Fürth ist Hachings Vorbild

Schwabl: „Präsident – das Wort ist mir peinlich“

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„Wir sollten uns auf unsere Wurzeln als oberbayerischer Verein zum Anfassen besinnen“: Manfred Schwabl.

Unterhaching – Heute um 18.30 Uhr steht bei der SpVgg Unterhaching der Start in eine neue Ära an: Engelbert Kupka, seit 1973 Präsident des Drittligisten und damit dienstältester Klubvorstand im deutschen Profifußball, tritt ab.

Manfred Schwabl, 46, stellt sich als Nachfolger zur Wahl. Wir trafen uns mit dem bisherigen Sportlichen Leiter im Biergarten des Sportparks.

Herr Schwabl, es heißt, Sie hätten die letzten fünf Wochen im Sportpark geschlafen, so viel hätten Sie gearbeitet – wo ist denn hier Ihr Nachtlager?

So extrem war es auch nicht. Wir sind ja immer noch nur in Anführungsstrichen ein Drittligist, das ist hier nicht Champions League. Aber die Tage waren schon recht lang, es gab viel zu tun. Erst die Frage: Kriegen wir die Lizenz ja oder nein? Und dann: Kriegen wir überhaupt ein Team zusammen ja oder nein? Wir konnten uns keine Zeit lassen, das waren ja alles Punkte, die du schnell lösen musstest. Also, es gab schon Zeiten, da hab’ ich sicher mehr geschlafen.

Wenn Ihnen jemand mal gesagt hätte, Sie würden mal Haching-Präsident – was hätten Sie gesagt?

Es war nie mein Plan. Vor 15 Jahren habe ich meine Karriere beendet, danach, so ehrlich muss ich ja sein, habe ich fast 15 Jahre Krisenmanagement in eigener Sache durchmachen müssen. Dadurch, dass mein Sohn Markus bei Haching spielt, bin ich zum Verein gekommen. Erst war ich in der Jugend engagiert, dann Sportlicher Leiter, ich habe jetzt einen Gesamtüberblick, von der G-Jugend bis zu den Finanzen bei den Profis. Und irgendwann sagte Herr Kupka zu mir: „Warum machst du eigentlich nicht Präsident?“

Was sagten Sie dann?

Schwabl: "Sätze wie „In zwei Jahren sind wir in der Zweiten Liga!“ sind mit mir nicht zu machen."

Erst mal gar nichts. Zunächst war aber wichtig, dass das Ganze keine feindliche Übernahme wird. Das hätte ich nie gemacht, das macht keinen Sinn, da gäbe es zu viele Reibungsverluste. Es ist einfach reizvoll, auf einer soliden Basis etwas auf die Beine zu stellen. Ich glaube, dass nicht viele Drittligisten so ein Luxusproblem haben, zwar kaum Geld für Einkäufe, aber auch kaum Schulden zu haben. Zumal wir mit der Gemeinde Unterhaching einen Partner für unsere Sportanlagen haben, die in einem absoluten Topzustand und ein Aushängeschild für den Verein sind. Du kannst etwas neu strukturieren, etwas, was die nächsten 10, 15 Jahre Substanz hat. Unser Ziel ist ein kleines Wirtschaftsunternehmen zu werden mit den Attributen Emotion/Fußball und Familiär/ Haching. Schauen Sie, wir sitzen hier im Biergarten, der direkt am Stadion ist – das sucht seinesgleichen, das hat einfach was. Und wenn man hier solide wirtschaftet, kann hier wieder was entstehen.

Bessere Zeiten haben in der Vergangenheit hier viele propagiert – warum wird es jetzt klappen?

Der Ist-Zustand ist grundsolide. Aber Sätze wie „In zwei Jahren sind wir in der Zweiten Liga!“ sind mit mir nicht zu machen. Eine Garantie hast du nie. Aber ich denke, es ist möglich, jetzt langfristig ein Konzept umzusetzen mit dem Schwerpunkt, Talente der Region zu fördern. Das war ja die letzten Jahre nicht drin, weil es von einer Schieflage in die nächste ging. Fakt ist auch: In der Dritten Liga solide zu wirtschaften, ist sauschwer. Und das hat das alte Präsidium nach bestem Wissen und Gewissen geschafft. Das darf man nicht vergessen. Allein, wie oft Toni Schrobenhauser den Verein mit seinem Geld gerettet hat . . . 

