Die Vereine aus Dachau sind teilweise doppelt betroffen 

Statt konsequentem Abbruch-Paragraf: Warum nicht eine Quotientenregel 2.0?

Von einer Quotientenregelung mit Toleranzbereich würden auch der ASV Dachau und der TSV Karlsfeld profitieren.
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Von einer Quotientenregelung mit Toleranzbereich würden auch der ASV Dachau und der TSV Karlsfeld profitieren. hae

Die Amateurvereine in den Landkreisen wissen immer noch nicht, wie die Saison zu Ende „gespielt“ wird. Eine Korridor-Lösung würde einige Fußballklubs glücklich machen. 

Dachau – Der Amateurfußball steht still, diese Ruhe könnte aber bald beendet sein. Mit einem Knall. Und einem Aufstand der Vereine. Klubs wie die Landesligisten TSV Eintracht Karlsfeld und ASV Dachau sowie der Bezirksligist SV Sulzemoos tappen seit Monaten im Dunkeln. Sie können nicht planen, da sie noch wissen, in welcher Liga sie in der nächsten Saison antreten werden.

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) zögert, hat aber im Fall eines Saisonabbruchs den § 93 seiner Spielordnung abgeändert. Der wird auch als „Abbruch-Paragraf“ bezeichnet und regelt, wer in diesem Fall auf- und absteigt. Das Zauberwort darin heißt Quotientenregelung. Der Quotient errechnet sich dabei aus der Anzahl der Punkte geteilt durch die Anzahl der absolvierten Spiele.

Doppelt betrogen wegen 0,08 Punkten 

Das stößt bei den betroffenen Vereinen auf wenig Gegenliebe. „Wir würden von Rang eins auf drei abrutschen und nicht aufsteigen“, sagt Karlsfelds Trainer Jochen Jaschke. Der ASV und der SVS würden wegen weniger als einem Zehntelpunkt absteigen.

„Wir haben damals gegen die Weiterführung der Saison gestimmt. Jetzt müssen wir möglicherweise wegen 0,08 Punkten absteigen. Wir fühlen uns doppelt betrogen“, sagt Michael Dietrich, der Abteilungsleiter des ASV Dachau. Beim SVS fehlen sogar nur 0,05 Punkte auf das rettende Ufer.

Viele Konzepte für alternative Regelung 

Nicht nur die drei Vereine aus dem Dachauer Landkreis sind unzufrieden. Betroffene Vereine in Bayern liefern in Eigenarbeit Konzepte für eine alternative Regelung. Sie werden aber nicht gehört vom Verband, der Kampagnen mit Titeln wie „Pro Amateurfußball“ fährt. Der Vorschlag des Verbands ist nach Meinung vieler Betroffener nach schnell hingeklatscht und wenig kreativ, seine Umsetzung wird aber immer konkreter. „Der Planungsstand ist, dass kein Fußball mehr in dieser Saison möglich ist“, sagte BFV-Präsident Dr. Rainer Koch in einem Livestream von BR 24 Sport. Die Saison noch einmal über den Juli hinaus zu verlängern – keine Option für Koch: „Verbandsrecht ist ein großes Thema. Das Ende einer Saison wird bundesweit durch sogenannte allgemeinverbindliche Regelungen des DFB bestimmt.“

Kreative Ansätze zur Umstrukturierung 

Doch es gäbe durchaus kreative Ansätze, wie die Vereine beweisen. Drei Oberfranken zum Beispiel präsentierten dem BFV kürzlich ein aufwändiges Modell zur Umstrukturierung der Landesligen. Und der unterfränkische Landesligist ASV Rimpar richtete sich mit einem Positionspapier direkt an Präsident Koch. Rasch unterzeichneten 50 Mitstreiter den Vorschlag. Die Aktionen zeigen: Die Vereine sind nicht überzeugt von der Regelung des BFV. Sie opfern – unbezahlt – ihre Freizeit, um bessere Lösungen zu finden.

BFV-PräsidentKoch bezeichnet die Quotientenregelung als fair und verweist darauf, dass sie auch in anderen Landesverbänden angewendet wurde. „Wenn es eine andere Möglichkeit gibt, stehe ich dem nicht im Wege. Aber das muss natürlich rechtlich geprüft werden“, so Koch, der vor einer Aufblähung der Ligen warnt: „Wir sind auf jeden Fall gut beraten, uns nicht auf völlig überfüllte Ligen einzulassen. Das würde mit großer Wahrscheinlichkeit schief gehen.“

Doch gäbe es die überhaupt? Und falls ja, hätte der BFV nicht etwas Spielraum in Form einer Ausnahmeregelung in einer Ausnahmesituation, wie es die Pandemie zweifellos ist? Einige Faktoren lässt die BFV-Variante links liegen.

Clever oder unfair?

Zum Beispiel die Schwierigkeit des Restprogramms der Vereine. Oder die Tatsache, dass einige Vereine im vergangenen Herbst nicht mehr gespielt haben. Ampfing zum Beispiel, das ohne die rotgesperrten Spieler geschwächt gewesen wäre. Die Dachauer hingegen verschlechterten ihre Quotienten. Das kann als clever bezeichnet werden, ob es fair ist, steht auf einem anderen Blatt. Sich im Strafraum bei einem leichten Kontakt fallen zu lassen, ist auch clever. Die Sympathien werden einem nicht zufliegen.

