Salzburg zahlte Rekordablöse für das deutsche Talent

„Hatte nur Fußball im Kopf.“ - Adeyemis Weg zum Spitzentalent

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Heißbegehrt: Adeyemi in Hachings A-Jugend.

So viel wurde noch nie für ein deutsches Fußball-Talent bezahlt. Karim Adeyemi, 16, wechselte für mehr als drei Millionen Euro von der SpVgg Unterhaching zu Red Bull Salzburg. Für Haching der Lohn für eine Ausbildung, die weit über das normale Maß hinausgegangen ist.

Natürlich ist der Knirps, der da frech wie Oskar seine deutlich größeren Gegenspieler vernaschte, auch dem Manni Schwabl aufgefallen. Als früherer Nationalspieler hat er einen messerscharfen Blick für Talente. Schaden aber sollte der Hinweis seiner Mutter nicht, die Dame hat schließlich auch schon so viele junge Kicker gesehen, ihr Tipp ist also durchaus als fachliche Bestätigung zu werten: „Auf den musst du gut aufpassen“, meinte also Mama Schwabl zu ihrem Sohn, der damals erst wenige Wochen Präsident der SpVgg Unterhaching war. Es war ein Tag im Spätsommer des Jahres 2012, der Knirps, gerade erst vom FC Bayern in die Hachinger U11 gekommen, durfte schon mal in der U13 mitspielen, auf Großfeld. Und für das, was Schwabl sah, findet er nur ein wirklich passendes Adjektiv: brutal. „Brutale Schnelligkeit, brutaler linker Fuß, brutale Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Wenn der dreimal nicht trifft, versucht er es halt ein viertes Mal.“

Alle Voraussetzungen also habe Karim mitgebracht, zumindest fußballerisch. Aber reicht das? Und die Frage ist: warum lässt der FC Bayern einen solchen Rohdiamanten ziehen? Disziplinarische Gründe, hieß es, was genau, weiß Schwabl bis heute nicht. Karim selbst erzählt seine Version, er habe sich halt nicht wohl gefühlt, die Eltern der Mitspieler hätten Unfrieden gesät, „waren neidisch auf mich, wollten, dass ich schlecht aussehe“. Eltern können gemein sein, wenn es um ihr eigenes Kind und einen großen Traum geht. Wie auch immer, Schwabl ahnte dass der Verein und er vor einer gewaltigen Herausforderung standen: „Karim hatte nur Fußball im Kopf.“ Das aber, wer wüsste das besser als Schwabl, reicht nicht, um ganz nach oben zukommen.

Es ist Anfang Dezember 2018, als Manni Schwabl die Gaststätte im Hachinger Sportpark betritt. Nachmittag, wenig los, aber Karim ist da. Ein guter Kumpel macht hier ein Praktikum, dem will er ein bisschen helfen, sagt Karim. Dabei ist er im Sommer nach Salzburg gewechselt, gut drei Millionen soll der 16-Jährige der SpVgg gebracht haben. Schwabl dementiert das nicht, Karim Adeyemi gilt damit als Deutschlands höchstdotiertes Talent seines Jahrgangs. Und das hat er auch der SpVgg Unterhaching und deren Präsidenten zu verdanken. Karim weiß das, der Sportpark ist sein zweites Zuhause geworden, hier fühlt er sich wohl, das vergisst er auch jetzt nicht, da er am Beginn einer möglicherweise großen Karriere steht.

Für Schwabl ist Karim Adeyemi ein „Produkt des Hachinger Wegs.“ Vertrauen, familiäres Umfeld, Entwicklung der Persönlichkeit, „das sind hier die Grundlagen“. Nachhaltigkeit zählt. „Wir wollen“, sagt Schwabl, „möglichst jeden aus der U11 bis nach oben bringen.“ An Karim hätten sich manch andere wohl die Zähne ausgebissen, ein „Schlawiner“ sei er gewesen. Aber eben auch ein begnadeter Kicker. Spätestens bei einem Nachwuchs-Turnier 2013, dass Unterhaching vor allem dank seines überragenden Stürmers sensationell gewann, hat gezeigt, welch unglaubliches Talent da heranreift. Und diesen Reifeprozess, der inzwischen bis in die deutschen Junioren-Nationalteams und nun nach Salzburg führte, hat der Verein, der lange als Auffangstation für aussortierte Bayern- und Löwen-Talente galt, maßgeblich beeinflusst.

Schwabl hat die Eltern, der Vater ist Nigerianer, die Mutter Rumänin, gleich mal mit ins Boot geholt. Das, was er plante, kann nur gelingen im Zusammenspiel zwischen Familie, Schule und Verein: „Wir mussten Karim klarmachen, dass es für die persönliche Entwicklung nicht nur Fußball gibt.“ Die Regeln waren eindeutig und knallhart: Ohne Hausaufgaben auch kein Training, ohne Training kein Spiel. „Die Trainer haben zwar ein bisschen gemeckert, aber wir haben das durchgezogen.“ Die Maßnahmen fruchteten – auch, weil Schwabl alle Register zog. Einmal stand er mit Karim, der mal wieder pausieren musste, am Spielfeldrand und schwärmte ganz nebenbei von der tollen Entwicklung des Jungen, der Karims angestammten Platz eingenommen hatte: „Der kriegt bald einen Vertrag.“ Das saß, so etwas nagt.