. . . was ja keine Dauerlösung sein kann.

Natürlich nicht. Da ist fast so eine Art Mäzenatentum entstanden. Wir müssen es schaffen, mit einem soliden Nachwuchskonzept attraktiv zu sein, so attraktiv, dass Sponsoren sagen: „Ja, diesen Weg gehe ich mit, weil er auch meiner Marke gut tut!“ -

Welches Image soll die SpVgg unter Ihnen haben?

Wie es vor zehn Jahren schon mal war. Man muss das Rad hier nicht neu erfinden. Die Attribute hier lauten: solide, grundehrlich, am Anfang sicher auch ein bisschen Demut. Wir haben einen Etat von einer guten Million Euro, da brauchst du keine großen Parolen raushauen. Aber mit diesem Image des familiären Fußballbetriebs, in dem eine gute Ausbildung viel wert ist, kann man gerade in Oberbayern, wo es von guten Talenten nur so wimmelt, eine interessante Marke sein. Wir holen keine Spieler von irgendwo, von weit weg – wir haben vor der Haustür doch genügend.

In welchem Stil werden Sie denn das Amt des Präsidenten ausfüllen?

Das Wort Präsident vergessen wir ab Freitag am besten wieder. Mir ist dieses Wort peinlich, ehrlich. Ich bin kein Präsident – ich muss etwas bewegen. Das geht nur in einem Team. Die Zeiten von Alleingängen oder hierarchischen Methoden sind vorbei. Ich habe sogar die Satzung prüfen lassen, weil ich mich eher als ein Präsidiumssprecher sehe. Aber die Satzung ist rigoros: es muss Präsident heißen, dazu mindestens zwei, eigentlich drei Vizepräsidenten. Also, in Dreiteufelsnamen, bin ich halt Präsident. Aber ich werde mir weiter auch die U 11 anschauen. Ein Beispiel: Dienstag hatten wir in Warngau ein Testspiel. Danach gab es für unsere Jungs in der Gaststätte da noch Spaghetti. Ich habe mir die Wirtin geschnappt und sie gefragt, wie sich unsere Burschen so verhalten haben. Sie hat total geschwärmt. Das ist mir genauso wichtig wie ein gutes Spiel. Und wenn da einer ausschert, bekommt er es mit mir zu tun.

Ihr Vorbild soll Greuther Fürth sein. Warum?

Weil sie nicht den zweiten vor dem ersten Schritt gemacht haben. Sie haben erst ihr Fundament gestärkt, haben meiner Meinung nach nie mehr ausgegeben als eingenommen und nie gejammert: Denen wurde immer der Beste weggekauft, aber sie haben das immer so gesehen: Dann ist Platz für einen Aufrücker. Sie waren immer vorbereitet.

Ihr Team hinter den Kulissen steht ebenfalls – und Rainer Beck, den man von 1860 kennt, soll auch eine Rolle spielen. Welche?

Ich verdamme keinen jungen Spieler, weil er früher Fehler gemacht hat. Wir sind alle nur Menschen.

Ich denke, dass er uns weiterhelfen kann. Nicht wegen seines Vermögens, sondern weil er Know-how hat. Er hat das Eishockeyteam von Landshut auf dem Tiefpunkt übernommen und da was auf die Beine gestellt. Er hat Netzwerk, er hat bayerische Wurzeln, er hat den Wahlausschuss überzeugt, er passt wie die Faust aufs Auge und tritt neben Peter Wagstyl als zweiter Vize an. Der Steuerberater Robert Perchtold wird sich um die Finanzen kümmern, er wird quasi unser Karl Hopfner. Der soll emotionslos an die Zahlen rangehen und uns sagen, wenn wir mal plötzlich zum Träumen anfangen. Einen Platz im Präsidium will ich dann noch eine Weile freilassen. Für Erich Lejeune.

Was versprechen Sie sich von dieser Personalie?

