„Fußball kommt vor allem“

Sie lebt den Fußball wie keine andere: Die Powerfrau aus Egling Irene Artinger 

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Irene Artinger ist keine ausgebildete Sanitäterin, aber kleine Blessuren wie Zerrungen und Stauchungen versorgt sie gleich am Spielfeldrand.

Wenn sich ein Fußballer der SF Egling-Straßlach vor Schmerzen auf dem Spielfeld windet, ist Irene Artinger in ihrem Element.

Egling– Seit dieser Saison ist die 58-Jährige offiziell als Betreuerin im Team des Kreisliga-Aufsteigers tätig. Und ihr Job beschränkt sich nicht darauf, Bananen hinzustellen und Magnesiumbrause zu mixen. Für Herbert Mühr ist die fußballbegeisterte Baierbrunnerin eine Idealbesetzung: „Die Irene ist ein Goldstück“, schwärmt der Coach, „immer super drauf, kniet sich total rein und bringt Ruhe in die Kabine.“

Ruhe – das ist ein Begriff, der mit dem 1,53 Meter großen Energiebündel nur schwer in Einklang zu bringen ist. Neben ihrem Betreuerjob bei den Sportfreunden ist sie – sofern es ihre Zeit zulässt – in ähnlicher Funktion beim TSV Schäftlarn aktiv. Zudem spielt sie selbst noch aktiv in der Zweiten Mannschaft des FSV Höhenrain – immer, wenn dort gerade mal wieder Not an der Frau herrscht. Und wenn sie mal nicht auf oder neben dem Fußballplatz beschäftigt ist, ist „Ruhe“ erst recht ein Fremdwort. „Wenn schlechtes Wetter ist, chille ich schon mal. Aber sobald die Sonne rauskommt, denke ich: Boah, was mache ich jetzt“, sagt Artinger. An Abwechslung mangelt es ihr nicht. „Reiten einmal in der Woche, Walken, Laufen, Powerplate, Inline-Skating…“, zählt sie auf. „Und Motorradfahren – das mache ich, seit ich 14 bin. Am liebsten kreuz und quer durchs Oberland, Richtung Berge. Das Motorradfahren ist wie eine Sucht.“

Ihre zweite Sucht sei Fußball, sagt die Ruhelose, die schon in jungen Jahren in die Abhängigkeit geriet. Ihre Mutter bewirtete das Sportheim in Baierbrunn. „Deshalb waren wir oft am Sportplatz.“ Mit 13, 14 Jahren habe sie selbst das erste Mal gespielt, „aber das war mehr Gaudifußball, eine Mädchenmannschaft ging damals noch nicht zusammen“. Das quirlige Mädel („ich war immer schon ein Treibauf“) wandte sich der Leichtathletik zu, spielte Handball. Eines Winters sei sie bei einem Skirennen plötzlich mit einer Startnummer am Telegrafenhang in Spitzing gestanden – und ohne jegliche Rennerfahrung als Siebte von 200 Teilnehmern ins Ziel gerast. Zurück zum Fußball führte sie Jahre später ihr Nebenjob als Spielermama. Tochter Melanie rannte mit fünf Jahren das erste Mal dem Ball hinterher. Später wechselte sie zum FSV Höhenrain. Sohn Stefan spielte ab der C-Jugend in Schäftlarn, weil es in Baierbrunn keine B- und A-Jugend gab. Die Mama war immer dabei, durchlief mit ihren Kindern sämtliche Jugendmannschaften und chauffierte zudem die Tochter zu den Fußballplätzen im Landkreis, als diese nebenbei auch Spiele bis zur A-Klasse als Schiedsrichterin leitete.

Brutale Verletzung stoppt die Powerfrau nicht

Die Kinder wurden erwachsen, wechselten in den Damen-, beziehungsweise Herrenbereich, doch die Mama blieb der treueste Fan. „Irgendwann haben sie mich in Höhenrain gefragt, ob ich nicht selbst spielen mag, wo ich doch sowieso bei jedem Spiel zuschaue“, erzählt Irene Artinger. Im Alter von 45 Jahren bestritt sie ihr erstes Punktspiel. Auch eine „brutale Verletzung“, die sie sich im Training zugezogen hatte, konnte sie nicht bremsen: Schienbein und Sprunggelenk waren gebrochen, das Wadenbein gesplittert, das Syndesmoseband gerissen. „Du spielst nicht mehr“, habe Ehemann Ludwig gesagt. Doch es dauerte nicht lange, bis Irene wieder auf dem Platz stand – und sich prompt das Handgelenk brach. „Das war ein Theater, als ich abends heimkam“, erinnert sich die Fußballverrückte. „Dann hab ich selbst gesagt: Jetzt ist Schluss. Aber ich spiele immer noch. Manchmal. Weil sie immer wieder mal Leute brauchen.“ Zu ihrem 60. habe sie angekündigt, soll endgültig Schluss sein mit der aktiven Kickerei. „Dann wird es langsam lächerlich“, findet sie, obschon: „So lange ich laufen kann und keiner fragt, was will die Oide da…?“

