Meister gerät ins Schlingern

EHC-Trainer Jackson nach Wochenend-Desaster: „Es ist was Mentales“

+
Leere in den Münchner Gesichtern: Daryl Boyle (l.) und Jerome Flaake drehen ab, während die Nürnberger feiern.

Der EHC Red Bull München ist ins Schlingern geraten, vor allem die Defensive ist derzeit ein großes Problem. Trainer Don Jackson sieht noch ein anderes Problem.

Nürnberg – Es ging schon recht feierlich zu in Nürnberg. Rob Wilson, der eher knorrig wirkende Coach der Ice Tigers, erzählte von der „hockey excitement“, die er gerade in der ganzen Stadt verspüre und von einem Spiel, „in dem wir in allen Bereichen gut waren, unsere beste Vorstellung seit langem“, und er bewertete den Sieg, das 5:1 über den EHC München, als großes Gemeinschaftswerk „von Team, Fans und Management“. Auch das Maskottchen, ein plüschiger Tiger, war gut drauf – und hatte noch Purzelbäume geschlagen, als die zuvor volle Arena (7672 Zuschauer) schon fast leer war.

„Es war nur ein Spiel“, rief sich Rob Wilson nach seiner euphorischen Ausführung selbst zur Ordnung, und noch ist von der Saison 2017/18 in der DEL etwas mehr als die Hauptrunde übrig, von den unberechenbaren Playoffs ganz zu schweigen – doch offensichtlich ist auch: Das DEL-Gründungsmitglied Nürnberg (seit 1994) hat es geschafft, zu einem ernsthaften Titelaspiranten zu werden. Vielleicht kann der Gesellschafter, Schmuckhändler und -hersteller Thomas Sabo, im Frühjahr wirklich mal die Meisterklunker für die Ringfinger in Auftrag geben.

Nürnberg führt die Tabelle an, hat fünf Punkte Vorsprung auf München, das nur noch Dritter ist, weil die Eisbären Berlin sich dazwischengeschoben haben. Interessanter als diese Eins-zwei-drei-Reihung ist aber eine andere Zahl: Die 49. So viele Gegentreffer haben die Ice Tigers in den bisherigen 25 Partien bekommen. Erst 49. Der EHC München dagegen: 68. Auch Berlin und Wolfsburg und sogar das kleine Schwenningen stehen defensiv stabiler da.

„Das ist der Schlüssel“, sagt Rob Wilson, „wir wollten defensiv so gut werden wie München, der Champion, unser Ziel ist es, das abwehrstärkste Team der Liga zu sein“. Die Mittel, mit denen Nürnberg das erreicht, sind weder außergewöhnlich noch innovativ. „Sie spielen mit fünf Mann in der ,Trap’, sogar zuhause, was eigentlich untypisch ist“, hatte der Münchner Stürmer Patrick Hager das System der Ice Tigers beschrieben. Am Freitag, nach der 2:5-Niederlage des EHC gegen Wolfsburg (mit dem peinlichen 0:4-Mitteldrittel). Auch die Grizzlys fanden einen Weg, den EHC aus dem Konzept zu bringen, wie ihr Trainer Pavel Gross sagte: „Gegen München musst du laufen, marschieren, die Beine bewegen.“ Patrick Hager war sich sicher, dass er und die Mannschaft auf das 2:5 am Sonntag „eine Antwort geben“ würden.

Hat Don Jackson in Nürnberg eine Reaktion zu sehen bekommen? „Nein“, sagte er. Er konnte und wollte seine Verärgerung nicht verbergen. Leichte Scheibenverluste, bei den ersten beiden Treffern hinter dem eigenen Tor, ließen alle Vorsätze zerbröseln. „Wir haben jede denkbare Kleinigkeit falsch gemacht“, grummelte er. „Jeder versucht was Besonderes, doch wir müssen hinten einfach wieder unsere Arbeit machen. Denn niemand weiß, wie viele Tore wir schießen. Die Spieler nicht, ich nicht.“ Unschöne Fakten konnte er dem Statistikblatt entnehmen. Mads Christensen: kein einziger Torschuss – als Stürmer. Patrick Hager, vor der Saison aus Köln geholt – bei drei Gegentreffern auf dem Eis.

„Dein Job ist härter geworden, Don“, sagt Kollege Wilson, „gegen den Champion gibt jeder alles“. Sogar in München tut sich der EHC neuerdings schwer. Der letzte Heimsieg war am 5. November (5:1 gegen Düsseldorf), danach verlor München – statistisches Kuriosum – dreimal 2:5. Gegen den SC Bern in der Champions League, gegen Schwenningen und Wolfsburg. Das vergangene Wochenende beschloss er mit null Punkten und 3:10 Toren. Am Mittwoch in Bremerhaven geht es weiter.

Den Nürnberg Ice Tigers ist München nun zum sechsten Mal in Folge unterlegen. Meist war es knapp, dramatisch und auch unglücklich, diesmal steckte hinter der Niederlage mehr. „Es ist was Mentales – bestimmt“, sagte Jackson. Und musste erkennen: „Nürnberg ist auf einem guten Weg.“

von Günter Klein

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Bremerhaven-Coach erklärt: Darum sind wir der EHC-Stolperstein
Bremerhaven-Coach erklärt: Darum sind wir der EHC-Stolperstein
Spendenaktion: EHC-Fans wollen kranken Kindern ein Lächeln schenken
Spendenaktion: EHC-Fans wollen kranken Kindern ein Lächeln schenken
EHC mit klarem Sieg in Iserlohn - Matsumotos Traum-Tor im Video
EHC mit klarem Sieg in Iserlohn - Matsumotos Traum-Tor im Video
EHC präsentiert Sonder-Trikots - Hälfte aller Olympiahallen-Tickets ist weg
EHC präsentiert Sonder-Trikots - Hälfte aller Olympiahallen-Tickets ist weg

Kommentare