Drei OPs - Sohn gab Kraft

Schlaganfall, Keim im Schädel, Loch im Kopf - Ehemaliger Fußballer (37) übersteht alles: „Hätte mehrere Tode sterben können“

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Eine lange und erfolgreiche Zeit: Beim BCF Wolfratshausen absolvierte Lech Kasperek (re.) als Verteidiger und Kapitän in 17 Jahren rund 400 Spiele und stieg von der Bezirks- bis in die Bayernliga auf.

Lech Kasperek war beim BCF Wolfratshausen, TuS Geretsried und den FF Geretsried einer der erfolgreichsten Fußballer im Landkreis. Doch vor einem Jahr katapultierte eine Hirnblutung den 37-Jährigen aus seinem Alltag.

Wolfratshausen – Für Lech Kasperek ist Weihnachten heuer kein Fest wie jedes Jahr. „Alles ist für mich besonders jetzt“, sagt der 37-Jährige. „Und ich habe einen zweiten Geburtstag.“ Der fällt auf den 27. November 2018, den Tag, an dem er nach mehr als zehnstündiger Operation an seinem Kopf im Klinikum Großhadern aus der Narkose erwachte. Am Tag zuvor hatte der durchtrainierte langjährige Verteidiger des BCF Wolfratshausen eine Hirnblutung erlitten. „Ich hätte mehrere Tode sterben können“, erzählt Kasperek, als er im Gespräch mit unserer Zeitung das vergangene Jahr Revue passieren lässt. „Aber letzten Endes ist es eine positive Geschichte: Das Glück, das ich hatte, ist einfach unglaublich.“

Es war eine schöne Zeit, der Herbst 2018. Lech Kasperek hatte nach spannenden Jugendjahren beim TSV 1860 München, einer langen, erfolgreichen Zeit beim BCF Wolfratshausen, mit dem er von der Bezirksliga bis in die Bayernliga aufstieg, und einem zweijährigen Intermezzo beim TuS Geretsried beschlossen, seine Fußball-Karriere bei den FF Geretsried ausklingen zu lassen. Dort am Krötenteich hatte er vor rund 30 Jahren mit dem Kicken angefangen. „Ich habe im Oktober einen neuen Job angetreten. Da war es an der Zeit, mit dem Fußball kürzerzutreten“, sagt der Groß- und Einzelhandelskaufmann. Zudem erwartete seine Freundin Miriam ihr erstes Kind. „Da boten sich die Fußball-Freunde an. Ich wollte schon seit Ewigkeiten mal mit meinem Cousin Dominik Zelt zusammenspielen. Das hat leider nicht so lange gehalten.“

Schreck mit Folgen: „Und auf einmal war es um mich geschehen“

Denn dann kam der 26. November. Ein Montag. Kasperek, als Außendienstmitarbeiter in ganz Oberbayern unterwegs, arbeitete am Vormittag im „Homeoffice“. Ein ganz normaler Tag. Ganz normal war auch, dass er zwischendurch vom Schreibtisch aufstand und ein paar Liegestützen machte. „Das habe ich mir angewöhnt, weil ich es hasse, den ganzen Tag zu sitzen.“ Also pumpte er, wie er es immer machte. „Danach bin ich aufgestanden. Und auf einmal war es um mich geschehen. Ich habe unglaubliche Kopfschmerzen bekommen. Dieser Schmerz ist unbeschreiblich“, erinnert sich Kasperek. 

Heute weiß er, dass das ein sogenannte „Vernichtungskopfschmerz“ war. Auslöser war eine Hirnblutung aufgrund eines geplatzten Aneurysmas. Es bestand akute Lebensgefahr. „Meine Arme waren bleischwer, der Körper fühlte sich an, als würde man plötzlich das Zehnfache wiegen. Ich wusste sofort: Irgendwas stimmt ganz und gar nicht.“ Es war sein Glück, dass er nicht komatös wurde, sondern bei Sinnen blieb und sich „einigermaßen kontrolliert auf den Boden legen“ konnte. Es gelang ihm sogar zum Festnetztelefon zu robben und die Handynummer seiner Freundin zu tippen. „Sie war im sechsten Monat schwanger. Das Timing war nicht so toll“, sagt Kasperek.

Inzwischen kann er sie lockerer sehen, die Tortur, die ihm damals noch bevorstand. Mittags hatte man ihm „den Stecker gezogen und gleichzeitig eine riesige Nadel in den Kopf gestoßen“, wie er sein Gefühl in jenen Stunden beschreibt. Aber erst am Abend war er mit Blaulicht von Wolfratshausen nach Großhadern transportiert worden. Dort wurde ihm in einer aufwendigen Operation der Schädel aufgemacht.

Der Patient überstand die OP gut. Weihnachten feierte er daheim mit der Familie. Anschließend stand die Reha in Bad Tölz in der Wiederherstellungsanleitung. Auch das Aufbauprogramm ließ sich gut an. Doch nach dreieinhalb Wochen habe er „ein Kribbeln im Kopf“ gespürt. Am 16. Januar erhielt er die Diagnose: Dort, wo der Schädelknochen herausgenommen und wieder eingesetzt worden war, hatte sich ein Keim eingenistet. Dem war mit Medikamenten nicht mehr beizukommen. Keine schöne Nachricht. Der Kopf wurde noch am selben Abend erneut geöffnet. Der Schädelknochen wurde entnommen. Die Operation verlief erfolgreich. Der Schock kam drei, vier Tage später. „Am Anfang hieß es, das Loch ist vielleicht golfballgroß, wenn überhaupt.“ Als der Arzt den Verband vom Kopf wickelte, kam darunter eine faustgroße Delle zum Vorschein. 

