Nutzungsrechte: Wem gehört der Amateurfußball?

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Kicken im Amateurbereich - jede Woche finden 80.000 Spiele in Deutschland statt.

Spiele der Profis sind viel Geld wert. Für die Übertragungsrechte an der Bundesliga fließen Millionen Euro. Dem Fußball als Breitensport wurde indes bislang kein Vermarktungs-Potenzial zugebilligt - doch mit dem Aufkommen des Internet stellt sich die Frage: Wem gehört der Amateurfußball? Ein bizarrer Gerichtsstreit strebt seinem letzten Akt entgegen: vor dem Bundesgerichtshof.

Der Torschütze des Jahres 2008? Michael Ballack! Sein Freistoß im EM-Spiel gegen Österreich. Ein Schuss, so wuchtig wie bedeutsam. Er rettete die Befindlichkeit der Nation. Michael Ballack ist also der Torschütze des Jahres 2008. Auch – aber nicht nur. Matthias Götze vom SV Konz, einem Bezirksliga-Klub in Rheinland-Pfalz, darf den Titel ebenfalls beanspruchen. Sein Tor: Götze stand auf Mittelstürmer-Position, als die Flanke hereingesegelt kam. Was folgte, war keine Absicht, aber es sieht raffiniert aus. Götze dreht sich gegen die Laufrichtung, sein Oberkörper verwringt sich, und mit dem Rücken zum Tor gelingt ihm ein filigraner Heber ins Tordreieck. Man kann diese Unmöglichkeit gar nicht beschreiben – aber man kann sie sehen. Im Internet auf „www.hartplatzhelden.de“, dort ist Götzes Kunststück, gefilmt von einem Besucher des Spiels, reingestellt worden. Ein bisschen unscharf und wackelig, aber mit Zeitlupe. Ein Hingucker. Jedoch womöglich nicht mehr lange.

Oliver Fritsch, der Betreiber des Internet-Portals Hartplatzhelden, sieht sich dem juristischen Trommelfeuer der DFB-Landesverbände ausgesetzt, die die Organisationshoheit über den Amateurfußball haben. Dürfen beliebige Ausschnitte aus diesen Spielen im Internet gezeigt werden? Die Angelegenheit ist gerichtsmassig geworden. Beklagter: die Hartplatzhelden GmbH in Gießen. Kläger: der Württembergische Fußball-Verband (WFV). Doch andere Landesverbände hängen mit dran, der Bayerische Fußball-Verband (BFV) liefert in Gestalt seines Präsidenten Dr. Rainer Koch juristische Argumente.

Die Geschichte beginnt Ende 2006 mit einer guten Absicht: Der Journalist Fritsch will „den Amateurfußball zeigen, wie er ist: schön, rau und charmant. In den Medien kamen Amateurspiele sonst nur vor, wenn es um Angriffe auf Schiedsrichter, Gewalt und Rassismus ging.“ Er findet: Da ist mehr. Es gibt sehenswerte Tore, tolle Paraden, deftige Grätschen, auch Stümpereien. Wer eine dieser Szenen filmt, soll sie auf hartplatzhelden.de hochladen. Material gibt es genügend: Jede Woche finden in Deutschland 80.000 Amateurspiele statt, zu denen zehnmal soviele Zuschauer kommen wie zu den Profiligen. Fritsch findet, niemand könne etwas gegen sein Projekt haben. Er informiert den DFB, und dessen Manager Oliver Bierhoff schickt einen Videogruß und tritt in die Jury ein, die die Schützen, Torhüter und kleinen Versager auszeichnet. „Doch dann sind die Landesverbände aufgewacht“, so Fritsch, und die Geschichte geht damit weiter, dass Bierhoff sein Video zurückzog.

Das wäre noch nicht schlimm gewesen, Oliver Fritsch hatte andere Promis gewonnen. Günther Jauch etwa gab seinen Kopf und sein Wort her: „Den Ball aus 80 cm Entfernung und ohne Gegenspieler noch an die Latte gedonnert zu haben, ist mir selbst in der Schülermannschaft passiert.“ Miroslav Klose, der Nationalstürmer, ist auch dabei: „Mensch, ich hätte nicht gedacht, wie viele geile Tore auf Deutschlands Nebenplätzen fallen!“ TV-Kommentator Marcel Reif lobt „die schlichte Schönheit dieser Filme. Der Amateurfußball hat etwas Ursprüngliches bewahrt, was ich im Profifußball oft vermisse. Videos davon zu drehen und zu veröffentlichen – eine sehr gute Idee.“ So weit und so romantisch.

