Trainer Baumgärtner hatte „You‘ll Never Walk Alone“ vor Halbzeitansprache im Kopf

TSV Ebersberg: 4:3-Sensationssieg nach 0:3 Pausenrückstand

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Am Ende konnte er doch Jubeln: Heiko Baumgärtner musste an das Champions-League-Finale zwischen Liverpool und Milan denken, als die „Reds“ zur Pause mit 0:3 zurück lagen. „Ich bin volles Risiko gegangen“, sagt der Trainer.

Die Lage war hoffnungslos: 0:3 lag der TSV Ebersberg gegen den Tabellenletzten zur Pause zurück. Die Spieler glaubten nicht mehr an sich, schrien sich an. Die Kabinen-Ansprache änderte alles. Ebersberg spielte sich in einen Rausch, der zeigt, zu was Sportler fähig sind.

Zehn verschwitzte Männerkörper lagen bereits über Simon Eglseder, als Heiko Baumgärtner abhob und ganz oben auf dem jubelnden Pulk landete. „Keine Ahnung, wen ich am Ende alles unter meinen drei Zentnern begraben habe“, lacht der Trainer des TSV Ebersberg. Ein Moment der „kompletten Ekstase“ für Siegtorschütze Simon Eglseder: „Die Sekunde, als der Ball unter der Latte eingeschlagen ist, kam mir vor wie zehn Minuten. Ich wurde umgerannt, von 15 erwachsenen Männern begraben und habe mir nur gedacht: Krass! Passiert das gerade wirklich?“ Der TSV Ebersberg erlebte am Wochenende ein Spiel für die Geschichtsbücher des Vereins. 0:3 lag das Team von Heiko Baumgärtner zur Pause beim Tabellenletzten TSV Reischach zurück. Wie konnte die Mannschaft in einer ausweglosen Situation derart neue Kraft schöpfen?

Die Halbzeitpause

Georg Münch trat gegen alles, was ihm in der Kabine im Weg stand. Die Wut musste raus. Am schlimmsten hat es die Toilettentür erwischt. Münch hat sich mit seinen Stollen darin verewigt. „Ich dachte, ich lebe in der falschen Welt. Drei Gegentore vom Tabellenletzten in der ersten Halbzeit. Das konnte alles nicht wahr sein“, sagt Münch. Hoffnung gab es zu diesem Zeitpunkt keine mehr. Simon Eglseder trägt seit Jahren das Trikot des TSV Ebersberg. Einen vergleichbaren Moment hat er noch nicht erlebt: „Das war unser größter Tiefpunkt. Es ist sogar persönlich geworden. Wir haben uns auf dem Platz angekeift.“ Beim Gang in die Kabine glaubte kein Spieler des TSV Ebersberg mehr an ein positives Ende.

Die Ansprache

Heiko Baumgärtner wusste genau, was er als erstes tun musste, als er die Kabine betrat: „Ich habe in die Gesichter meiner Spieler geschaut und mich bei jedem einzelnen gefragt: Was siehst du noch?“ Er musste an das Champions-League-Finale 2005 zwischen Liverpool und AC Milan denken, als die „Reds“ zur Pause mit 0:3 zurücklagen und in sechs Minuten das Spiel auf den Kopf stellten. „Kein Witz! In meinem Kopf lief ’You’ll never walk alone’, bevor ich mit meiner Rede begonnen habe“, verrät Baumgärtner.

Der Trainer wählte für seine Ansprache die Variante guter Bulle, böser Bulle. „Es bringt nichts, 15 Minuten auf die Spieler einzuprügeln, wenn sie bereits am Boden liegen. Ich bin laut geworden, um die Spieler wachzurütteln. Ich wollte ihnen aber vor allem Mut machen.“ Baumgärtner stellte sein Team vor eine schier unlösbare Aufgabe. Er forderte keinen Punkt. Er wollte gewinnen. „Ich bin volles Risiko gegangen, weil ich nach meiner Rede ein brutales Feuer in den Augen gesehen habe.“ Baumgärtner schickte seine Spieler mit folgenden Worten aufs Feld: „Ein 3:3 ist mir zu wenig. Ich will von euch vier Tore.“

Der Anschlusstreffer

„Wegen diesen Momenten spiele ich Fußball. Diese Partie war brutal. Die Auswirkungen spüre ich heute noch, weil meine Stimme immer noch nicht komplett zurück ist“, sagt Christoph Ametsbichler. Der Abwehrspieler legte in der 54. Minute den Grundstein für das Wunder von Ebersberg. „Einmal im Jahr fällt mir ein Ball auf den Kopf und ist drin“, sagt Ametsbichler. Als Maximilian Volk in der 75. Minute das 2:3 per Freistoß erzielte, suchte Ametsbichler laufend das Gespräch mit dem Schiri: „Ich hab ihm gesagt, dass er unter fünf Minuten Nachspielzeit nicht abpfeifen braucht. Der Schiri hat mir versprochen: Wenn es 4:3 für uns steht, pfeift er sofort ab.“

Der Genickschlag

Georg Münch hat nichts mehr gefühlt: „Ich war komplett weggetreten. Ich dachte mir: Das war es jetzt. Das zieht das ganze Team runter.“ Er wollte Verantwortung übernehmen und trat als Gefoulter beim Stand von 2:3 in der 83. Minute den Elfmeter. Zuvor hatte er bereits einen Ball an die Latte gedroschen. „Jeder hat gesehen, dass er von dort hinter die Linie gesprungen ist. Nur der Schiri nicht“, sagt Münch. An die Minuten nach dem Strafstoß kann sich Münch nur noch dunkel erinnern. „Ich bin in ein Loch gefallen. Aber der Köster Flo kam immer wieder zu mir und hat gesagt: Mach weiter, Georg. Kopf hoch. Das zeichnet diese Mannschaft aus.“

Der Ausgleich

Touray Bakary erlebte die erste Halbzeit von der Bank aus. Er war einer der Schlüsselspieler, der die Mannschaft aus der Lethargie riss. Beim 3:3 in der 89. Minute war auch Georg Münch mit seinen Gedanken wieder voll da: „Ich liebe guten Fußball. Der Ausgleich war einfach nur geil. Die Flanke war unglaublich schwer zu nehmen. Touray ist nicht der Größte. Aber in diesem Moment war es, als hätte Lewandowski in der Bezirksliga per Kopf getroffen.“ Er jubelte kurz, dann musste Bakary sofort wieder an die Worte seines Trainers denken: „Ein 3:3 ist zu wenig. Ich will von euch vier Tore.“ Er lieferte sich ein Duell mit dem Gästekeeper. „Das war ein Ringkampf um den Ball. Ich wollte damit so schnell wie möglich zum Anstoßkreis“, sagt Bakary.

Das Wunder

Es gibt sie noch: Typen, die Sprüche raushauen, wie einst Oliver Kahn. So wie Siegtorschütze Eglseder: „Das Spiel war der Wahnsinn. Da sieht jeder, wozu eine Mannschaft fähig ist, wenn jeder bereit ist, selbst in der schwersten Situation seine Eier in die Hand zu nehmen.“ Als der Ball in der 94. Minute nach einem Freistoß vor seinen Füßen landete, dachte Eglseder: „Den hau ich über den Zaun.“ Stattdessen traf er direkt unter die Latte. Es war der Moment, als Heiko Baumgärtner von der Trainerbank aus zum Sprint ansetzte und abhob.

Quelle: Merkur.de

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