„Man muss bereits im Kleinfeld ansetzen“

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„Den Weg der Jungen mehr begleiten“: Schwabl.

Unterhaching – Seit seinem Karriere-Ende 1997 hat Manfred Schwabl (44) das Fußballgeschäft aus dem Hintergrund beobachtet. Nun kehrt er als ehrenamtlicher Nachwuchskoordinator der SpVgg Unterhaching zurück.

Ein Gespräch über zukunftsfähige Modelle – und warum nicht zuletzt bei der Talentförderung der Bayern-Gegner und aktuelle Tabellenführer Mainz einen Blick wert ist.

Herr Schwabl, Sie spielten einst für Bayern und für 1860 – wie kam es zum Engagement in Haching?

Mein Sohn Markus spielt hier seit der D-Jugend (inzwischen steht er im Kader der Profis/d. Red.), da habe ich den Verein die letzten Jahre in Ruhe beobachten können. Der Jugendbereich hat mein Interesse besonders geweckt. Ich wollte nie Trainer werden, dafür bin ich nicht geboren – ich ziehe den Hut vor jedem Jugendtrainer. Für mich kam eher der Managementbereich infrage. Nach und nach habe ich den Klub kennen und lieben gelernt. Haching hat was, das ist meine Welt.

Die DFB-Auswahl begeistert mit jugendlichem Elan, das Bayern-Korsett besteht aus eigenen Talenten – Nachwuchsförderung wird immer mehr zum Thema. Wo sind die Ansätze des Manni Schwabl?

In Unterhaching wurde im Jugendbereich sehr gut gearbeitet, trotzdem glaube ich, dass noch mehr geht. Das Fundament passt, aber Stillstand ist Rückschritt. Mein Hauptziel ist, wesentlich weiter unten anzusetzen. Im Kleinfeldbereich wird in Deutschland zu wenig gemacht. Da muss man über den Tellerrand schauen, in die Schweiz, nach Österreich oder Spanien – die sind gnatechnisch besser, das muss einen Grund haben. Da schneien die Spieler ja auch nicht vom Himmel. Unten, im goldenen Lernalter, sollte man noch mehr Wert auf Ausbildung legen. Das goldene Lernalter sind F-, E-Jugend, das erste D-Jugendjahr. Die müssen keine Kondition bolzen. Wenn man da Runden drehen lässt! Irrsinn! Die Kleinen laufen ja sowieso den lieben Tag, da ist jede Sekunde Training ohne Ball verlorene Zeit. In der Schweiz ist man inzwischen sogar schon so weit, dass man genau in diesem Bereich drei oder vier Trainer pro Team hat. Und davon nur die Besten. So kann man in Gruppen trainieren. Optimal.

Sie selbst kamen einst mit elf Jahren aus Holzkirchen zum FC Bayern . . .

Ja, meine Erfahrung ist sicher ein Plus. Wenn ein Spieler mal in ein Loch fällt, denke ich, muss man an den Menschen denken. Ein Beispiel: Ich war mit 14 bei einem Länderpokal und wurde zum besten Spieler gewählt. Tags darauf wurde das Nationalteam in dem Jahrgang zusammengestellt. Ich war aber nicht dabei. Es hieß, ich sei zu klein. Da war ich zwei Tage enttäuscht, dann hab’ ich mir gesagt: ,So, euch zeig’ ich es erst recht!’ Es gibt viele Fälle, dass Talente aus einem Loch nie wieder rausfinden. Wir hatten jetzt Spieler, da war fraglich, ob sie in die B-Jugend kommen, weil sie klein sind. Für mich war es kein Thema – die setzen sich durch, man muss ihnen nur Zeit geben. Ich kassiere jetzt vielleicht ein Eckballtor – aber was juckt mich das in einer jungen B-Jugend? Nullkommanull! Nicht ein Prozent! Diese Spieler entwickeln sich, denn die müssen immer kämpfen. Ich habe das am eigenen Leib erlebt.

Sie selbst durchliefen bei Bayern alle Jahrgangsstufen – wie hat sich die Jugendarbeit verändert?

Sehr. Ich hatte damals immer gute Trainer, es lief für mich perfekt. Aber es wurde nicht so konzeptionell gearbeitet. Mein Ziel ist, den Weg der Jungen mehr zu begleiten. Wir wollen ganzheitlich ausbilden, auch auf die Schule achten. Bei vielen erkennt man schon früh das Talent, aber es gibt auch andere Beispiele: Thomas Miller damals bei 1860, da hat nie einer geglaubt, dass der mal Bundesliga spielt – und dann hat der in der Ersten Liga die Stürmer entnervt, aber wie! Einmal gegen Leverkusen hat Rudi Völler zu mir nach einer Stunde gesagt, er würde am liebsten sofort heimfahren – der hatte null Chance gegen Miller. Ich habe gesagt: „Komm’, die 30 Minuten hältst noch aus, der Miller macht’s heut eh gnädig mit dir.“ Ich bin sicher, in der E-Jugend hat man bei Miller noch nicht so viel gesehen.

