Er hat Erfahrung, die nicht nur auf dem Platz hilft

Maximilian Nicu: Der "Papa" im Team der Hachinger

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Ein Leitwolf für die Jungen: Maximilian Nicu (Mitte) im Kreis seiner Mitspieler Winkler (l.) und Sieghart.

SpVgg Unterhaching - Mit Maximilian Nicu kam Anfang September etwas Erfahrung ins Team der SpVgg Unterhaching, das eher einer A-Jugend als einem Regionalligisten glich. Aber nicht nur auf dem Platz hilft der frühere Bundesligaprofi, Nicu kann den Jungspunden viel mitgeben für deren eigenen Weg.

Zum Beispiel Zypern. Man denkt an Sommer, Sonne, Strand, „so etwas wie bezahlter Urlaub“, freute sich auch Maximilian Nicu. Um dann feststellen zu müssen, „dass Urlaub doch etwas völlig anderes ist als hier zu leben.“ Der Wechsel nach Zypern, das ist für Nicu rückblickend „der Fehler meines Lebens“. Nicht einmal ein halbes Jahr hat es ihn auf der Insel gehalten, die Menschen waren „schwierig“, der Fußball „unprofessionell“, der Trainer ein „Kotzbrocken“. Und das Leben ziemlich öde. Die Zeit bei Aris Limassol ist eines der dunkleren Kapitel in Nicus Karriere.

Auch davon hat er neulich seinen fast durchweg blutjungen Teamkollegen bei der SpVgg Unterhaching erzählt. Sie sollen ruhig erfahren, dass der Profifußball zwar viele, aber keineswegs nur Sonnenseiten hat. Nicu ist gerade 33 geworden, er hat alles erlebt. Bundesliga, Zweite Liga, Europa League, WM-Qualifikation, aber eben auch Zeiten, in denen nicht alles nach Wunsch gelaufen ist. „Darüber zu reden, hilft mir, vor allem aber den Jungs.“ Sie nennen ihn schon mal „Papa“, einige sind ja gerade halb so alt wie er, „sind herrlich unbekümmert, locker drauf, haben einen Lebensplan“.

Maximilian Nicu, einst mit Hertha BSC Berlin und dem SC Freiburg in der Bundesliga, ist im Herbst als „Oldie“ zu der jungen Hachinger Mannschaft gestoßen, aus einem Flachs im VIP-Haus wurde schneller als gedacht Realität. Nicu hat einst in Unterhaching unter dem heutigen Cheftrainer Claus Schromm in der A-Jugend gespielt, hier hat er seine Wurzeln, hier leben Eltern und Bruder. Nicu hatte Angebote aus Ländern wie der Ukraine, „doch ich wollte nicht mehr so weit weg“. In Elversberg hat er Regionalliga gespielt, warum also nicht in Haching? Lange überreden musste ihn Schromm nicht.

„Wie einige in dieser Liga auf die Knochen gehen, das hat mit Fußball wenig zu tun“

Am 5. September gab Nicu sein Debüt als Leitwolf für die Hachinger Jungspunde, die recht holprig in die Saison gestartet waren. Schon beim zweiten Auftritt in Memmingen aber bekam er die Härte der Liga zu spüren, ein Syndesmosebandriss setzte ihn für Wochen außer Gefecht. Wenigstens war er rechtzeitig zurück zum Pokalspiel gegen Leipzig, „da wollte ich unbedingt dabei sein, zumindest auf der Bank“. Er kam zur zweiten Hälfte, seine Vorarbeit zum 3:0 machte die Sensation perfekt, der Viertligist empfängt nun am 15. Dezember Bayer Leverkusen, den Champions League-Teilnehmer. Ein Highlight, auch für Nicu: „Mit Ömer Toprak treffe ich einen alten Kumpel aus Freiburger Zeiten.“ Dabei war Nicu in der ersten Runde schon ausgeschieden, noch mit Elversberg unterlag er etwas unglücklich dem FC Augsburg.

Es läuft gut in Unterhaching. Und Nicu hat Spaß, mit seiner Erfahrung den Jungen zu helfen, auch wenn es manchmal schmerzt. „Wie einige in dieser Liga auf die Knochen gehen, das hat mit Fußball wenig zu tun.“ In seiner Mannschaft aber sieht er viel Entwicklungspotenzial, viele Talente, die noch eine ähnliche Karriere vor sich haben könnten wie er sie fast schon hinter sich hat. Auch Nicu war einst ein Jungspund in Haching, hat „ein geiles Jahr“ erlebt in der Regionalliga, damals noch die dritte Liga. „Wolfgang Frank hat mich gefördert“, am Ende stand der souveräne Aufstieg. Als zweitjüngster Spieler des Kaders kam Nicu aber in Liga zwei nicht wie erhofft zum Zug, „vielleicht hat mir Geduld gefehlt“, sagt er zu seinem Winterwechsel nach Erfurt. Als Mittelfeldspieler wurde er 2006 beim SV Wehen Torschützenkönig der Regionalliga, bekam einen Zweitliga-Vertrag bei Wacker Burghausen, ging nach dem Abstieg zurück nach Wehen. Was wie ein Rückschritt wirkte, wurde zur Initialzündung.

