Meistertrainer des SF Egling-Straßlach im Interview

Herbert Mühr: "Durch Corona lernt man sein Hobby mehr wert zu schätzen"

Herbert Mühr und sein Team brauchen Punkte.
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Herbert Mühr und sein Team brauchen Punkte.

Herbert Mühr hat mit den Eglinger Fußballern seit dem Aufstieg in die Kreisliga kein einziges Spiel gewonnen. Dennoch ist die Konzentration und Motivation weiterhin hoch.

Egling – Solche Pleiten wie das 0:6 gegen Spanien, passieren der deutschen Nationalelf höchstens alle 50 Jahre mal. Bei den SF Egling-Straßlach ist man sie in dieser seltsamen Corona-Saison fast schon gewohnt: Mit 0:10 verlor der Kreisligist beim Mitaufsteiger TSV Peißenberg am 21. September 2019, 0:9 fast auf den Tag genau ein Jahr später beim TuS Holzkirchen II. Nach 17 Spielen stehen ganze drei Punkte auf der Habenseite der Sportfreunde, bei einem Torverhältnis von 13:64. Doch Meistertrainer Herbert Mühr (46) genießt auch als abgeschlagener Tabellenletzter das Vertrauen der Vorstandschaft. Und seine Mannschaft hat trotz 13 Niederlagen in Serie scheinbar immer noch Spaß am Fußballspielen. Das hat wohl mit dem „großen Ganzen“ zu tun, wie unser Mitarbeiter Rudi Stallein im Gespräch mit dem Privatkundenbetreuer einer regionalen Bank erfuhr.

Herr Mühr, eine Frage drängt sich geradezu auf: Warum sind Sie noch nicht gefeuert worden?

(lacht) Das müssen Sie tendenziell jemand anderen fragen. Die Frage kann Jogi Löw auch nicht beantworten (lacht). Nein, im Ernst. Wir haben einen guten Draht, und ich glaube, dass Franz und Niko (die Abteilungsleiter Beierbeck und Stoßberger, Anm. d. Red.) trotz der schlechten Saisonbilanz ganz zufrieden sind. Der Trainer ist ja in dem ganzen Gebilde nur ein Puzzle-Teil. Wir analysieren unsere Spiele regelmäßig – und sind uns meist einig.

Pep Guardiola musste ständig den Chefs Rede und Antwort stehen. Ein Grund für ihn beim FC Bayern nicht zu verlängern.

Das ist ja kein Rapport (lacht), das ist ein Gedankenaustausch. Ich bin als Trainer sportlich verantwortlich. Und was ich entschieden habe, das kann ich auch vertreten.

Haben Sie im Laufe der Saison mal Angst um den Job gehabt?

Ich kenne zwar das Geschäft und die Mechanismen. Aber nein, die Angst hatte ich nie. Alle wussten und haben deutlich signalisiert, dass es für uns ein sehr schwieriges Jahr wird. Die oft schwierigen Rahmenbedingungen mit Verletzten, unser Torwartproblem etc. waren bekannt. Außerdem ist der Draht zur Mannschaft ja kurz. Die heißen ja nicht nur alle gleich (lacht, in Anspielung auf die Beierbeck-Brüder im Team), die reden ja auch miteinander. Deshalb wissen die Vorstände auch, was wir machen.

Viele andere Mannschaften haben sich in ähnlichen Situationen zerstritten – Ihre nicht. Warum?

Kompliment an meine Truppe! Jeder geht super mit der Situation um. Wir wollen nicht jammern – der Platz war heute schlecht oder der Schiri war schuld –, sondern uns weiterentwickeln. Und das geht nur mit einer homogenen Gruppe.

Was bedeutet das genau?

Wenn wir ein neues Spielsystem trainieren wollen, macht es nur Sinn, wenn genügend Spieler im Training sind. Und die Spieler sind mit viel Enthusiasmus bei der Sache, nehmen jede Partie, jeden neuen Gegner wieder als Herausforderung. Die Gruppendynamik passt. Als Beispiel: Unser Trainingslager im Winter, das jeder Fußballer komplett selbst bezahlen muss, war nach fünf Tagen ausgebucht. Da waren 26 Spieler dabei. Und dann gab es eine solidarische Aktion wegen der Rücktrittskosten: Die gut situierten haben zugunsten der Studenten und Lehrlinge verzichtet. Das zeigt den besonderen Charakter der Mannschaft – und dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir lernen was, und es macht uns Spaß.

