Gehörloses Dribbletalent vom TSV Grünwald

Laszlo Nagy: Ein Dribbelkünstler mit Gehörverlust 

Grünwald – Der kleine Laszlo Nagy umkurvt einen Gegner nach dem anderen, zeitweise untermalt er seine genialen Dribbeleinlagen und Übersteiger durch eine Art Live-Reportage seines fintenreichen Agierens mit dem runden Leder

Grünwald – Der kleine Laszlo Nagy umkurvt einen Gegner nach dem anderen, zeitweise untermalt er seine genialen Dribbeleinlagen und Übersteiger durch eine Art Live-Reportage seines fintenreichen Agierens mit dem runden Leder. Schnell umdribbelt der Zwölfjährige wieder ein Hindernis und schließt per trockenem Spannschlag gekonnt ab. „Tor!“, entfährt es dem ihm. Ein Bilderbuchtreffer hat gerade eingeschlagen: in der Thujenhecken-Landschaft des elterlichen Gartens in Grünwald.

Heute übt Laszlo nur zu Hause, sonst kickt er mit der D-Jugend des TSV Grünwald. Das an sich wäre noch keine Geschichte – doch Laszlo hat, bei aller fußballerischen Begabung und einem für sein Alter wuchtigen Abschluss, ein echtes Handicap: Von Geburt leidet der junge Sportler unter einer Hörschwäche mit schleichendem Hörverlust. „Es wurde schlechter und schlechter“, berichtet Mama Katalin Dömötör, während sie ihrem Sohn liebevoll übers Haar streicht.

Erstes Hörgerät mit zwei Jahren

In Budapest, als Sohn ungarischer Eltern geboren, kam Laszlos Familie mit Papa, Mama und den beiden Schwestern nach München, als der Junge ein Jahr alt war. „Mit zwei Jahren hat Laszlo bereits ein Hörgerät bekommen – heute geht es längst nicht mehr ohne“, weiß die Mutter.

Laszlo hat den Ball beiseitegelegt. Sanft gleitet sein Arm über das schweißnass glänzende Spiderman-Kinder-Tattoo auf seinem Arm. Ein Meisterer von Lebenshindernissen zu sein wie sein Steilwände überwindendes Comic-Idol, das hat auch der sympathische Bub früh lernen müssen. Er ist gewohnt, sich durchzubeißen. Wenn man dem Zwölfjährigen gegenübersitzt, ist nichts zu spüren von seinem Hemmnis, das ihn zeitlebens plagt.

Laszlo Nagy ist Fan von Ajax Amsterdam und vom FC Bayern

Auch abseits der Fußball-Felder sprüht der junge Kerl vor Lebensfreude. „Ich bin ein guter Schüler“, verweist der glühende Anhänger des FC Bayern und von Ajax Amsterdam auf seine schulische Reputation. „Kunst, Mathe, Physik und Sport sind meine Lieblingsfächer“, bekennt der Kleine. „Papa arbeitet in Amsterdam, da waren wir schon live beim Spiel gegen Den Haag.“ Die Ajax-Torschützen zum 3:0 kann der dunkelhaarige Schlaks wie im Schlaf herunterbeten.

Er fasst sich ans Ohr, justiert das kleine, aber unübersehbare Technikteil hinter seinem Ohr neu. „Tiefe Töne verstehe ich besser, bei hohen ist es schlechter.“

Laszlos Traumberuf: Architekt

In seiner Schule, am Gymnasium Grünwald, hat sich die Tonlage längst eingependelt. Laszlo in Sitzreihe eins ist mit seinem Hörgerät per direktem Draht gegengekoppelt mit den Lehrkräften, die eigens für den Jungen ein Mikrofon am Revers tragen. „Das geht super“, strahlt Laszlo seine Mama an. Die technischen Vorgänge hat der feinsinnige kleine Mann mit Traumberuf Architekt ohnehin längst verinnerlicht. „Gerät aufsetzen und runternehmen, abends putzen und Batterien tauschen – das mache ich alles selber“, betont er. Familien-Hündin Mathilda bellt zur offenkundigen Bestätigung kurz auf und legt sich dann wieder zu Füßen ihres jungen Herrchens. „Wir gehen nachher noch Gassi und Joggen“, verspricht Laszlo sich und dem Vierbeiner eine weitere Trainingseinheit.

