Ex-Löwe mit klaren Worten

Schwarz über Depression: Aigner war Rettungsanker

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Benny Schwarz (r.) mit Stefan Aigner.

Unterhaching - Trotz seines jungen Alters hat Benjamin Schwarz (27) im Geschäft des Profifußballs schon sämtliche Facetten miterlebt.

Er spielte in der Allianz Arena vor 70.000 Zuschauern gegen Franck Ribéry, wurde aufgrund von schweren Verletzungen depressiv und stand zwischenzeitlich gar ohne Verein da. Ein Report.

„Lass' uns irgendwo hinsitzen, mir tut alles weh“, begrüßt mich Benjamin Schwarz in der VIP-Lounge des Stadions der SpVgg Unterhaching. Er lächelt etwas gequält und bestellt sich erst einmal Salat, Semmelknödel und Maracujaschorle. Unser Tischnachbar, Mitspieler Fabian Götze, rät ihm grinsend, er solle doch direkt zum Arzt zu gehen, schließlich sei er ein „alter Mann“. Schwarz ist mit nur 27 Jahren der älteste Spieler im Kader – soeben hat die SpVgg einen Last-Minute-Sieg gegen Borussia Dortmund II gelandet, dementsprechend locker ist die Stimmung.

„Keine Sorge, nach sechs Operationen wäre es ja auch komisch, wenn bei mir nach dem Spiel nichts zwicken würde“, scherzt er. Der Linksfuß hat eine lange Leidensgeschichte zu erzählen, mit der er erstaunlich offen umgeht.

Als geborener Münchner wird Benny, wie er überall genannt wird, schnell von den Unterhachinger Scouts entdeckt. In der Folge spielt er in deren Nachwuchsmannschaften und wechselt mit 16 Jahren schließlich zum Rivalen TSV 1860 München. Über die zweite Mannschaft gelingt ihm im Sommer 2007 der Sprung zu den Profis in die zweite Bundesliga. Plötzlich ist er mittendrin im Geschäft und spielt gegen bekannte Namen. Im Februar 2008 treten die „Löwen“ in der Allianz Arena vor ausverkauftem Haus gegen den FC Bayern im DFB-Pokal an.

Schwarz: „Bei mir ging es kontinuierlich bergauf, bis die Verletzungen kamen“

Erst nach 120 Minuten müssen sich die Blauen den Roten geschlagen geben, Bennys Gegenspieler ist kein geringerer als Bayerns Superstar Franck Ribéry. Höhepunkt des hitzigen Duells der beiden: Benny lässt sich provozieren, schubst den Franzosen und muss mit Gelb-Rot vorzeitig zum Duschen. Ob das sein bisheriges Karrierehighlight war? Benny lacht: „Naja, so viele Highlights gab es bei mir danach ja nicht mehr.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht ahnen, dass keine zwölf Monate später eine unglaubliche Verletzungsmisere beginnen sollte, die ihresgleichen sucht.

„Eigentlich ging es bei mir kontinuierlich bergauf, bis die Verletzungen kamen“, sagt er. Sein Blick wirkt nachdenklich, er pausiert einen Moment. „Ich hatte Pech, schließlich fiel ich stets ohne Fremdeinwirkung aus. Die Beschwerden resultierten aus der großen Belastung.“ Im Januar 2009 werden die Schmerzen im rechten Knie an der Patellasehne derart gravierend, dass er sich in den folgenden Jahren insgesamt sechsmal unters Messer legen muss. Operationen im In- und Ausland, dazu die monatelange Reha. Kein Ball am Fuß, kaum Kontakt zur Mannschaft – der Spaß war verloren gegangen. Lediglich im Frühjahr 2011 bestreitet er noch einige Spiele, ansonsten ist von dem flinken Flügelspieler auf dem Platz bis zum Sommer 2012 nichts mehr zu sehen.

Depressionen - Ex-Löwe Aigner war der Rettungsanker

Benjamin erzählt ungefragt von den Depressionen, die ihn in dieser schweren Zeit überkamen. „Ich hatte zu nichts mehr Lust, vergrub mich zu Hause und wollte von niemandem mehr etwas wissen. Es gab auch oft den Gedanken, einfach alles hinzuschmeißen.“ Stefan Aigner, damaliger Mannschaftskollege bei den Münchner Löwen, war in dieser Zeit ein entscheidender Rettungsanker. Er half Benny, zusammen mit dessen Familie und Freundin neuen Mut zu finden.