Immer wieder hat Schwabl Karim ins Büro geholt, ihm die Leviten gelesen oder nur mit ihm gesprochen: „Anfangs hatte er stets den Kopf unten. Als es dann mit der Schule langsam besser wurde, ist er immer offener geworden.“ Man habe eine Entwicklung gespürt: „Wir haben ihm Vertrauen geschenkt, er hat es gerechtfertigt.“ Die schulischen Leistungen wurden besser, insbesondere das soziale Verhalten: „Er hilft anderen“, so das Lob einer Rektorin. Schwabl: „Das freut mich am meisten.“ Die Trainings- und Spielpausen sind damit seltener geworden, aus dem Schlawiner wurde ein ernsthafter junger Mann, der genau weiß, was er will. Und dass auch ihm, dem begnadeten Kicker, nichts von selbst zufliegt.

Im Februar dieses Jahres feierte Karim sein Debüt in der deutschen U16. Schwabl hat ihm mit auf den Weg nach Portugal gegeben, dort bloß „keinen Schmarrn“ mitzumachen, wegzugehen, wenn andere über die Stränge schlagen, der Erste zu sein, wenn es darum geht, die Koffer zu tragen. Persönlich hat sich Schwabl überzeugen können, dass Karim die Vorgaben erfüllt, Michael Feichtenbeiner, der Trainer, habe schon bald geschwärmt vom Charakter des Jungen und Schwabl sagt: „Das ist die Messlatte, das stellt ihn über andere Talente.“ Gut Kicken können schließlich viele.

Inzwischen gehört Karim zum Stamm der deutschen U17, am Tag nach Neujahr geht es ins Trainingslager nach La Manga in Spanien, Anfang Februar dann zum Algarve Cup nach Portugal. Längst hat Karim über Deutschlands Grenzen hinaus auf sich aufmerksam gemacht. Der FC Chelsea war einer der vielen Interessenten, ebenso der FC Liverpool. Schwabl ist mit dem Umworbenen nach London gereist, vier Tage sollte er im Training erkennen, wo er im Vergleich mit dem Chelsea-Nachwuchs steht. Nach Leipzig ist Karim dann allein mit dem Zug angereist, ziemlich ungewöhnlich in einer Branche, in der Millionen bewegt werden. Bodenständigkeit, darauf legt Schwabl Wert, das lebt er vor. In Unterhaching werden keine Nachwuchsspieler toleriert, die „mit Gucci-Tascherl und bunten Haaren“ auflaufen, die mit „Rollkoffern daherkommen wie in der Champions League“. Das hat er seinen Jungs eingebläut, daran hält sich Karim auch jetzt in Salzburg.

Nicht die Höhe der Ablöse, sondern Umfeld und Perspektiven waren entscheidend, als es um den Wechsel ging. „Man muss das Hirn einschalten“, sagt Schwabl. „Für Salzburg sprachen die räumliche Nähe, die Spielphilosophie und die schulischen Möglichkeiten.“ Karim wird von einem Privatlehrer auf den Realschulabschluss vorbereitet. Fußballerisch kann er sich mit 16 schon im Herrenfußball, beim FC Liefering in Österreichs 2. Liga, entwickeln. Im Sommer soll er bei Red Bull in der Bundesliga den nächsten Schritt tun. Ob er das schon schafft? „Man muss daran glauben und sich Ziele setzen, die erreichbar sind“, sagt er.

In Unterhaching hätte er – hier sind die Regularien rigoroser – erst ab Januar bei den Herren spielen dürfen und wenn sich Schwabl ausmalt, wie das hätte sein können, Adeyemi neben Bigalke, Hain und Marseiler, dann ist schon „ein weinendes Auge dabei. Das hätte ich gerne gesehen, aber man muss loslassen können, es geht um die Entwicklung des Spielers.“

In Salzburg hat Karim eine Wohnung bezogen, abwechselnd leben Mutter und Vater bei ihm. „Er braucht einen Rückzugsort, das Internat wäre nichts für ihn gewesen“, sagt Schwabl. Auch aus Salzburg hört er nur Positives, Karim sei „ein total anständiger Kerl“. Und wenn immer es geht, ist er in Unterhaching. Im Jugendhaus der SpVgg, das von seinen Eltern betreut wird, hat er noch sein Zimmer, die Verbundenheit zum Verein ist stark, auf der Jugendweihnachtsfeier schaute er vorbei. „Auch das ist so eine runde Geschichte“ für Schwabl, die ganze Familie bleibt involviert. Überhaupt sollte die Sache mit Karim Adeyemi zu einer richtig runden Geschichte zu werden, wenn alles weiter so läuft wie bisher. „Das bringt“, sagt Schwabl, „auch für uns als Verein einen Mehrwert, die Leute sehen, wie sich Talente hier entwickeln können.“

Bei Karim Adeyemi, über den selbst die Bayern wieder nachgedacht haben, steckt aber auch sehr viel Engagement und Fingerspitzengefühl dahinter. „Es war eine riesige Herausforderung für uns, Karim sportlich und vor allem auch persönlich auf dieses Niveau zu bringen.“ Schwabl hat seinen Teil dazu beigetragen. Und damit getan, was ein guter Sohn eben so tut: Auf den Rat seiner Mutter gehört.

Quelle: Merkur.de

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