Der Ex-Trainer des SC Gaißach im Interview

Stefan Simon: „Ein Neuanfang ist immer scheiße“

Stefan Simon wird aus beruflichen Gründen nicht mehr an der Seitenlinie des SC Gaißach stehen.
+
Stefan Simon wird aus beruflichen Gründen nicht mehr an der Seitenlinie des SC Gaißach stehen.

Stefan Simon war in der laufenden Spiel schon der dritte Coach an der Seitenlinie des SC Gaißach. Jetzt wird auch er abgelöst.

Gaißach – Für den gesamten Sport geht ein turbulentes Jahr zu Ende, die Amateurfußballer mussten wegen des zweiten Lockdown bereits einige Wochen vor der eigentlichen Winterpause den Ball ruhen lassen. Äußerst bewegt war das Jahr erst recht für den SC Gaißach. Drei Trainer haben versucht, den einstigen Bezirksoberligisten und jetzigen Kreisklassisten auf Kurs zu bringen. Helmut Schenk war vor seinem Aus zehn Spieltage verantwortlich. Danach übernahm für ein paar Begegnungen interimsweise Kapitän Georg Simon, der wegen einer Kreuzbandverletzung nicht spielen konnte, und seit vergangenem Oktober Stefan Simon (37). Doch auch dem langjährigen SCG-Kapitän und ehemalige Spielmacher ist es nicht gelungen, das Team aus dem Tabellenkeller herauszuführen. In der Winterpause macht er nun Platz für den neuen Mann an der Seitenlinie: Thomas Gärner (wir berichteten). Zum Abschied äußert sich der scheidende Trainer zu Defiziten und Chancen seines Clubs und seine eigenen Zukunftspläne.

Herr Simon, dass Sie Ihr Handwerk verstehen, ist hinlänglich bekannt, schon alleine wegen Ihrer Vergangenheit als Nachwuchstrainer beim FC Bayern. Aber lediglich fünf Punkte in sieben Punktspielen sind eine magere Ausbeute. Woran lag’s?

Ja, das war tatsächlich mager, und ein Sieg war auch nicht dabei. Die zwei Spiele im vergangenen November zähle ich eigentlich nicht so richtig dazu. Da haben wir gegen Rot-Weiß und TuS II verloren. Als Abstiegskandidat muss man gegen solch Hochkaräter nicht zwingend punkten. Aber man muss auch bedenken, dass nach der Corona-Pause sechs, sieben Spielern gefehlt haben, die von vornherein eine gewisse Qualität mitgebracht haben. Thomas Pföderl, Adrian Happach, Laines Gladow, Benni Norrenberg, Ernst Größwang, Hannes Schlosser – die waren dann alle nicht mehr dabei. Diese Leistungsträger musste ich teils mit Nachwuchsspielern ersetzen, teils mit Spielern aus der Reserve.

Dabei hatte es doch in einigen Testspielen verheißungsvolle Ansätze gegeben. Ich denke da an die beiden Siege gegen Antdorf und Ascholding gleich nach der Winterpause, oder die torreichen Spiele gegen Warngau und Feldkirchen nach dem Re-Start im August …

Das hat uns viel Auftrieb gegeben. Vor allem in der Vorbereitung nach der Winterpause habe ich Willen und Biss in der Mannschaft gespürt. Wir waren superstabil und hatten spielerisch sehr gute Ansätze. Wenn ich mir unser letztes Vorbereitungsspiel in Penzberg vergegenwärtige, eine Top-Mannschaft aus der Kreisklasse 3, das haben wir zwar 2:3 verloren, aber das Spiel war total offen. Zum Schluss waren wir sogar die bessere Mannschaft.

Was kann man denn einer Mannschaft überhaupt beibringen, die man mitten in der Saison, quasi im Kaltstart übernimmt?

Das war für mich die Problematik. Man hat kaum Zeit, etwas Neues einzustudieren. Das habe ich auch im Verein klar kommuniziert und die Erwartungshaltung entsprechend gedämpft. Im Grunde war das ein kompletter Neuanfang und Neuaufbau. Drum bin ich bei den Basics geblieben. Aber wir haben das gut hingekriegt.

Und dann kam der erste Corona-Lockdown …

Das hat an den Spielern total gezehrt, und auch an mir. Es ist für junge Spieler sehr schwer, neue Spielzüge und neue Taktikelemente zu verinnerlichen, wenn die Situation allgemein so undurchsichtig ist. Du kannst die Spannung in zehn Wochen Vorbereitung nicht auf dem höchsten Level halten.

Der Re-Start im September ist dann auch prompt schiefgegangen.