Er ist mit seinen Ideen, Netzwerken und seiner Dynamik die ideale Kombination zu Beck, der eher der ruhige Typ ist. Und Lejeune steht für das alte Haching – ebenso wie Markus Oberleitner, der in die Talentförderung integriert wird. Lejeune will uns erst mal beratend zur Seite stehen und hat sich auf die Fahne geschrieben, einen Hauptsponsor aufzutreiben. Er sagt, er hilft, weil er diese Entwicklung in Haching toll findet.

In der Vergangenheit hat der Klub auf der Suche nach Partnern Wege ausgelotet, die die Basis verprellt haben. Passiert das unter Ihnen nicht mehr?

Es ist immer schwierig: Wenn du in Not bist, hörst du dir die abwegigsten Sachen an. Nur: rausgekommen ist Nullkommanull. Das ist Fakt. Ich denke, wir sollten uns auf die Stärken der Marke Haching besinnen. Und auf die Wurzeln als oberbayerischer Verein zum Anfassen. Wissen Sie was? Ich sitze jetzt im Trainingslager mit Spielern wie einem Marius Willsch und Daniel Hofstetter auf der Hütt’n beim Schafkopf. Das ist doch riesig, da leuchten doch bei jedem Fußballfan aus Oberbayern die Augen!

Stichwort Schafkopf – Sie spielen auch ab und an mit Uli Hoeneß. Haben Sie sich einen Tipp von ihm geholt, so quasi von Präsident zu Präsident in spe?

Bisher nicht. Ehrlich, nach dem Champions-League-Finale habe ich schon eine gewisse Schamfrist. Aber ich werde ihn jetzt anrufen und ihn fragen, ob ich seinen Segen habe. Es ist ja klar, dass er mein Vorbild ist. Uns beide trennen Welten, das ist klar, aber wie er sportliche, wirtschaftliche und menschliche Kompetenz vereinigt, ist einfach aller Ehren wert. Und er ist ja auch nicht so ein Präsident, der gemacht ist für ein Leben im Anzug. Uli ist einer, der packt an, der schiebt an, der krempelt die Ärmel hoch. Da sind wir uns recht ähnlich. Und was mir an ihm so imponiert, ist, wie er das Soziale verkörpert. Sollte ich mal in einer Sackgasse sein, weiß ich, ich kann ihn anrufen.

Viele prophezeien der SpVgg Unterhaching den Abstieg, weil das Personal zwar jung, aber eben auch unerfahren ist. Was sagen Sie über Ihren Kader?

Also, zwischendurch habe ich den Überblick verloren: Es war ja ein laufendes Kommen und Gehen. Irgendwann haben die Trainer und ich mal gesagt: Jetzt schreiben wir alle unsere Spieler auf eine Tafel. Dann haben wir uns die Liste angeschaut und uns gedacht: Hoppla, das ist gar nicht so schlecht. Ich denke, wir werden sportlich nicht zwingend Probleme bekommen. Es wird schwer, aber mit diesem Team ist alles drin.

Wie sieht es aus mit dem Probanden Savio Nsereko, der einst mal elf Millionen Euro wert war, nach zahlreichen Eskapaden aber nun bei Ihnen einen letzten Anlauf versucht?

Er ist noch in der Probephase, menschlich wie sportlich. Manuel Fischer, der zweite auf Probe, hat jetzt einen Zweijahresvertrag plus Option unterschrieben. Einen wie Savio musst du justieren, das kann nur das Team, ich kann da nicht ständig danebenstehen. Ich habe der Mannschaft gesagt: „Wenn ihr den hinbringt, nehmen wir ihn!“ Körperlich muss er an sich arbeiten, aber du siehst ihm schon an, dass er mal elf Millionen wert war. Was können wir da verlieren? Er bekommt alle Zeit. Wenn er geil auf Fußball ist, ist er eine Bombe. Er weiß ja, dass das seine letzte Chance ist. Aber ob er menschlich passt, ist die Frage. Da liegt der Ball bei der Mannschaft. Ich sage nur: Ich verdamme keinen jungen Spieler, weil er früher Fehler gemacht hat. Wir sind alle nur Menschen.

Interview: Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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