Hertha BSC war auf ihn aufmerksam geworden, unter Lucien Favre wurde Nicu zur festen Größe, bestritt im ersten Jahr 31 Bundesligaspiele, spielte im UEFA-Cup gegen Benfica Lissabon und Olympiakos Piräus, Oliver Bierhoff brachte ihn ins Gespräch für die Nationalelf. „Das haben die Rumänen mitbekommen“, erinnert sich Nicu. Er selbst ist zwar in Prien geboren und aufgewachsen, seine Eltern aber kommen aus Rumänien. Warum also nicht? „Für Rumänien spielen zu können, erschien mir doch realistischer als für Deutschland.“ Am 1. April 2009 debütierte er in der WM-Quali gegen Österreich, Höhepunkt der kurzen Länderspielkarriere war der Auftritt im Stade de France in Paris, als Rumänien mit Nicu in der Startelf ein beachtliches 1:1 gegen Evra, Diarra, Anelka, Henry und Co. erreichte. „Das ist eine einzigartige Erfahrung, so etwas vergisst man nie.“

„Ich war für Marcus Sorg immer der Sündenbock“

Nicu hat aber auch erfahren, dass das Schicksal eines Profis oft auch am Trainer hängt. Als in Berlin Friedhelm Funkel Favre abgelöst hatte, lief es nicht mehr rund für Nicu, in Freiburg, der nächsten Station, geriet er nach einem guten Jahr mit Robin Dutt unter Nachfolger Marcus Sorg aufs Abstellgleis. „Für ihn war ich immer der Sündenbock“. Beim TSV 1860 in München begannen die Probleme, als Alexander Schmidt auf Reiner Maurer folgte. „Für ihn war ich kein Offensiver, sondern Verteidiger.“ Nach einem halben Jahr ohne Verein wagte er den Absprung aus Deutschland, in die Heimat seiner Eltern, zu Universitatea Cluj. „Nette Leute, schöne Stadt, starke Liga“, Nicu fühlte sich rundum wohl, fand mit dem Österreicher Ronald Gercaliu einen guten Freund. Insgesamt „eine richtig geile Zeit, die Leute liebten mich“, bis auch dort ein neuer Trainer das Wohlfühlklima beendete.

Damit muss ein Profi immer rechnen, dass bestimmte Trainer eben immer auf bestimmte Typen stehen, auch das eine wertvolle Erfahrung, die er nun den Jungs in Unterhaching mitgibt auf ihren Weg. Auch, dass es in diesem Geschäft nicht immer aufwärts gehen und der Absturz abrupt sein kann. „Bei mir war es nach Berlin ein stetiger Abstieg“, erst Freiburg, dann 1860, Cluj, Limassol, schließlich Elversberg. Aber Nicu hadert nicht, schließlich hat er mehr erreicht, als er einst erhoffen durfte, damals, als er neben dem Fußball in Unterhaching sein Abitur in Prien bestand („da haben meine Eltern zum Glück größten Wert drauf gelegt“). Nun freut er sich noch auf ein paar gute Jahre mit der SpVgg. Schon jetzt kann er zufrieden sein, das Pokalspiel gegen Leipzig war „fast wie Bundesliga“, nun brennt er für das Duell mit Leverkusen, das ist nahezu die Atmosphäre, die er bei Hertha oder Freiburg „jede Woche erleben durfte“. Aber auch in der Liga gibt es ja nicht nur Schalding oder Rain, sondern auch Highlights wie das Duell heute (19 Uhr, Grünwalder Stadion) bei den Bayern, kürzlich das Top-Duell in Regensburg: „Das war einfach nur geil, dafür spielt man Fußball.“

Das macht er seinen jungen Kollegen klar, sagt ihnen, es lohnt sich, seinen Traum zu leben. Und wenn der eine oder andere mal in der Bundesliga ankommen sollte, dann darf auch Nicu stolz darauf sein. Zumindest ein bisschen.

Dieser Artikel wurde auf der Amateursportseite des Münchner Merkur veröffentlicht. Sie erscheint jeden Mittwoch. Autor ist Reinhard Hübner. Erreichbar ist er unterkomsport@t-online.de

Quelle: fussball-vorort.de

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