Doch das ist nicht die Sichtweise der Landesverbände. Bei ihnen reifte der Gedanke: Warum überlassen wir die Darstellung einem privaten Anbieter? Ist es nicht so, dass der Fußball der Amateure mehr uns gehört als Plattformen im Internet? Dr. Koch ist Richter in München, er war im DFB der oberste Sportrichter. Koch hat ein Skript verfasst, das „Die Verwertung von Amateurspielen im Internet“ heißt, es umfasst 26 Seiten. Es geht um viele Spitzfindigkeiten, doch vor allem um die eine große Argumentationsführung: Dass ein privater Internet-Anbieter Nutzen zieht aus einer Struktur, die er nicht geschaffen hat. „

Die Verbände“, schreibt Koch, „sind keineswegs überflüssige Wasserköpfe, sondern übernehmen vielfältige Funktionen, die Ausbildung von Schiedrichtern, von Trainern, die Organisation des Spielbetriebs, die Zurverfügungstellung einer Sportgerichtsbarkeit. Diese Leistungen sind Voraussetzungen für einen geordneten Spielbetrieb und somit für fast alle Amateurfußballspiele in Deutschland.“ Zur Finanzierung seien die Verbände angehalten, „eigene Einnahmequellen zu erschließen. Hierzu muss verhindert werden, dass Leistungen der Verbände von Dritten ausgenutzt werden.“

Der Bayerische Fußball-Verband hat sein eigenes Internetfernsehen (www.bfv-tv). In den bisherigen zwei Instanzen vor dem Oberlandesgericht Stuttgart hat der WFV mit seinen Unterlassungsklagen Recht bekommen. Fritsch kennt die Argumentation der Gegenseite, er hält das Vorgehen aber für „kulturell unsinnig und ökonomisch falsch“, denn: „Für jede Sportart ist es von Vorteil, wenn über sie berichtet wird.“ Mit den Hartplatzhelden biete er nichts anderes „als die regionale Tageszeitung – die macht damit Geld, dass sie über Amateurfußball berichtet.“ Geld, das Stichwort. Für Koch sind Fritsch und dessen Mitstreiter Profiteure, der DFB-Funktionär spricht von „gewinnorientierten Anbietern“. Er empört sich: „Das ist eine GmbH, die auch Merchandising-Artikel anbietet.“ Die verbandseigenen Internet-Portale seien nicht auf Gewinn aus: Wenn man eines Tages welchen mache, verspricht Dr. Koch, sollen 90 Prozent an die Klubs gehen.

Gewinne? Bei den Hartplatzhelden soll es dazu nicht gekommen sein. „Unsere Vorstellung war, dass wir vielleicht mal eine kleine Redaktion mit drei Leuten finanzieren könnten“, doch trotz reger Beteiligung (monatlich treffen bis zu 200 Videos ein, gibt es 500 000 Seitenaufrufe) habe man auch wegen des Prozesses bislang draufgezahlt, sagt Fritsch. Jede Seite wirft der anderen falsche Darstellung vor. „Die Hartplatzhelden“, grummelt Koch, „haben es in genialer Art geschafft, sich zum Vertreter der Vereine zu machen – eine Totalverdrehung der Situation. Dagegen sagt Fritsch: „Und ich fühle mich hingestellt, als würde ich im Maybach vorfahren.“

Wie geht es weiter? Die Hartplatzhelden GmbH bittet um Spenden. Man will die Sache beim Bundesgerichtshof durchziehen, doch dieser Prozess kostet 30 000 Euro. Fritsch hat nur noch ein paar Tage Zeit, um mit einem höheren Urteilsspruch zu verhindern, dass weitere der 21 Landesverbände des DFB sofort nachziehen werden mit Unterlassungsforderungen. Sollten die Hartplatzhelden keine Revision einlegen, „dann wäre es vorbei“.

Von Günter Klein

Quelle: Merkur.de

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