Das Problem beginnt im Jugendbereich

Torhüter verzweifelt gesucht - Darum finden Regionalligisten keine Keeper

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Maximilian Engl hat die Regionalliga Bayern als Sprungbrett genutzt. Er wird den VfR Garching im Sommer wieder Richtung Profiligen verlassen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. 

Maximilian Engl hat es gepackt. Nach einer überragenden Hinrunde konnte der 21-jährige Keeper die Regionalliga Bayern als Sprungbrett nutzen. Er wird den VfR Garching im Sommer verlassen und zu einem Profiverein wechseln.

Sein Trainer Daniel Weber sucht nach einem Nachfolger. Doch gute Keeper sind Mangelware.

Gibt es zu wenige Torhüter im Großraum München, Herr Weber?

Es gibt nicht zu wenige Keeper. Aber nur wenige werden den Ansprüchen der Regionalliga Bayern gerecht. Der Markt an guten Torhütern ist abgegrast. Ein Keeper mit Profi-Potenzial sucht deutschlandweit nach den besten Karriere-Möglichkeiten. In den vergangenen Jahren haben zudem sehr viele Talente wie Leon Fischhaber oder Aaron Siegl die Karriere mit Anfang 20 bereits beendet, nachdem sie den Sprung aus dem Nachwuchsleistungszentrum zu den Profis nicht geschafft haben. Andi Rössl hört mit 30 Jahren auf, um als Torwart-Trainer beim FC Bayern zu arbeiten. In meiner Torhüter-Generation gab es das nicht. Ich habe so lange wie möglich gespielt. Unter diesen Umständen ist es für einen kleinen Verein wie den VfR Garching unglaublich schwer, einen guten Keeper zu finden.

Sie haben oft Spieler aus unteren Ligen geholt, die den Regionalliga-Durchbruch gepackt haben. Warum finden Sie dort keinen Keeper?

In den Ligen von der Bezirksliga abwärts einen Rohdiamanten zu finden, ist nahezu unmöglich. Unser zweiter Keeper Joey Brenner hat vor seiner Zeit in Garching nie höher als Kreisliga gespielt. Er kam mit 16 zu mir ins Torwart-Training und hat erst spät den Ehrgeiz entwickelt, dass er im Fußball etwas reißen kann. Wenn einem Keeper die nötige Grundausbildung fehlt, braucht er einen unglaublich langen Atem, um das Verpasste aufzuholen.

Kommen somit nur ehemalige NLZ-Keeper für eine Regionalliga-Mannschaft in Frage?

Viele Vereine ab der Bezirksliga versuchen ein Torwart-Training anzubieten. Aber oft werden die Torhüter nur beschäftigt. Sie werden nicht verbessert. Zudem muss eine professionelle Ausbildung viel früher angeboten werden. Im Herrenbereich ist es zu spät. Der Verband bietet zwar pro Jahr zwei Grundkurse und einen Aufbaukurs für Torwarttraining an. Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Fünfzig Prozent der Teilnehmer standen selbst nie im Tor. Wie sollen sie ihren Keepern weitergeben, worauf es ankommt? Wir haben in Bayern sehr gute Torwart-Trainer. Aber für eine flächendeckend gute Ausbildung haben wir nicht genug Fachleute.

Was läuft falsch in der Ausbildung?

Wenn mich Eltern anrufen, deren Kinder neun Jahre oder jünger sind, sage ich sofort ab. In diesem Alter macht ein Torwart-Training keinen Sinn. Bis zur D-Jugend sollte immer ein anderer Spieler im Tor stehen.

Warum?

Vor dem ersten Pubertätsschub sollten Kinder Fußball spielen und nicht im Tor stehen. Ein richtig guter Torwart muss ein Spiel lesen können, er muss den Ball sicher mit dem Fuß annehmen und von hinten herausspielen können. Ich mache aus einem 13-jährigen guten Fußballer schneller einen richtig guten Keeper, als aus einem Kind, das seit dem fünften Lebensjahr ununterbrochen im Tor stand.

Die fußballerischen Fähigkeiten lernt ein guter Keeper nur auf dem Feld.

Exakt. Ein guter Keeper braucht zudem Bewegungstalent und darf keine Angst vor dem Schuss haben. Wenn ein Spieler aus zehn Metern Entfernung abzieht, drehen sich 50 Prozent meiner Spieler um. Daniel Suck oder Dennis Niebauer bleiben stehen. Sie bringen alle Eigenschaften mit, die ein guter Keeper braucht. Selbst wenn beide erst mit 15 bei mir mit dem Torwart-Training begonnen hätten, wären sie heute sehr gute Landesliga-Keeper.

Die kleinen Vereine haben oft das Problem, überhaupt einen Trainer zu finden. Wie sollen sie dann noch ein gutes Torwarttraining anbieten können?

Das ist das Hauptproblem. Es gibt viel zu wenig Angebote und Lehrgänge, bei denen sich Trainer weiterbilden können. Die meisten lassen von der Torwart-Position die Finger, vor allem im höherklassigen Bereich. Ein Kreisliga- oder Jugendtrainer muss sich zwangsläufig mit der Torwartposition beschäftigen, weil er keinen Torwart-Trainer an der Seite hat. Aber hier machen Trainer gerade bei Kindern schwerwiegende Fehler. Sie kritisieren einen Torwart, weil er ein Gegentor kassiert hat. Aber keiner kann seinem Keeper erklären, wie er den Ball hätte halten können. Viele Trainer verhalten sich bei ihren Torhütern wie die unzähligen Fußball-Experten vor dem Fernseher. Sie kritisieren, haben aber keine Ahnung, wie es der Spieler besser hätte machen sollen. Solange man keine Ahnung hat, darf man sich auch nicht aus dem Fenster lehnen.

Muss der Fokus beim Torwart-Training künftig vermehrt auf das Fußballspielen gelegt werden?

Das muss man differenziert betrachten. Gute Torhüter haben sich schon immer dadurch ausgezeichnet, dass sie sehr gute Fußballer waren. Sepp Maier oder Petar Radenkovic konnten super kicken, aber sie konnten vor der Einführung der Rückpassregel noch jeden Ball in die Hand nehmen. Heute erfolgen 70 bis 75 Prozent aller Ballkontakte eines Torwarts mit dem Fuß. Dennoch muss ein Keeper in erster Linie gut halten. Daran wird sich nie etwas ändern. Jeder spricht im Moment über Marc-André ter Stegen. Warum? Weil er spektakuläre Paraden am Fließband abliefert. Fußballerisch war er aus meiner Sicht schon immer der beste Torwart auf diesem Planeten. Aber jetzt hat er auch noch als Torwart sehr viel dazu gelernt. Am Ende zählt immer: Wie viele Bälle hat ein Keeper gehalten.

Das Interview führte Christoph Seidl.

Quelle: Merkur.de

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