DAS SPORTGEFLÜSTER

Für alle Exoten-Fans: You never zitter alone

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Ja, auch Bochum-Fans gibt’s im Landkreis. Auf unserem Foto freut sich der Kirchascher Jens Urbanzcyk (gelbe Jacke, blauer Fanschal) über den 2:1-Treffer des VfL im Münchner Olympiastadion. Die Bayern-Fans mussten allerdings nicht lange so zerknirscht sein. Stefan Effenberg erzielte damals den späten 3:2-Siegtreffer. Lang ist’s her.

Wer in unserer Region weder Bayern-Fan noch Löwen-Anhänger ist, hat‘s schwer. Das erzählt Dieter Priglmeir in seinem Sportgeflüster zum Wochenende. Eine Geschichte mit einem Happyend.

Es dauerte keine zwei Minuten, da hatte Philipp Kösterunsere Anfrage schon beantwortet. Der Chefredakteur des Fußballmagazins 11-Freunde ist Fan von Arminia Bielefeld, Juso-Chef Kevin Kühnert ebenso. Beide sind tief beeindruckt von Andreas Voglsammers Qualitäten, Stürmer mit dem „stieren Blick eines schottischen Hochlandkriegers“ (Köster) und den „extrem hoch sitzenden Hosen“ (Kühnert). Der Dorfener – da sind wir uns sicher – wird nun auch im Landkreis mehr Begeisterung für die Ostwestfalen entfachen. Das ist auch nötig, denn noch ist die Fanclub-Dichte hier in etwa so hoch wie die Punktausbeute von Türkgücü Erding.

Kommen wir zu anderen Fan-Exoten, für die es am Wochenende um die Wurst geht.Daniel Werner vom TSV Wartenberg lebt seit seinem achten Lebensjahr in Bayern. „Aufgrund meiner nordischen Herkunft trage ich seit meiner Kindheit die Raute im Herzen“, sagt der gebürtige Schleswig-Holsteiner. Er denkt gern an die Momente zurück, „als der HSV noch in Europa vertreten war und Spieler wie Daniel van Buyten, Ze Roberto und Vincent Kompany das Trikot trugen“. Als in der Abstiegsrelegation gegen Karlsruhe das legendäre Freistoßtor von Díaz fiel, „war ich gerade dienstlich in Saudi-Arabien und hab’ das Spiel in einer Sportbar verfolgt. Nach dem Abpfiff lag ich wildfremden Menschen in den Armen“, erinnert er sich. Für Sonntag sieht Werner schwarz. „Trotz der starken Qualität fehlt es der Mannschaft an Mentalität. Das Spiel werden wir zwar gewinnen, aber Heidenheim lässt es sich nicht mehr nehmen“, befürchtet Werner, der nur noch selten von seinen Teamkollegen auf seinen Club angesprochen wird. „Es ist nur ein Thema, wenn der HSV sich mal wieder bis auf alle Knochen blamiert“, dann fügt er hinzu: „Was ja in letzter Zeit sehr oft vorkommt.“

Werner Grandinger, Fußballer aus der Wartenberger Goldenen Generation der 1990er, kann als Anhänger des VfB Stuttgart den Sonntag etwas entspannter angehen. Die Schwaben haben drei Punkte und elf Tore Vorsprung auf Platz drei. „Das werden sie ja hoffentlich nicht mehr verbocken“, meint Grandinger. Oder doch? Auch er hat mit seinem Verein einiges erlebt.

Witzig: VfB-Fan ist Grandinger seit dem vorletzten Aufstieg. Das war allerdings schon 1976/77, als der schöne Hansi Müller und der alte Hermann Ohlicher noch die Tore schossen. Der Isländer Asgeir Sigurvinsson, Grandingers „absoluter Lieblingsspieler“, führte den VfB 1984 zur Meisterschaften. 1992 zitterte der Wartenberger mit, als beim Saisonfinale in Leverkusen Matthias Sammer vom Platz flog, ehe Guido Buchwald dem VfB mit seinem 2:1 die Schale bescherte.