Während er sein verschwitztes Trikot abstreift und gegen trockene Klamotten eintauscht, erklärt die Mutter weitere Zusammenhänge. „Laszlo musste früher erst einmal in die Grundschule für Hörgeschädigte nach Johanneskirchen – das bedeutete einen ziemlichen logistischen Aufwand.“ Anfangs sei nicht klar gewesen, ob der Junge seinen Traum vom Gymnasium auch würde realisieren können. „Aber meinem Jungen ist in all dem Pech auch das große Glück begegnet“, betont die Mama und ist spürbar gerührt. „Frau Brigitte Luber aus Solln muss man einfach erwähnen – Sie ist die beste Hörgeräteakustikerin überhaupt.“ Seit der Kleinkinderzeit betreue die Dame Laszlo umfassend und kompetent. „Er konnte erst gar nicht sprechen wegen des Hörgerätes – Frau Luber hat sich alle Zeit mit ihm genommen.“ Immer noch ist er jährlich vier- bis fünfmal zur Behandlung vor Ort. Der Hörverlust ist unwiederbringlich und nicht heilbar.

Fußball-Camp beim gehörlosen Ex-Profi Simon Ollert

Doch die Mühen Laszlos haben sich offenbar gelohnt. Der Bub kommt mit Lego-Aufbauten ins Wohnzimmer und zeigt stolz sein technisches Verständnis. „Hast Du schon vom Camp erzählt?“, fragt er seine Mutter beiläufig. „Das war toll“, sagt er beim Basteln an der neuen Modellreihe.

„Ich habe immer Angst um den Jungen, weil Fußball schon hart ist“, gesteht seine Mutter. „Aber das Fußballcamp war wirklich eine tolle Sache.“ Heuer im Juni tummelten sich über 30 Mädchen und Jungs bei einem mehrtägigen Fußballcamp in Ettal. Der 22-jährige Ex-Profi Simon Ollert hat zusammen mit dem Hörgeräte-Hersteller Sonovia 2016 die international besuchte Ferien-Fußballveranstaltung mit ganz besonderem Zuschnitt für Kinder mit hochgradigen Hörverlusten ins Leben gerufen. Ollert selbst ist beispielgebend. Persönlich seit der Geburt auf beiden Ohren an Taubheit grenzend schwerhörig, durchlief der talentierte Mittelfeldmann die leistungssportlichen Jugendabteilungen der SpVgg Unterhaching und des FC Ingolstadt, um danach in 3. Liga (Unterhaching), Regionalliga (Ingolstadt) und Bayernliga (Pullach) zu agieren. Heuer gründete der Bad Kohlgruber in München den deutschlandweit ersten inklusiven Fußballclub IFC Munich United.

Neue Freundschaften durch Fußball-Camp

„Simon ist ein echtes Vorbild“, bekennt Laszlo. „Er ist auch unglaublich kompetent und im Umgang mit den Kindern ein Könner“, stimmt die Mama ein ins Lob.

Im Camp steht nicht der leistungssportliche Fußballansatz im Zentrum. „Wir treffen auch andere Kinder mit dem gleichen Problem. Ich habe neue Brieffreunde bis aus Norddeutschland“, ist Laszlo stolz. Er will 2020 unbedingt wieder mitmachen. „Es ist ein wertvoller Austausch“, sagt Katalin Dömötör in der Rückschau. „Schließlich kennen wir in der Grünwalder Umgebung keine Kinder mit Hörverlust.“ Der Austausch sei aber wichtig.

Laszlo will endlich sein erstes Tor schießen

„Hier in Grünwald fragen die Kinder zwar immer viel, aber so richtig kann das keiner verstehen, der keinen Hörverlust hat“, wird Laszlo kurz sehr ernst.

Doch der Junge hat ein sonniges Gemüt. „Mich nervt das gar nicht mehr“, betont er lachend. „Viel mehr nerven meine großen Schwestern manchmal – die haben keine Ahnung vom Fußball.“ Er schon. Aber dennoch hat der kleine Defensiv-Akteur, der sein Lebensproblem so offensiv händelt, neben seinen sonstigen Leidenschaften ein klares fußballerisches Ziel. „Endlich ein Tor in der Liga“ will er, der vorwiegend als Sechser absichert, schießen. Mal schauen, ob der Ball demnächst nicht mehr nur in der elterlichen Hecke zappelt.

Quelle: Merkur.de

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