Das klingt, als wären Training und Spiel nicht alles. Wie wichtig ist das drumherum?

Das ist ganz wichtig. Vor Corona haben wir öfter Mannschaftsabende gemacht. Oder wir sind am Donnerstag spontan mit 25 Mann zum Bowlen gefahren. Solche Sachen sind ganz wichtig. Und durch die vielen jungen Spieler ändert sich die bisherige Hierarchie. Das tut uns gut, um als Gruppe zusammenzuwachsen.

Sie haben vorhin von Weiterentwicklung gesprochen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Zählbare Erfolge sind dabei ja noch nicht herausgekommen. Wir lassen uns nicht hängen. Nur als Beispiel: Als wir in Waldram gespielt haben, fehlten vier, fünf Stammspieler. Aber das war intern kein Thema. Die Mannschaft gibt trotzdem alles, wehrt sich – auch wenn es am Ende wieder 0:2 ausgeht. Dann kommt so ein Tiefschlag wie Holzkirchen: Du siehst kein Land, kriegst neun Gegentore. Trotzdem sind wieder 18, 19 Spieler beim nächsten Training da. Das ist auch Charaktersache. Vielleicht hat auch Corona ein bisschen dazu beigetragen.

Wie meinen Sie das?

Durch das Trainings- und Spielverbot, lernt man sein Hobby – das ist der Fußball ja für uns alle – wieder mehr wertschätzen. Und wir haben den Spielern damals im Frühjahr ab und zu ein bisschen „lange Leine“ gelassen, Verständnis gezeigt für gewisse Situationen. Es wusste doch keiner, wann es wieder losgeht. Dann kann man nicht verlangen, dass jeder seine privaten Sachen hinten anstellt, weil am Sonntag ein Testspiel ist. Wenn man da mal ein Auge zudrückt, kriegt man auch was zurück.

Dann ging es endlich weiter – und es gab wieder nur Rückschläge. Wie geht man damit um?

So eine Niederlagenserie nagt an allen. Auch an mir, dafür bin ich zu ehrgeizig. Die Kreisliga nicht halten zu können, ist das eine ...

Aber nur Niederlagen?

Ein Erfolgserlebnis würde uns mal gut tun. Und es wäre spannend, zu sehen, was dann passieren würde.

Wie verarbeiten Sie als Trainer die dauernden Misserfolge?

Ich kann heute den Schalter schneller umlegen als noch in meiner Anfangszeit als Trainer. Wenn ich nach Hause komme, erkennt meine Frau an meinem Verhalten und meiner Stimmung in der Regel nicht, wie wir gespielt haben. Und wenn wir von Tiefpunkten reden: Dass sich Paul Schreiter und Lukas Kochan, beide noch nicht 20 Jahre alt, jeweils das Kreuzband gerissen haben – das macht mir mehr zu schaffen als ein 0:9.

Nach solchen Ergebnissen weiterhin den Spaß zu behalten, da ist Kreativität gefragt, oder?

Ja, würde ich schon sagen. Ich versuche dann immer, an das große Ganze zu erinnern. Was wollen wir erreichen? Das ist ganz charmant. Klar war der Klassenerhalt das sportliche Ziel. Aber es gibt ja noch mehr: Wie wollen wir uns präsentieren, wie als Gruppe wachsen und wie mit Rückschlägen umgehen? Nämlich eben nicht, indem wir die Schuld auf das Wetter, den Fußballplatz oder den Schiedsrichter schieben, sondern an uns weiterarbeiten.

Haben Sie selbst im Laufe der Saison mal den Gedanken gehabt: Jetzt reicht‘s, das tue ich mir nicht mehr an?

Nein. Natürlich zweifelt man mal. Wenn man so lange keinen Erfolg hat, hinterfragt man sich schon. Aber ans Hinschmeißen habe ich nie gedacht. Das war ja nicht, was wir ausgemacht haben. Das würde sich beißen mit dem Ziel, nicht aufzugeben. Und es macht ja noch Spaß – auch wenn es sich blöd anhört (lacht).

Wurde denn Ihr Vertrag schon verlängert?

Einen schriftlichen Vertrag habe ich gar nicht. Aber wir haben schon vor Corona per Handschlag verlängert – für ein Jahr nach der Kreisliga (lacht). Und ich weiß das zu schätzen, dass man mich hier in Egling so arbeiten lässt. Das ist heute auch nicht selbstverständlich.

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