Die Dachauer sind enttäuscht. „Wir fühlen uns ungerecht behandelt“, sagt ASV-Abteilungsleiter Dietrich. Dabei gäbe es Möglichkeiten, die Unterschiede zwischen dem ASV Dachau und dem TSV Ampfing zu glätten. Mit ein bisschen Kreativität wären Alternativen zum § 93 möglich – ohne zu aufgeblähte Ligen.

Toleranzbereich um zu volle Ligen zu vermeiden 

Warum nicht einen Toleranzbereich hinter den direkten Aufstiegsplätzen und dem letzten Abstiegsrelegationsplatz einführen? Damit würde der BFV verhindern, dass die Ligen in der kommenden Spielzeit zu voll werden. Und nicht Vereine belohnen, die den Klassenerhalt sportlich nicht verdient hätten. Clubs wie den Türkischen SV Ingolstadt in der Bezirksliga Nord. Die Ingolstädter holten in 23 Partien nur drei Punkte und sind sportlich abgestiegen. Auch der FC Finsing hat bei 14 Zählern Rückstand zum rettenden Ufer keine realistische Chance.

Profitieren würden Vereine wie der SV Sulzemoos. Die Sulzemooser haben einen um 0,05 Zähler schlechteren Quotienten als Palzing. Ein Hauch von Nichts. Würde ein Korridor etwa auf 0,10 Zähler festgelegt werden, wäre Sulzemoos gerettet. Aus der Bezirksliga Nord würden statt drei Teams nur zwei absteigen. Dem Tabellenführer TSV Eching würde dieser 0,10-Punkte-Korridor nicht weiter helfen: Denn bei einem Quotienten-Rückstand von 0,14 auf den FC Schwaig würden die Zebras am Aufstieg vorbeischrammen. Die Größe des Toleranzbereichs könnte jedoch auch 0,20 Zähler umfassen. In diesem Fall hätten die Echinger Glück.

Erheblicher Aufwand für alle Beteiligten 

Für eine endgültige Lösung und Größe des Toleranzbereichs müssten alle Amateurligen betrachtet werden. Ein erheblicher Aufwand. Den investieren viele Vereinsvertreter seit Monaten, um Vorschläge zu erarbeiten – die drei Oberfranken und ihr Landesliga-Modell sind nur ein Beispiel.

Auch in der Landesliga Südost würde es Veränderungen geben: Der ASV Dachau müsste laut BFV-Regelung runter, mit der Korridor-Lösung wäre er gerettet. Also gäbe es mit SchlusslichtWaldkirchen lediglich einen Verein, der in den sauren Apfel beißen müsste.

Ob dieser Vorschlag nur im Keller angewendet wird oder ebenso an der Tabellenspitze, wäre Thema einer weiteren Diskussion.

„Mit Quotientenregel fallen wir von Platz eins auf drei zurück“

In der Landesliga Südost würde nach Paragraf 93 der aktuelle ZweiteVfB Hallbergmoos (Quotient 1,93) den TSV Eintracht Karlsfeld (1,86) von Rang eins verdrängen. Der SV Erlbach (1,88) wäre damit neuer Zweiter. Nach der Korridor-Variante gäbe es drei Aufsteiger. Die Karlsfelder spielen eine Supersaison, das Ende wäre enttäuschend.

„Wir haben gehofft, dass die Saison zu Ende gespielt wird. Deshalb haben wir erst einmal nicht an die Quotientenregelung gedacht. Aber klar, wenn die Saison nach der Quotientenregel gewertet wird, fallen wir von eins auf drei zurück“, sagt Trainer Jaschke. Und weiter: „Wäre nur die Hinrunde in die Wertung eingegangen, wären wir klar aufgestiegen. Und klar, nach einer guten Saison willst du dich eigentlich belohnen. So sind wir die Leidtragenden.“

Die Karlsfelder gehen entspannt mit der Situation um. „Wir hatten den Aufstieg aber nicht geplant, anders als andere Vereinen, die viel investiert haben. Die Bayernliga wäre ein Riesenschritt. Wir müssten auch Geld in die Hand nehmen. Das alles ist deshalb kein Weltuntergang“, sagt Jaschke. Die Konkurrenten Hallbergmoos und Erlbach haben mehr Druck.

Positives Zeichen vom BFV erwartet 

Die Vereine machen sich also Gedanken. Auch deshalb existiert eine hohe Erwartungshaltung an die BFV-Oberen, die zweifellos gerade einen alles andere als leichten Job haben. Der BFV könnte allerdings ein positives Zeichen in Richtung der Vereine setzen. Weg von juristisch abgesicherten Regelungen hin zu „Pro Amateurfußball“.

Fakt ist: Es wird auch bei anderen Konzepten wie der Korridor-Variante Grenzfälle geben. Und der BFV würde es auch nach dieser Vorgehensweise nicht allen Teams recht machen. Er hätte aber pro Liga ein paar Teams mehr zufrieden gestimmt und immerhin verhindert, dass die Ligen in der neuen Saison allzu aufgebläht wären.

(MORITZ STALTER)

Quelle: Merkur.de

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