Sportpsychologie - Iris Zacher im Interview: Mentale Stärke im Sport

Ein Ritual wie Ronaldo beim Freistoß - das sollte jeder Amateurkicker machen!

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Die „Show“ von Cristiano Ronaldo vor jedem Freistoß kennt jeder. Wie ihr einen Freistoß wie Ronaldo schießen könnt verrät uns Iris Zacher in einem Interview. 

Mentale Stärke in den entscheidenden Situationen. Wie schießt jeder Amateur einen Freistoß wie Ronaldo? Iris Zacher, Expertin der Sportpsychologie über Rituale im Sport und scheinbar unlösbare Aufgaben.

Am vergangenen Wochenende konnte der TSV Ebersberg einen 0:3-Halbzeitrückstand gegen den Tabellenletzten TSV Reischach noch drehen und gewann am Ende mit 4:3 - und das trotz eines verschossenen Elfmeters in der 83. Minute.

Wir haben Sportpsychologin Iris Zacher gefragt, was in den Köpfen von Sportlern in solchen Spielen vor sich geht. Sie verrät uns auch, wie jeder Sportler solche Extremsituationen trainieren kann.

Wie konnte der TSV Ebersberg nach der Pause solche Kräfte mobilisieren? 

Menschen reagieren auf aussichtslose Situationen unterschiedlich. Wenn die Spieler sich aufgegeben haben, kassieren sie in der zweiten Halbzeit noch drei Tore. Schafft es ein Trainer jedoch, dass die Mannschaft an sich glaubt, beflügelt sie die Aussicht, etwas Unmögliches schaffen zu können.

Wie kann es ein Trainer schaffen, dass sich ein Team nach einem 0:3-Rückstand zur Pause nicht aufgibt?

Wichtig ist, dass der Trainer bereits vor der Halbzeit die richtigen Zeichen sendet. Wenn er sich wegdreht, hinsetzt oder wütend eine Flasche wegtritt, dann gibt die Mannschaft auf. Er vermittelt ihnen von außen nicht das Gefühl von Unterstützung. Wenn er jedoch von der Außenlinie dem Team versucht weiter klar zu machen, dass das Spiel noch nicht gelaufen ist, versuchen die Spieler weiterhin Fußball zu spielen.

Worauf kommt es bei der Halbzeit-Ansprache an?

Manche Spieler lassen die Köpfe hängen und resignieren. Andere versuchen sich und die Mitspieler zu motivieren. Wichtig ist dann vor allem was in der Kabine passiert, nachdem die Spieler sich kurz sammeln konnten. Der Trainer sollte die Spieler weg von den Gedanken bekommen, dass sie 0:3 hinten liegen. Sie müssen wieder bei 0:0 starten und einfach nur Fußball spielen. Die Angst noch mehr zu versagen, kann einige Spieler hemmen. Der Trainer muss den Spielern klar machen, dass er an sie glaubt. Wichtig ist, dass die Spieler ihm seine Aussagen glauben. 

Trainer Heiko Baumgärtner hat seiner Mannschaft in der Pause die Marschroute vorgegeben, noch vier Tore zu schießen. Ist das die richtige Herangehensweise?

Das ist riskant. Der Trainer darf die Spieler nicht vor eine unlösbare Aufgabe stellen, indem er sagt: Ihr dürft auf keinen Fall verlieren. Ihr müsst noch vier Tore schießen. Er muss es schaffen, dass sie daran glauben, dass sie noch vier Tore schießen und das Spiel drehen können. Wenn die Spieler mit diesem Gefühl zurück auf den Platz gehen, schöpfen sie daraus unglaubliche Motivation. Dafür muss der Trainer die Spieler aber extrem gut kennen. Sonst kann das auch nach hinten losgehen.

Zur Gegenseite: Wie vermeidet ein Trainer, dass man nach 3:0-Pausenstand noch verliert?

Jeder kennt Sprüche wie „Man darf nicht nachlässig werden!“ und „Das Spiel ist erst vorbei, wenn der Schiri abpfeift.“ So etwas ändert bei den Spielern nicht viel. Das denken sie sich auch selbst. Der Trainer muss es aber trotzdem schaffen zu den Spielern durchzudringen. Beispielsweise durch individuelle Anweisungen wie: „In dem Duell auf der rechten Seite musst du auch weiterhin aufpassen, dass er dir nicht entwischt.“ Eine weitere Möglichkeit ist die positive Verstärkung. Gelungene Aktionen werden nochmal hervorgehoben und gelobt. Der Spieler wird dadurch motiviert auch weiterhin so zu spielen.

Wie muss eine Mannschaft nach dem ersten Gegentreffer oder dem Anschlusstreffer reagieren?

Wichtig ist, dass die Mannschaft nach dem 1:3 reagiert. Sprüche wie „Ruhig bleiben! Es ist noch nichts passiert!“ sind überflüssig. Die Mannschaft muss realisieren, dass etwas passiert ist und unbedingt verhindern, dass nochmal ein Tor fällt. Beim 2:3 kippt dann die Partie und die Gegner bekommen Oberwasser. Die aufholende Mannschaft spielt sich in den sogenannten FLOW. Das andere Team hingegen kommt immer weiter in eine Abwärtsspirale. Der Ausgleich ist nur noch eine Frage der Zeit.

Warum verschießt ein erfahrener Spieler wie Georg Münch den entscheidenden Elfer?

Der Druck ist enorm. Jeder erwartet, dass er trifft. Zusätzlich sieht der Schütze nicht die Möglichkeit, den Ausgleich zu erzielen. Vielmehr sieht er die Gefahr, den Elfmeter zu verschießen und sein Team und die Zuschauer zu enttäuschen. Ein möglicher Verlust wiegt immer schwerer als ein gleich großer Gewinn. 

Diese Situationen zu trainieren, ist relativ einfach. Der Spieler braucht ein Ritual. So wie es Ronaldo bei seinen Freistößen macht. Was von außen wie eine lächerliche Show aussieht, ist in Wirklichkeit dazu da, die Umgebung auszuschalten. Der Spielstand, die Spielminute, die Gegen- und Mitspieler und alle Fans sind ihm in diesem Moment egal. Was zählt, ist das hier und jetzt. Der Spieler muss sich nur auf sich konzentrieren.

Wie kann denn so ein Ritual konkret aussehen?

Beispielsweise den Ball aufheben, einmal abwischen und dreimal drehen, den Ball wieder hinlegen. Dann vier Schritte zurückgehen und sich breitbeinig hinstellen. Kurz warten, dann abschließen.

Aber das muss sich jeder selbst überlegen. Wichtig ist nur, dass der Sportler immer das Gleiche macht.


Interview: Eric Nestler

Quelle: Merkur.de

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