deinen Pass abholen und hingehen, wo der Pfeffer wächst‘.“ Plattners Standpauke zündete. Ammari verpasste danach keine Trainingseinheit mehr. Heute, knapp dreieinhalb Jahre später, gehört er mit 14 Treffern zu den besten Torschützen der Regionalliga Bayern.

Das Fußball-Märchen von Florian Niederlechner, der sich von der Landesliga bis in die Bundesliga hochgekämpft hat, hat in Deutschland die Runde gemacht. Sammy Ammari ist gerade dabei, das nächste Märchen zu schreiben. Seine Geschichte kann für all die Fußball-Talente ein Ansporn sein, die von den Talent-Scouts der Profi-Vereine übersehen werden. Ammari kickte in der Jugend nicht bei einem der drei großen Münchner Vereine, bis zur A-Jugend spielte er in Freising und beim FC Ismaning. Über den VfB Hallbergmoos und den SV Heimstetten schaffte der 22-Jährige den Sprung ins Nachwuchsleistungszentrum des FC Ingolstadt. Unter Stefan Leitl, dem U 23-Trainer des FCI, entwickelte sich Ammari zum Stammspieler. Im Frühjahr 2016 durfte er zum ersten Mal während der Länderspielpause mit den Profis trainieren.Von Ismaning zu Hallbergmoos

Wer verstehen möchte, wie solch eine Karriere trotz professioneller Scouting-Abteilungen heute noch möglich ist, muss dort hingehen, wo alles begann: in einen Biergarten in Ismaning. Im Sommer 2012 traf Anselm Küchle dort seinen Spezl Sammy. Die beiden verband mehr als eine Freundschaft und die Leidenschaft für Fußball. Beide hatten eine Vergangenheit beim FC Ismaning. „Ich wusste, dass Sammy hochtalentiert ist und in Ismaning unglücklich war. Er hatte zu dieser Zeit fast schon die Freude am Fußball verloren“, erzählt Küchle. Ammari war damals 17. Wie so viele Kicker in diesem Alter wollte er zeigen, was er kann. Doch er durfte nicht. Regelmäßige Trainingseinheiten bei der Herrenmannschaft ließ sein damaliger Jugend-Trainer nicht zu. Schlimmer noch: Nach seinem Wechsel zum VfB Hallbergmoos wurde Ammari vom Verein für vier Monate gesperrt. Und fuhr erstmal in den Urlaub.

Wo würde Ammari heute stehen, hätte Plattner ihm damals nicht den Kopf gewaschen? „Das war ein entscheidender Moment“, sagt Ammari. „Bis dahin habe ich Fußball gespielt, weil es mir Spaß gemacht hat. Bei Toni hat man aber gemerkt: Das ist kein Rumgekicke. Dieser Trainer möchte mit dir etwas erreichen.“ Plattner fordert und fördert seine Spieler. Und die zahlen ihm das Vertrauen zurück. „Ich hatte nie den Gedanken, einmal höherklassig spielen zu können. Bei Toni hatte man auf einmal das Gefühl: Es ist noch so viel drin und nicht zu spät.“„Für diesen Spieler fehlen mir die Superlative, um ihn treffend zu beschreiben.“

Ammari mauserte sich zu einem von Plattners Lieblingsschülern. Er trank keinen Alkohol, verpasste kein Training und hatte mit seinen Toren großen Anteil am Landesliga-Aufstieg des VfB. „Sammy hat mich begeistert. Er war keiner, den du vor dem Spieltag um drei aus der Disco holen musstest. Er hatte einen unbändigen Willen“, schwärmt Plattner. „Für diesen Spieler fehlen mir die Superlative, um ihn treffend zu beschreiben.“

Wenn etwas im Fußball Interesse weckt, dann sind es Tore. Auch in der ersten Landesliga-Saison des VfB Hallbergmoos schlug Ammari ein, traf in den ersten acht Spielen sieben Mal. Michi Matjeka vom SV Heimstetten rief an und gab Ammari die Chance, sich wieder hinten anzustellen. Als Backup im Sturm für den Regionalliga-Kader. Dass Ammari heute zu den besten Stürmern der Regionalliga Bayern gehört, überrascht Matejka nicht. „Wir haben gesehen, dass er Qualitäten hat, die andere nicht haben. Er war technisch stark und hatte einen Torriecher. Das wichtigste war aber, dass er sich untergeordnet und auf seine Chance gewartet hat.“ Matejka hat viele Talente erlebt, die das Zeug gehabt hätten, in der Regionalliga Fuß zu fassen. Viele sind gescheitert, weil sie zu früh zu viel wollten. „Sammy hat es als Chance gesehen, in der zweiten Mannschaft in der Bezirksliga 90 Minuten zu spielen. So denken nicht alle Spieler.“Demut und Geduld

Wer Ammari persönlich trifft, versteht, was es einem Fußballer bedeuten muss, sich mit den Besten messen zu können. „Ich hatte in Heimstetten keine große Vita vorzuweisen. Auf einmal trainierst du mit Spielern, die schon bei Bayern und 1860 gespielt haben und pumpst vor dem Training die Bälle auf.“ In seiner ersten Regionalliga-Spielzeit war im Sturm kein Platz für Ammari. Er musste auf dem linken Flügel ran. Eine Position, auf der er sich nicht zu Hause fühlte. „Ich hätte auch in der Innenverteidigung gespielt. Das einzige was ich dachte, war: Geil, du spielst in der Regionalliga.“ Ammari ging mit Demut an seine Aufgabe heran. Und wurde belohnt. In seiner zweiten Saison traf er in der Hinrunde zehn Mal. Im Winter kam der Anruf vom FC Ingolstadt. Das nächste Kapitel in seinem Fußball-Märchen. Auch in Ingolstadt wiederholte sich seine Geschichte. Nach einer Anlaufphase schlug Ammari in dieser Saison unter Stefan Leitl ein.

Wenn Ammari über die Talent-Bühne Regionalliga spricht, glaubt man nicht, dass vor einem ein 21-Jähriger sitzt, der noch im Elternhaus in Ismaning wohnt. „Die wenigsten sehen, was ein Spieler geben, aber auch aufgeben muss, um auf Profi-Niveau mitzuhalten. In dieser Liga Erfolg zu haben, heißt vor allem verzichten zu lernen.“

Die Belohnung für seinen Willen erhält Ammari auf dem Platz. „Es ist ein Hammer-Gefühl, wenn man mit den Profis trainieren darf und weiß, dass man vor wenigen Jahren noch Bezirksliga gespielt hat.“ Wie es weitergeht, kann Ammari noch nicht sagen. Nur eines ist ihm wichtig: „Ich will vorwärtskommen und dafür alles geben.“ Dafür würde er sich zum dritten Mal hinten anstellen.Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Redaktion: Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de

Text: Christoph Seidl

Quelle: fussball-vorort.de

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