1. tz
  2. Sport
  3. Amateure

Ricardo Jacobi vom Kirchheimer SC: „Ich weiß, dass es ohne Fußball nicht geht“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Guido Verstegen

Kommentare

Vielseitiger Routinier: Innenverteidiger Ricardo Jacobi (blau) hat zuletzt als Angreifer überzeugt.
Vielseitiger Routinier: Innenverteidiger Ricardo Jacobi (blau) hat zuletzt als Angreifer überzeugt. © Gerald Förtsch

In seinen knapp 28 Jahren als Fußballer hat Ricardo Jacobi so einiges erlebt – und praktisch auf jeder Position schon einmal gespielt.

Kirchheim - Zuletzt überzeugte der Innenverteidiger als Angreifer und würde den abstiegsbedrohten Landesligisten Kirchheimer SC nur zu gern zum Klassenerhalt schießen. Ein Interview zum Rück- und Ausblick

Herr Jacobi, als Sie während der Saison 2015/2016 zum KSC gekommen sind, stand die Mannschaft auf einem Abstiegsplatz und musste am Ende runter in die Bezirksliga. Im Moment steht die Elf auf Relegationsrang 16. Warum klappt’s diesmal mit dem Klassenerhalt?

Weil wir noch genügend Spiele haben, weil wir eine gute Truppe sind und weil weitere verletzte Stützen zurückkehren. Ich bin fest überzeugt, dass wir das Ruder herumreißen und am Ende über dem Strich stehen.

Sie haben beim 1:1 in Erlbach und beim 3:0 gegen Grünwald jeweils ein Tor erzielt. Haben Sie Spielertrainer Steven Toy schon gefragt, warum er Sie nicht schon früher aus der Abwehr in den Angriff beordert hat?

(lacht) Nein! Vor zwei Jahren in der Bezirksliga habe ich im Training manchmal vorne drin gespielt und eben dann auch in dem einen oder anderen Spiel getroffen, als keine Stürmer da waren. Seit ich in Kirchheim bin, drückt allerdings in der Innenverteidigung so ein bisschen der Schuh, und vorne haben wir grundsätzlich ja gute Stürmer, die auch ihre Tore machen.

Zur Person

Ricardo Jacobi (33) besuchte in seiner Jugend drei Jahre lang das Fußball-Internat Lausitzer Sportschule des FC Energie Cottbus, ging als 16-Jähriger nach Österreich, lief dort unter anderem für Casino SW Bregenz auf und kehrte der Liebe wegen nach Deutschland zurück. Seit 2016 trägt der Bankberater bis auf einen kurzen Abstecher zum SVN München das Trikot des Kirchheimer SC und ist dort auch spielender Co-Trainer. Jacobi wohnt mit seiner Lebenspartnerin Sonja und Töchterchen Malea in Trudering. (guv)

Und doch hat das Team den zweitschwächsten Angriff (23 Tore in 21 Spielen) und sogar die schwächste Abwehr (51 Gegentreffer) – eine direkte Folge des unterirdischen Saisonstarts mit zwei Punkten aus elf Partien.

Es kam viel zusammen. Wir haben bisher 34 Spieler eingesetzt und hatten nie so einen richtigen Stamm – weil immer wieder Leute weggebrochen sind sei es durch Verletzungen, Krankheit, Urlaub oder Rote Karten. Aber Hut ab vor der Mannschaft, wir konnten das alle gut reflektieren, haben Ruhe bewahrt, zusammengehalten und uns gegen Ende des Jahres dann belohnt.

Sie haben in der Jugend in ihrer Heimat für Motor Eberswalde gespielt und waren dann für immerhin drei Jahre auf der Lausitzer Sportschule. Wie intensiv haben Sie von einer Profikarriere geträumt?