„Stefan ist heute noch einer meiner besten Kumpels, auch wenn er jetzt in Frankfurt lebt“, betont Schwarz. Ich frage ihn, ob er sich dem Trainer damals anvertraut habe und ob Depressionen auch nach dem Freitod von Robert Enke immer noch ein Tabuthema im Profifußball sind. Benny zögert zunächst, blickt mir aber dann in die Augen und nickt deutlich: „Ich habe nur so wenig Menschen wie nötig von meiner Psyche erzählt. Es ist eine Schutzreaktion, du tust alles dafür, so normal wie möglich zu wirken und es keinen bemerken zu lassen.“ Es gebe nach wie vor zwei Tabuthemen in der Welt des Profifußballs: Depressionen und Homosexualität.

Schwarz: "Ich habe viel durchgemacht, viel erreicht"

Im Sommer 2012 läuft sein Vertrag bei 1860 München aus und wird wegen der Verletzungsanfälligkeit von Schwarz nicht verlängert. Ob er sich vom Verein im Stich gelassen gefühlt habe? „Nein“, antwortet er sofort. „Das ist der Mechanismus des Geschäfts. Ich wäre gerne geblieben, aber ich konnte die Entscheidung des Vereins komplett nachvollziehen.“ Seine Heimatverbundenheit erschwerte die Suche nach einem neuen Verein. Er will sein geliebtes München nicht verlassen und steht plötzlich ein halbes Jahr lang ohne Klub da.

„Man könnte denken, dass dies wieder einen Rückschlag für meine Psyche bedeutet hat. Aber ich war inzwischen vom Charakter so gestärkt, dass ich mir um meine Zukunft keine Sorgen gemacht habe“, sagt er. Dabei zieht er die Mundwinkel nach unten, schüttelt leicht den Kopf und zuckt mit den Schultern. Kein Zeichen von Resignation oder Frust, sondern von seinem Kampfgeist und gestärkt von dem Wissen, dass er nicht mehr so leicht umzuwerfen ist. Er schätzt die Dinge realistisch ein und nutzt diese Zeit, um über vieles nachzudenken und neue Pläne zu schmieden.

Im Gespräch wird klar, dass Benny Schwarz schon viel erlebt hat und heute wieder im Vollbesitz seiner physischen und psychischen Kräfte ist. Zunächst durfte er quasi per Handschlag wieder bei der SpVgg Unterhaching mittrainieren, wie er verrät: „Ich wollte einfach sehen, wie belastbar ich noch bin. Es hat dann ganz gut geklappt und langsam habe ich wieder Vertrauen in mein Knie bekommen.“

Nach einem halben Jahr der Vereinslosigkeit bekam er schließlich einen Vertrag und kämpfte sich über die zweite Mannschaft wieder nach oben. Heute ist er Stammspieler in der ersten Mannschaft und spielt in der dritten Bundesliga. Etwa 1.400 Zuschauer verfolgten die Partie gegen Dortmund II. „Ich habe schon vor deutlich weniger Zuschauern gespielt“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. „Es freut mich einfach, endlich wieder auf dem Platz zu stehen.“ Von seinem Ehrgeiz hat er nichts eingebüßt. Dass er seine Chance zum 2:1 nicht nutzte, nagt während des Essens noch an ihm.

Sein Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2015

Sein Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2015. Was dann kommt, weiß er noch nicht. „Ich will aber auf jeden Fall im Fußball bleiben. Trainer bin ich ja schon.“ Denn: Trotz des engen Zeitplans eines Profis trainiert er in seiner Freizeit zusammen mit Bruder Raphael den Kreisligisten TSV Otterfing. Benny will den Trainerschein machen und seine Erfahrungen weitergeben, doch das hat keine Eile, wie er betont. „Mir geht es wirklich gut. Ich habe viel durchgemacht, viel erreicht und gehe wieder mit einem Lächeln durchs Leben – darauf kann ich stolz sein“, so Schwarz.

In der VIP-Lounge des Stadions ist die Übertragung der Bundesliga zu Ende, es ist dunkel geworden und langsam werden die Tische leerer. Zusammen mit seiner Freundin steigt Benny in seinen Smart und fährt in die Nacht seiner geliebten Heimatstadt. Geht es nach ihm, wird das noch eine Weile so bleiben, auch wenn ihm an Abenden wie diesen alles weh tut.

Info: Ein ganz herzliches Dankeschön geht an den Autor David Balzer. Er hat diese Reportage in einem Kurs an der Akademie der Bayerischen Presse geschrieben und sie uns zur Veröffentlichung auf fussball-vorort.de zur Verfügung gestellt.

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Quelle: fussball-vorort.de

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