„So bin ich vier Monate Cabrio gefahren – mit offenem Verdeck“, sagt Kasperek mit Galgenhumor. In der „Zeit mit der Delle“ habe er sich wie behindert gefühlt. „Da macht man auch sehr viele Erfahrungen. Viele Leute trauen sich nicht, einen anzusprechen, mit einem zu reden, auch manche Freunde nicht. Das ist wohl ein natürlicher Reflex, ich habe es keinem übel genommen. Mir war es nicht unangenehm. Ich habe selber gerne drüber gesprochen, weil es auch eine Art ist, das zu verarbeiten. Je öfter man drüber spricht, umso leichter fällt es einem“, erzählt Kasperek.

Geburt des Sohnes gab Kraft: „Das war das, was ich erleben wollte“

In der Klinik und in der Reha, in der täglichen Begegnung mit anderen Patienten, sei ihm auch bewusst geworden, welches Glück er gehabt hatte. Er selbst kam fast unbeschadet davon. Er könne nicht mehr riechen und der Geschmackssinn registriere nur noch süß, sauer, salzig und bitter, erzählt er und schiebt sich mit der Gabel ein Stück Nusskuchen in den Mund. „Wenn ich so etwas bestelle, wähle ich das nach der Farbe aus und der Erinnerung, wie es früher geschmeckt hat“, sagt Kasperek und schmunzelt.

Während er auf die dritte OP wartete, kam Sohn Leonhard auf die Welt. „Dieses schöne Erlebnis, die bevorstehende Geburt, das hat sicher positive Energie und Kraft gegeben. Das war das, was ich erleben wollte“, betont der junge Vater. „Ich wollte nicht dieses Bild von mir, dass meine Freundin das Kind allein auf die Welt bringt und ich bin nicht da. Das gibt’s nicht. Das hat mich sicher sehr gestärkt“, vermutet er. Ebenfalls einen erheblichen Teil dazu beigetragen, dass er zu dem „einstelligen Prozentsatz von Leuten“ gehöre, die so etwas mit so gut wie keinen Schäden überleben, hat nach Meinung der Ärzte auch die sehr gute körperliche Verfassung des durchtrainierten Fußballers. Anfang Juni ist auch die dritte und hoffentlich letzte OP gut verlaufen. Das „Cabrio“ wurde durch ein Kunststoff-Implantat geschlossen. „Seitdem ist alles mehr oder weniger wieder in Ordnung. Jetzt sollte nichts mehr kommen.“

Der ganze Stolz von Lech Kasperek und Freundin Miriam ist Sohn Leonhard.

Mit Sport ist erst mal Schluss. Jede körperliche Anstrengung spüre er sofort. Kopfschmerzen, die „ziemlich stark werden können“, seien ständige Begleiter. „Fußball werde ich nicht mehr spielen können.“ Vermutlich würde es zwar funktionieren, und das Implantat halte wahrscheinlich besser, als der normale Schädelknochen, sagen die Ärzte. „Aber du weißt ja nie, was der Gegner mit dir macht“, sagt Kasperek. Und was ist mit Trainerambitionen? Einen ersten Versuch hatte er bei den Fußball-Freunden bereits unternommen, ehe der „Mann der Prinzipien“ nach internen Differenzen die Konsequenzen zog und als Co-Trainer zurücktrat. „Es hat gut angefangen. Und ich würde es auch gerne wieder machen. Aber das halte ich mir offen. Fußball wird mich jedenfalls nie loslassen. Aber ob das jetzt in zwei Jahren ist oder in drei, das ist nicht wichtig.“

Da gibt es andere Aktivitäten, die er eher anpeilt. Mal wieder joggen, oder mit der Freundin auf einen Berg gehen. Das sei so ein Ziel, wenn er wieder ganz gesund sei. Ob das nun noch zwei Jahre dauert, oder drei. Egal. Auch wenn es vielleicht manchmal im Widerspruch zu einer geänderten Einstellung steht, den die ganze Geschichte bei ihm hervorgerufen hat. „Ich will nichts mehr auf morgen verschieben“, betont Kasperek. „Vor allem, was das Treffen mit Freunden angeht.“ Denn, so seine Erkenntnis, „es ist nicht selbstverständlich, dass man gesund ist und aktiv am Leben teilnehmen kann. Dass wir jetzt hier sitzen, Kuchen essen und Kaffee trinken, das ist purer Genuss. So einfache Sachen sind für mich seitdem ganz toll.“ Der 37-Jährige lächelt, während er das erzählt. Dann schaut er sein Gegenüber an und sagt: „Es ist eine heftige Geschichte, aber letzten Endes ist es eine positive Geschichte. Ich würde sagen, das Leben ist schön.“

Quelle: Merkur.de

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