Wenn du auf ein Fußball-Internat gehst, machst du das ja, um vielleicht mal etwas zu erreichen. Du siehst schon mal, wie das Profi-Niveau aussieht – aber ich glaube, mir hat da so ein bisschen der Pfeffer gefehlt. (lacht) Und letztlich war es richtig, sich für ein zweites Standbein und die Ausbildung zu entscheiden.

Korbinian Vollmann hat seine Profi-Karriere im besten Fußballalter beendet. Wie macht sich der prominente Oktober-Neuzugang des KSC?

Korbi hat sich menschlich wie sportlich super integriert und den Spielen, in denen er dabei war (vier Einsätze, ein Tor, Anm. d. Red.) auch seinen Stempel aufgedrückt. Wir sind froh darüber, ihn als ehemaligen Kirchheimer mit dieser Erfahrung im Team zu haben und hoffen natürlich auf viele weitere Spiele. Gerade für unsere jungen Spieler hat seine Verpflichtung einen riesigen Mehrwert.

Wie sind Sie eigentlich in Österreich gelandet?

Nach der Realschule wollte ich in Berlin eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann machen und habe 50, 60 Bewerbungen abgeschickt – bei der Hälfte kam nicht mal eine Antwort. Eine Bewerbung ging nach Österreich, und da hat man mich genommen. So bin ich als 16-Jähriger bei Casino Schwarz-Weiß Bregenz gelandet, 2005 meldete der Klub Konkurs an.

Ist damals die ganze Familie nach Österreich umgezogen?

Für mich was das die einzige echte Option, und ich bin da ganz allein hin, hatte meine eigene Wohnung.

Wie ging’s weiter?

Ich habe in der Zeit meine Lehre abgeschlossen, mich beruflich verändert und meinen ersten Job bei einer Bank gehabt. Der Nachfolge-Verein von Casino war Rivella SC Bregenz und wurde in die Landesliga zurückversetzt, wo wir dann mit der ehemaligen A-Jugend und fünf, sechs arrivierten Spielern binnen zwei Jahren in die Regionalliga aufgestiegen sind. 2008 war ich dann noch für ein Jahr per Leihe in der Vorarlbergliga, das ist 4. Liga, beim FC Mäder, bevor ich dann drei Jahre zum SV Nonnenhorn in die Kreisliga Bodensee gewechselt bin, um mit Freunden zu kicken. 2012 ging’s dann zurück zum SV Typico Lochau in die Landesliga.

Warum sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt?

Der Liebe wegen – ich habe damals meine Freundin und Mutter meiner neun Monate alten Tochter kennengelernt. Zu Beginn der Beziehung sind wir noch zwei Jahre lang gependelt.

Wie sind Sie sich begegnet?

Wir waren damals mitten in der Wintervorbereitung und hatten einen ehemaligen Kampftaucher als Trainer, der uns ziemlich rangenommen hat und sogar Kunstrasenplätze anmietete, damit wir laufen können. Dann war tatsächlich mal ein Wochenende frei, und ich bin mit einem Teamkollegen nach Prag gefahren. Sonja war mit ihrer Freundin zur gleichen Zeit dort…

Verrückte Geschichte. Sie zählen zu einer Handvoll gestandener Ü30-Akteure im Kirchheimer Kader. Haben Sie schon mal ans Aufhören nachgedacht?

Wäre Corona nicht gewesen, hätte ich vermutlich schon letztes Jahr aufgehört. Wie es jetzt im Sommer weitergeht, muss man sehen – es macht mir immer noch großen Spaß. In jedem Fall haben wir genügend junge Spieler mit Potenzial, und die sollen ja auch ihre Einsatzzeiten bekommen.

Ziehen Sie nach Ihrer aktiven Laufbahn dann einen klaren Schlussstrich?

Ich weiß einfach, dass es ohne Fußball nicht gehen wird und dass mir die Aufgabe als Co-Trainer viel Spaß macht. Mal sehen, was die Zukunft für mich bereithält.

(Das Gespräch führte Guido Verstegen.)

Auch interessant

Kommentare