Der Stadionsprecher im Portrait

Martin Piller: Der Lautsprecher des Unterhaching-Erfolgs

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Gaudi mit den Fans und Haching-Spielern (hier Maxi Bauer) hat Stadionsprecher Martin Piller (links) in dieser Saison ohne Ende.

SpVgg Unterhaching - Inbrünstiger Torjubel, triumphale Becker-Faust, dann drückt Martin Piller auf den kleinen Knopf. Verstärkt von 16 Lautsprechern, getragen von je 300 Watt, übertönt und befeuert sein verbaler Enthusiasmus den Moment absoluter Fußball-Ekstase der 5000 Fans im Alpenbauer Sportpark.

Das lang gezogene „Toooor für die Spielvereinigung Unterhaching!“ informiert in der 92. Spielminute, weit über die Stadionmauern hinaus, jedermann über Sascha Bigalkes 2:1-Siegtreffer gegen das Amateurteam des FC Bayern München.

„In so einer Situation ist es immer wieder etwas ganz besonderes ins Mikro zu schreien“, gesteht der Stadionsprecher lachend und drückt ein letztes Mal in 2016 aufs Knöpfchen. „Schöne Weihnachten und bis nächstes Jahr“, werden nach einem herzhaften Fußball-Krimi die erfolgsverwöhnten Anhänger der Übermannschaft in der Regionalliga Bayern um 15.50 Uhr in die Winterpause verabschiedet. Für die Stadion-Stimme der „Vorstädter“ ist da längst noch nicht Feierabend.

An einem kühlen Sonntag, Ende November, wird der 30-jährige Markt Schwabener vier Stunden zuvor fürsorglich mit „Kamillentee für die Stimme“ von einem Ordner im Presseraum empfangen. „The Voice of Haching“ an sich ist vordergründig phonetisch schnell beschrieben: konventionell. Keine Kommentatoren-Rock-Röhre à la Wolff Fuss, keine regionale Einfärbung. „Passt bei dir alles, brauchst noch was?“, fragen die Stadiontechniker bei der Vorbesprechung nach. Immerfort proklamiert der Viertligist aus dem Münchner Süden „die Familie Unterhaching“. Folgt man Martin Piller, einem laut Präsident Manfred Schwabl „absoluten Repräsentanten des Klubs“, vor dem Anpfiff durch die Katakomben in Richtung Haupttribüne, kann man diesen Eindruck durchaus schnell gewinnen.

Egal ob Spieler, Funktionär, Fan oder Ordner, jeder grüßt und klatscht ab, kurzer Smalltalk. Seit nunmehr zwei Jahren geht Hachings Mann am Mikro diesen Weg und kümmert sich nebenbei um allerlei Änderungswünsche des Halbzeitprogramms sowie den eifrigen Nachwuchs-Trompeter, der nicht weiß, ob er jetzt vor dem Anpfiff zum Einsatz kommt, oder nicht. Bei all der Hektik um ihn herum wirkt Piller durchweg routiniert, nie gestresst, nie überheblich, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. In seinem Wohnzimmer unter dem Dach der Westtribüne angekommen, greift Piller zum Stadionmikro. „Servus liebe Haching-Fans“, leitet er seine zweiminütige Anmoderation ein – ohne den Hauch eines Versprechers, entspannt an die Techniker-Kabine gelehnt.

Gelernt ist gelernt beim selbstständigen Radio- und Fernsehmoderator, der mittlerweile auch Bundesligaspiele und internationalen Fußball für diverse Auftraggeber live kommentiert. Alleine mit dem Mikrofon ist Piller sichtlich in seinem Element. „Ich denke, meine Stimme ist nicht tief genug“, meint er und steckt sich eine Zigarette an. „Aber mir wird immer gesagt, ich hätte eine angenehme Erzählstimme.“ Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Schwabl bringt Pillers stimmliches Alleinstellungsmerkmal treffend auf den Punkt: „Er lebt das alles emotional mit. Das kommt im Stadion dann auch so rüber. Ich vergleiche ihn da mit Bayerns Stephan Lehmann.“

Gerade wenn sich Piller 20 Minuten vor Anpfiff erst kindlich über Eric Claptons „I Shot the Sheriff“ aus den Boxen freut, Augenblicke später auf dem Stadionrasen humorvoll „die wahnsinnig kuscheligen Haching-Hoodies“ anpreist, bevor um 13.52 Uhr aufpeitschend die Aufstellung der SpVgg. verkündet wird, ist sein Hachinger Herzblut förmlich greifbar. Erst recht, wenn es nach 21 Spielminuten erstmals heißt: „Toooor für Haching!“ Den Lieblingsmoment jedes Stadionsprechers kostet Piller nach Alex Winklers 1:0 voll aus, ehe es für ihn erst wieder mit dem Halbzeitpfiff ernst wird.

Unaufdringlich einnehmend moderiert Piller die Mitglieder-Ehrung sowie das traditionelle Sponsoren-Gewinnspiel auf dem Hachinger Grün kurzweilig weg. Dass ihn Hachings Cheftrainer Claus Schromm als „ganz kommoden, angenehmen Burschen“ beschreibt, kommt nicht von ungefähr. In eher sachlichem Duktus wird hingegen der Ausgleich der Gäste durchgesagt. Umso mehr akustische Aktion ist in der Nachspielzeit beim 2:1-Siegtor drin. Jubel-Arie, Umarmungen mit Kollegen und Fans – da kommt der Fan Martin Piller richtig auf Touren.

Wenig später muss aber wieder in den neutralen Funktionärs-Modus geschaltet werden, wenn Piller die beiden Trainer zur Pressekonferenz abholt. Acht Minuten dauert das kurze Frage-Antwort-Spiel, anschließend geht’s weiter ins „VIP-Haus“. Während sich der Hachinger Schick, Mitglieder, Spieler und Funktionäre am Buffet austoben, hält Martin Piller im Zentrum der brechend vollen Lokalität das letzte Mikro für heute in der Hand. Die neu konzipierte interne Talkrunde mit Trainer Schromm und Kapitän Josef Welzmüller hat jedoch Schwierigkeiten, gegen die allgemein ausgelassene Feierstimmung zu bestehen. Um 17 Uhr legt Martin Piller das Mikro aus der Hand. Schlusspfiff für den Markt Schwabener. Fünf Stunden lang hat er Haching wieder einmal mehr als nur seine charismatische Stimme zur Ansage von Torschützen und Auswechslungen gegeben. So führt für Schwabl an Piller – auch im Scherz – langfristig kein Weg vorbei: „Er hat das komplette Haching-Gen intus und Vertrag bis 2033.“

Quelle: fussball-vorort.de

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