Das war ohnehin eine vertrackte Situation. Erst hast du drei oder vier Punktspiele, auf die die Burschen hintrainieren sollen. Und dann kommt noch der Ligapokal vor der Winterpause. Diese Mischung ist eher schief gegangen von Verbandsseite.

Sie haben es bereits erwähnt: Die halbe Mannschaft hat aufgehört, vor allem Leistungsträger. Vielleicht muss man eine Liga tiefer gehen, um dann mit einer jungen, eingespielten Mannschaft durchzustarten …

Nein, ein Neuanfang in einer Liga drunter ist immer scheiße. Man sieht an Rot-Weiß oder Wackersberg, wie schwer es ist, nach einem Abstieg wieder hoch zu kommen. Und ganz ehrlich: Um die Kreisklasse zu halten, brauchst du nicht die spielerische Mega-Mannschaft. Die Qualität für die Kreisklasse kriegst du mit einer stabilen Truppe, mit der du konstant arbeitest, auch hin. Abgesehen von Sauerlach, die spielerisch überragend besetzt sind, ist der Rest vom spielerischen Niveau überschaubar.

Sie haben die Burschen in Summe acht Monate unter Ihren Fittichen gehabt - wenn man die Winterpause weglässt. Welches Potenzial sehen Sie in der Mannschaft?

Das ist immer noch schwer einzuschätzen. Etliche Spieler sind in den vergangenen Jahren nicht bei der Ersten mitgenommen worden. Die Trainer haben in den vergangenen Jahren nur mit 13, 14 Leuten gearbeitet. Das merkt man total, denn das Spieltempo in der Kreisklasse im Vergleich zur B-Klasse ist doch deutlich höher.

Wer sind denn die Rohdiamanten und Hoffnungsträger einer künftigen Gaißacher Mannschaft?

In den vergangenen eineinhalb Jahren habe ich unsere A-Jugend trainiert und gesehen, dass einige eine tolle Entwicklung hatten. Zum Beispiel die beiden Sedlmaiers. Basti hat in den letzten vier Spielen vier Tore geschossen und Florian bringt Dynamik, Tempo und Lernbereitschaft mit. Thomas Lugmair ist spielintelligent, sucht aber noch seine Position. Er muss sein Talent auch noch richtig zeigen. In der A-Jugend sind etliche dabei, die ich hoch einschätze. Die haben teilweise schon in der Ersten mittrainiert, aber denen muss man noch etwas Zeit geben.

Mit Thomas Gärner übernimmt ein renommierter Trainer das Team nach der Winterpause. Was trauen Sie Ihrem Nachfolger zu?

Ich habe Thomas Gärner ein paar Mal bei Trainerfortbildungen getroffen, sonst kenne ich ihn nicht. Drum will ich mir auch kein Urteil erlauben. Er kommt sehr sympathisch rüber und er hat gute Stationen als Trainer gehabt. Drum glaube ich, dass da ein sehr guter, kompetenter Mann kommt.

Er übernimmt nach der Winterpause eine schwere Bürde, wenn man sich die letzten Ergebnisse anschaut. Das 1:1 gegen Schlusslicht Wörnsmühl hat nicht gerade Optimismus versprüht. Vier Punkte fehlen auf einen Relegationsplatz. Ist der Abstieg noch abzuwenden?

Vier Punkte sind nicht viel, aber man braucht natürlich eine gute Restsaison. In den verbleibenden acht Spielen muss jeder durchreißen. Unser Vorteil, mit Rot-Weiß ist nur noch eine Top-Mannschaft dabei, der Rest ist durchaus machbar. BCF II, SV Tölz und Weyarn sind unmittelbar vor uns. Für die Mannschaft ist es auf jeden Fall wichtig, zu wissen, dass der neue Trainer zwei, drei Jahre da bleibt. Vielleicht ist das das nötige „Hallo wach!“.

Sie sind seit Anfang des Jahres verheiratet und mittlerweile auch Geschäftsführer und Mechatronik-Meister des familieneigenen Betriebs „Simon Kältetechnik“ und voll eingespannt. Wird man Sie irgendwann mal wieder als Trainer an einem Fußballplatz sehen?

Trainer in Gaißach, das hat sich vorerst erledigt. Die A-Jugend hat inzwischen Hans Müller übernommen. Ich würde bei einem künftigen Engagement gerne wieder Richtung Jugend gehen, vielleicht mit einer höherklassigen A-Jugend. Mal schauen, was sich bis zum kommenden Sommer privat, beruflich und sportlich ergibt.

Quelle: Merkur.de

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare