LEICHTATHLETIK

„Wings for Life World Run“: Virtueller Wettkampf gegen Marathon-Asse

Über 50000 Laufenthusiasten starteten im vergangenen Jahr beim Wings for Life World Run“ im Münchner Olympiapark. In diesem Jahr gibt es keinen Massenstart - jeder Sportler läuft für sich alleine vor einem virtuellen Catcher Car davon
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Über 50000 Laufenthusiasten starteten im vergangenen Jahr beim Wings for Life World Run“ im Münchner Olympiapark. In diesem Jahr gibt es keinen Massenstart - jeder Sportler läuft für sich alleine vor einem virtuellen Catcher Car davon

Auf absehbare Zeit finden  heuer keine Langstrecken-Laufwettbewerbe statt. Da ist der „Wings for Life World Run“ für Thea Heim eine willkommene Abwechslung - und obendrein etwas für den guten Zweck.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Seit Wochen befindet sich die nationale und internationale Sportwelt im Corona-Modus – also im Stillstand. Alle Meisterschaften – sei es im Eishockey, Fußball oder Leichtathletik – sind abgebrochen oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Eine Abwechslung bietet der Wings for Life World Run. Lauf-Coach Norman Feiler schickt seine Marathon-Asse Thea Heim und Ricarda Gerlach ins Rennen und lädt die Hobbyläufer der Laufserie „Von 0 auf 10 Kilometer“ zum virtuellen Wettkampf ein.

Hallo, Herr Feiler. Sie sind ja ganz außer Atem. Haben wir Sie beim Training erwischt?

Nein gar nicht. Nach zwei Wochen Verletzungspause fange ich jetzt langsam wieder an. Ich teste einmal meinen Plan für den Tölzer Kurier. Und der sieht an diesem Tag eine Pause vor.

Dann wird Sie Ihr Schützling Thea Heim beim Training schmerzlich vermissen…

Wenn Thea ernst macht, kann ich schon lange nicht mehr mit ihr Schritt halten – zumindest nicht im Wettkampf (lacht). Aber seit das Training zu zweit mit entsprechendem Abstand wieder erlaubt ist, bin ich ein paar Mal mit dem Rad mitgefahren.

Erst die Olympia-Absage, dann sind nach und nach alle großen nationalen und internationalen Langstrecken-Events gestrichen worden. Sicherlich eine ziemlich schwierige Motivationslage für Ihre Laufgruppe insgesamt und Thea im Speziellen…

Allerdings, generell ist es eine schwierige Situation. Wir hatten nach einer zweiwöchigen Pause Anfang April beschlossen, die Marathonvorbereitung für Herbst zu beginnen. Ohne zu wissen, was und ob überhaupt etwas stattfindet. Vor ein paar Tagen wurde unser heimliches Ziel, der Berlin Marathon, gecancelt. Es wird wohl keine Großveranstaltungen geben im Herbst, und die Olympiaqualifikation ist sowieso bis 1. Dezember ausgesetzt.

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Haben Sie Alternativen im Blick?

Wir haben uns nach Alternativen umgesehen und sind tatsächlich fündig geworden. Wir haben uns für den Wohltätigkeitslauf „Wings for Life World Run“ am kommenden Sonntag, 3. Mai, angemeldet. Den organisiert die Stiftung „Wings for Life“ seit 2014 jährlich unter dem Motto „Laufen für die, die nicht laufen können“. Die Wings-for-Life-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, eine Heilung für Rückenmarkverletzungen und Querschnittlähmungen zu finden, und die Startgelder, 20 Euro pro Läufer, fließen zu 100 Prozent in diese Stiftung.

Hört sich spannend an. Erzählen Sie mal, wie der Wettbewerb funktioniert.

Beim World Run starten weltweit mehr als 100 000 Spitzensportler, Hobbyläufer und Fitness-Jogger in dutzenden Städten und Orten zur selben Zeit. In Deutschland ist es am Sonntag Punkt 13 Uhr. Eine bestimmte Streckenlänge und Ziellinie gibt es allerdings nicht. 30 Minuten nach dem Startschuss fährt ein virtuelles Catcher Car los und überholt die Läufer nach und nach. Da das Catcher Car die Geschwindigkeit mit zunehmender Dauer des Wettbewerbs erhöht, ist irgendwann auch der Schnellste eingeholt.

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Und der ist der Sieger?

Ja, im vergangenen Jahr hat der Russe Ivan Motorin beim Run in Izmir knapp 65 Kilometer geschafft und bei den Frauen Nina Zarina (ebenfalls Russland, d. Red) 53,72 Kilometer, ehe sie das Catcher Car geschnappt hat. 

Lauftrainer Norman Feiler mit Marathon-Ass Thea Heim.

Aber der eigentliche Sieger ist die Stiftung und all die rückenmarkverletzten Menschen, die von der Forschung profitieren. Ich hab’s mal überschlagen: Seit 2014 sind rund 27 Millionen Euro an Startgeldern und Spenden zusammengekommen.

Aber einen Haken hat die Sache: Man darf doch derzeit gar nicht in Gruppen sporteln…

Stimmt, darum läuft jeder für sich auf seiner Hausstrecke, an der Isar entlang, in der Pupplinger Au, oder wo auch immer. Man braucht nur ein Smartphone, auf das man sich die World Run-App lädt und anmeldet.

Praktisch, dann kann man sich ja auch mit Thea Heim oder Ricarda Gerlach, der ROC-Gesamtsiegerin 2019, messen…

Indirekt auf jeden Fall, denn man sieht ja erst im Endklassement, wie weit die einzelnen Läufer gekommen sind. Zudem kann man mit Kopfhörern auch der Moderation folgen. Da wird Musik eingespielt und die Zwischenstände moderiert. Fast wie am Fernseher oder Livestream.

Wie weit meinen Sie kommt denn ein Freizeitläufer, der Ihre Trainingspläne in den vergangenen Wochen befolgt hat?

Schwer zu sagen, denn das hängt natürlich vom Ausgangs-Leistungsniveau des Einzelnen ab. Den sportlichen Wiedereinsteiger oder sehr sportlichen Neuanfänger würde ich mit etwa sechs Minuten pro Kilometer veranschlagen. Damit käme man 15 Kilometer weit, also etwa 1:30 Stunden. Der normale Einsteiger liegt wohl eher bei sieben bis acht Minuten pro Kilometer. Da käme das Catcher Car dann bei acht bis zehn Kilometer vorbei, so nach einer guten Stunde. Es ist also eine schöne Herausforderung nach dem dreiwöchigen Lauftraining. Auf der Wings-for-Life-Homepage gibt es übrigens einen Catcher Calculator. Da kann sich jeder überschlägig ausrechnen, wie weit er kommen würde.

In Ihren Plänen haben Sie die Latte ja ganz schön hoch gelegt: Sechs Minuten pro Kilometer – das ist nicht unbedingt Standard für einen Laufanfänger oder Wiedereinsteiger…

Ja, ich geb’s zu: Die Zeit ist schon ziemlich ambitioniert für einen Breitensportler, aber das war nur als grobe Orientierung gedacht. Deshalb ist zusätzlich auch die Zeit in Minuten angegeben, damit jeder eine Orientierung für die Belastung hat. Der eine läuft in 30 Minuten 5 Kilometer, der andere 3. Die Kilometer sind eine zweite Orientierungshilfe und eher für die gedacht, die schon eine sportliche Grundlage aus anderen Sportarten mitbringen. In den ersten Wochen schafft man sich die Grundlagenausdauer. Da ist es wichtig, das Herz-Kreislauf-System zu trainieren. Und das kriegt man mit langen konstanten Einheiten am besten hin. Die Dauer ist also entscheidend, und wenn man in 30 Minuten nur 3 Kilometer schafft, ist das auch erst einmal gut. Es ist wie an der Börse: Erst muss man Geld einzahlen, dann kann man Transaktionen machen.

Ein bisschen abstrakt. Was zahlt denn Otto Normaljogger ein?

Schweiß (lacht). Nach drei Wochen und zehn bis zwölf Läufen hat sich der Körper langsam an die Belastung gewöhnt, die Fettverbrennung wurde beim Longrun stärker trainiert. Der Läufer sollte bewusst merken, dass ihm das Laufen leichter fällt, die Distanzen leichter zu bewältigen sind als zuvor. Das ist der Punkt, an dem man langsam Freude am Laufen entwickelt. Das würde ich als die erste Transaktion bezeichnen.

Einen Sprint wird man auf der Hausrunde kaum hinlegen, außer man muss vor einem nicht angeleinten Hund Reißaus nehmen…

Vermutlich nicht, aber so mancher Freizeitjogger, den ich kenne, hat Freude am Laufen gefunden und sich auch schon mal für einen Wettkampf angemeldet. Mit der Raiffeisen-Oberland-Challenge gibt es bei uns im Oberland ja genug davon.

Abschließend noch eine Ansage: Wie viele Kilometer schafft Thea Heim und wie liegt sie damit im internationalen Vergleich?

Thea, wie auch alle anderen Läuferinnen bei uns im Eiblteam Isartal, hat zwei Wochen Pause gemacht, nachdem klar war, dass es keine Rennen geben wird. Jetzt haben wir mit Grundlagen wieder begonnen. Ich denke, dass Thea in jedem Fall 40 Kilometer schafft. Aber sie ist ja noch nie länger als 42,195 km gelaufen. Insofern wird es ein spannender Test. Weniger vom Herz-Kreis Laufsystem als muskulär. Ich denke, über 45 Kilometer wird das kritisch. Aber insgesamt wird Thea schon relativ weit vorne sein. Sie wird das Ganze sehr vorsichtig angehen, da wir keine Verletzungen riskieren wollen. Das sollte man grundsätzlich beherzigen.

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Kann man sich auch für Theas Team anmelden?

Ja, natürlich. Es geht in erster Linie nicht um einen Wettkampf, sondern darum, auch Gutes zu tun. Für das Team #DOITLONGER“ kann sich jeder anmelden, denn jeder Kilometer zählt. Und für alle Leute, die bei unserem Laufplan mitmachen, wäre das ein idealer Test nach drei Wochen. Anmelden kann man sich bis unmittelbar vor dem Lauf. Thea Heim, Ricarda Gerlach und Karo Binder laufen auch mit. Eine tolle Gelegenheit sich zu messen.

Im Internet

Team #DOITLONGER:

wingsforlifeworldrun.com/de/teams/X4LmyX

Catcher Calculator:

wingsforlifeworldrun.com/de/goal-calculator

In einer Münchner Modefirma ist das Coronavirus ausgebrochen. 61 Mitarbeiter wurden bereits positiv getestet und etliche Testergebnisse stehen noch aus. 

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