Kontinuierliche Förderung kostet aber Geld – ein heikles Thema in Haching.

Ja, aber auf lange Sicht überleben die Vereine, die gnadenlos auf die eigene Jugend bauen. Da bin ich felsenfest überzeugt. Das Nachhaltigste, was man machen kann, ist, in den eigenen Nachwuchs zu investieren. Schauen Sie Hoffenheim an, Barcelona im großen Stil, den VfB Stuttgart – die haben Sebastian Rudy für fünf Millionen verkauft. „Völler sagte zu mir, er will sofort heim“ Cottbus hat einen 15-Jährigen für 150 000 Euro an Fulham abgegeben. Ich rede jetzt hier nicht davon, dass man ständig das Tafelsilber verkaufen muss, aber wenn so ein Geschäft für alle Seiten passt, ist dann wieder Geld da, um es in die Strukturen zu stecken. Unterhaching sehe ich als ein ausgezeichnetes Pflaster: Das Umfeld, Münchner Süden, ein solider Verein – hier kann sich ein Talent entwickeln.

Wo soll Hachings Nische sein zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860?

Der zweite Bildungsweg, wo der Druck ein bisschen geringer ist, führt bei manchen Talenten zu mehr. Wir können hier mehr auf die persönliche Ausbildung schauen, auf die Psyche – bei Bayern hast du immer Druck, und bei 1860 auch. Ich möchte auch vermehrt Spieler aus der Umgebung fördern. Es gibt so viele Talente im Oberland. Wir suchen da jetzt Partnervereine, eine Stufe unter uns. Ich will sechs, sieben, acht Außenstellen aufbauen. Und der FC Bayern hat nicht umsonst gerade so viele Österreicher, da sind gute Akademien wie Kapfenberg. Die Talente müssen nur ab einem gewissen Alter aus dem Land, da die oberen Ligen zu schwach sind.

Bei Ihrem Modell, Talente ganzheitlich zu begleiten, drohen Konflikte mit den Beratern, die gern über alles die Hand halten.

Uli Hoeneß hat zu mir mal gesagt: Der Verein hat die größte Fürsorgepflicht. Da kann ein Berater gar nicht hin. Das Verhältnis Spieler/Verein ist viel ehrlicher. Da mischen weniger Eigeninteressen mit.

Es ist eine Kardinalsfrage bei der Talentförderung: Zählt das Resultat, die Tabelle – oder die Ausbildung des Individuums?

Bis zur U 16 sind Ergebnisse zweitrangig. Da wollen wir, dass alle Spieler zu gleichen Teilen zum Spielen kommen. Mainz hat bis zur U 14 gleiche Spielzeiten für jedes Talent eingeführt, mit sehr positiven Resultaten – da waren manche, die zunächst Nr. 14, 15 im Kader waren, im Sommer darauf plötzlich Leistungsträger. Ab der U 17 sollte man in den höchsten Ligen spielen, da wird man mehr gefordert. Ich habe zu den Trainern im unteren Bereich gesagt, sie brauchen mir Tabellen nicht zeigen – es sei denn, drei Spiele vor Schluss ist Abstiegsnot. Denn was ist wichtig für den Klub? Wird eine D-Jugend Meister, interessiert das tags kaum jemand mehr. Wenn in einem Jahrgang aber ein, zwei Profis rauskommen, dann hat sich alles rentiert.

Wie läuft die Kooperation mit dem FC Bayern ab?

Die Bayern sind einen Schritt weiter, ich will deren Knowhow importieren. Wir dürfen offen deren Trainingsmethoden anschauen. Ein weiterer Vorteil: Wir wissen sehr früh, wenn dort ein Spieler auf der Kippe steht. Auf dem anderen Weg ist ein vernünftiger Dialog gesichert, wenn mal Interesse an einem unserer Spieler besteht. Und es wird nicht so laufen, dass wir nur noch für die Bayern ausbilden. Von den Bayern ist bekannt, dass sie Partnerschaften leben. Es ist ein Geben und Nehmen. Und wenn ein Spieler für die Bayern nicht passt, heißt das noch lange nicht, dass er ein schlechter ist. Der könnte ja trotzdem zu uns passen. Wir werden aber keine Filiale des FC Bayern, wir haben schon unsere eigene Philosophie.-

Natürlich wollen wir unsere Besten halten. Aber es sind immer noch Menschen, junge Menschen. Wenn der große Traum ist, bei Bayern zu spielen, verwehre ich das nicht. Nur die Vereinsbrille Haching wird es bei mir nie geben. Aber wir werden jedem Spieler immer ehrlich sagen, wo seine Perspektiven besser sind. Und eines ist auch klar: Du musst nicht mit 15 top sein – sondern, wenn es zu den Profis geht. Da ist mein Ziel, dass es mal keinen Unterschied mehr macht, ob einer bei Bayern, 1860 oder Haching ausgebildet wurde. Da auch wir für Qualität stehen.

von Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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