Ihre regelmäßige Präsenz bei den Spielen ihres Sohnes bescherte ihr den ersten Job als Betreuerin. Das war zu Beginn der Saison 2010/11, als in Schäftlarn einer ihrer Vorgänger verstarb. Fortan versorgte sie die Spieler mit Traubenzucker und Müsliriegeln, Wasser und Eis zum Kühlen von Verletzungen. „Und wenn’s heiß war, haben sie Wassermelonen gekriegt. Die haben’s geliebt ohne Ende“, erinnert sich Artinger an die Anfänge auf der Betreuerbank. In den nächsten Jahren hat sie einige Trainer kommen und gehen sehen – von Willi Link und dem langjährigen Jugendtrainer des TSV 1860 München, Harald Königer („mein bester Spezl“), den sie selbst zu einem Engagement in Schäftlarn überredete, über Florian Stenzel und Sebastian Pankofer bis zu Martin Grelics („der war das Highlight“) und David Balogh. „Viel beigebracht hat mir Florian Stenzel, der arbeitete ja in der Klinik. Er hat mir erklärt, was bei Zerrungen zu tun ist, wie man die einbinden muss und so weiter“, sagt die Betreuerin. „Ich bin ja keine ausgebildete Sanitäterin, aber ich weiß, was zu tun ist.“

Am Wochenende reist Artinger von Platz zu Platz

Als ihr Sohn im Sommer 2017 nach Egling wechselte, war es keine Frage, dass seine Mutter ihm folgte. Die Freude und Dankbarkeit der Spieler, wenn sie bei der „Mama“ eingehakt vom Platz humpeln, ist ihre Motivation. Dafür rückt die 58-Jährige, die „als Mädchen für alles“ bei der Gemeinde Baierbrunn angestellt ist, das meiste andere beiseite. „Fußball kommt vor allem, da muss ich einfach da sein“, betont sie. Und am liebsten sei sie nun mal ganz nah dran, am Spielfeldrand, an der Ersatzbank – da, wo ordentlich Spektakel ist. Da sie sich auch dem TSV Schäftlarn noch stark verbunden fühle, ist sie, wenn es geht, am Wochenende zweimal unterwegs. „Da reise ich von Platz zu Platz“, sagt Artinger, die sich auch als Fan des TSV 1860 München outet. Die Liebe zu den „Blauen“ teilt sie mit ihrem Ehemann. Ein Leben, wie sie es lebe, funktioniere nur mit einem Partner, der das auch mag. „Wenn ich meinen Mann nicht hätte, würde das gar nicht gehen“, ist sie sich bewusst. „Ich bin ja das Wochenende fast nie daheim. Entweder geht er mit oder zum Stockschießen. Anders geht das nicht.“ Und sie, die Powerfrau, die ständig unter Strom steht, hat in dem Hochspannungs-Kabelmonteur aus Niederbayern den perfekten Gegenpart gefunden.

„Die Irene ist ein Glücksgriff“

Kennengelernt haben sie sich während ihrer Friseurlehre. „Es war Liebe auf den ersten Blick. Aber wir steckten beide noch in anderen Beziehungen, hatten beide damit unsere Schwierigkeiten. Als dann Schluss war, haben uns die Friseurinnen verkuppelt“, verrät Artinger. Inzwischen ist sie mit ihrem Ludwig 36 Jahre verheiratet. Er ist ihr Ruhepol. Mit ihm könne sie tatsächlich auch mal eine Weile still sitzen. „Bei einem schönen Film, für eineinhalb Stunden. Aber das müsste ein Action-Film sein“, sagt sie und lacht. Action-Filme liebe sie, vor allem die mit Silvester Stallone oder Jean-Claude Van Damme.

Und wenn sie sich etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein Job beim FC Bayern. „Dann könnt ich wenigstens mal ein gescheites Auto fahren. Das kriegt man ja bei den Bayern“, sagt sie und kann sich das Lachen nicht verkneifen. „Noch lieber würde ich Betreuerin bei Sechzig werden. Aber da gibt’s höchstens ein Fahrrad.“ „Oder ein Kamel“, ergänzt Ehemann Ludwig lachend.

Weder das eine noch das andere darf sie als Gegenleistung in Egling erwarten. Dafür aber jede Menge Dankbarkeit und Anerkennung. „Die Irene ist ein Glücksgriff“, betont Trainer Herbert Mühr. „Wenn wir auf jeder Position so gut besetzt wären, könnten wir entspannt durch die Saison gehen.“

Quelle: Merkur.de

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