Solche Zeiten gab es auch mal beim 1. FC Kaiserslautern, Herzensverein des Wartenberger Jugendleiters Jens Baumbach. „Ich bin in Erfurt aufgewachsen. Ein Jahr nach Maueröffnung war der FCK zu einem Freundschaftsspiel gegen Rot-Weiß hier. Seitdem bin ich Fan.“ Ob ihm damals bewusst war, dass er ein Ticket für eine 30-jährige Achterbahn gelöst hat? Meisterschaften, Abstiege, Aufstiege, 3. Liga, drohende Insolvenz. Baumbachs vorerst letzter Besuch auf dem höchsten Fußballberg Deutschlands beim Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf ist noch gar nicht so lang her. Sprüche angesichts der Talfahrt bekommt er selten. „Da der FCK doch noch eine große Traditionsmarke im deutschen Fußball ist, ist es eher Mitleid.“

Ähnliches bekommt derzeit auch Patrick Tischer zu spüren,Fußballchef bei Rot-Weiß Klettham und Werder-Fan seit 1986. Der damalige Bayern-Fan sah ein Interview mit Uli Hoeneß. „Er war mir wohl nicht so sympathisch“, erzählt Tischer. Er schwor dem FCB ab und fragte seinen Opa um Rat. „Der meinte, Werder sei sympathisch und noch dazu auch eine gute Mannschaft. Ich ging ins Kinderzimmer, zog die Bayern-Bettwäsche ab und war ab sofort Werder-Fan.“ Seitdem bekommt er die Sprüche über stinkende, grüne Fische ab, „und mein Vorstandskollege Tom Greckl spielte beim MA Gold Cup extra mit Werder, damit die auch mal gewinnen und ich Grund zur Freude habe“.

Ein möglicher Abstieg, gibt Tischer, ganz Fußballanalyst, zu, wäre durchaus verdient,aber für die Bundesliga „ein bitterer Verlust, denn die Atmosphäre in und um das Weserstadion ist schon etwas ganz besonderes. Ich habe schon einige Kletthamer wie die Hilmer-Brothers, Tom Greckl, Oli Kurowski oder Matze Gerigk mit nach Bremen genommen – und alle waren total begeistert“. Und mit David Stotz habe er sogar noch einen zweiten Werder-Mitstreiter. Und wie geht’s nun aus? „Ich denke schon, dass Werder gegen Köln gewinnen wird. Allerdings habe ich Düsseldorf die letzten Spiele wirklich in einer guten Verfassung gesehen, und kann mir kaum vorstellen, dass sie das gegen Union nicht packen.“

Die Skepsis ist nicht angebracht, denn wir haben einen Fachmann an der Hand,der sich sicher ist: Union Berlin besiegt die Düsseldorfer Fortuna 2:0, „weil wir die Saison mit einen Sieg beenden wollen“. Das verspricht zumindest Dennis Victor, Fußballer bei der SpVgg Altenerding. „Ich bin Unioner, weil ich in Berlin groß geworden bin und weil dieser Verein einfach riesig familiär ist. Da kennt jeder jeden, und die Atmosphäre ist der Wahnsinn.“

Drei Dinge werde er nie vergessen:den 8:0-Sieg gegen den Rivalen BFC Dynamo; die gewonnene Stadtmeisterschaft gegen Hertha und den Aufstieg in die 2. Liga, „weil dadurch die Union Deutschlands erster Drittliga-Meister wurde“. Die meisten bei der SpVgg fiebern sogar mit ihm mit – „außer, es geht gegen die Bayern“, erzählt Viktor und verrät: „Ich konnte auch schon unseren Betreuer Frank Aldinger zum heimlichen Union-Fan machen.“

Schöne Geschichte, aber wir haben noch ein besseres Happyend – ein Meisterwerk sozusagen: Lorenz Becker supported den FC Liverpool. „Und damit bin ich nur der zweitgrößte Fan in der Familie“, erzählt der Wörther Fußballer. „Mein Bruder Korbi ist sogar Mitglied im Verein.“ Die ganze Familie liebe den englischen Fußball „mit dem genialen vertikalen Spiel“. Der Fußball werde auf der Insel ganz anders gelebt. „Wenn die Reds spielen, ist die ganze Stadt ausgestorben“, erzählt Lorenz Becker, der schon mehrmals das „You never walk alone“ im Stadion an der Anfield Road mitgesungen hat („Gänsehaut pur“) und sein Team auch schon in Birmingham gegen Aston Villa angefeuert hat.

Am Donnerstagabend saß er mit seinem Bruder vor dem Fernseher und war „zum ersten Mal Supporter von Chelsea“, das schließlich Liverpool-Konkurrent Manchester City besiegte. Damit stand Liverpools erste Meisterschaft nach 30 Jahren fest. Das musste gefeiert werden. Dass sie dabei ihre Eltern aufgeweckt haben – you never feier und zitter alone, wie wir Bayern sagen.

 

Quelle: Merkur.de

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