Zwiespältige Wahrnehmung

Red-Bull-Akademie: Was bringt Eishockey total?

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Eishockey-Direktor bei Red Bull: Helmut Schlögl.

Salzburg - Die (deutschen) Eishockey-Stars von morgen zu schaffen, das verspricht die vor Kurzem eröffnete Red-Bull-Nachwuchsakadamie in Salzburg. Das Projekt findet aber nicht nur Beifall.

Manchmal kann es auch an der großen Politik liegen, dass ein Eishockeytalent in der Red-Bull-Akademie in Salzburg landet. Die Geschichte in diesem Fall: Die kriegerischen Zustände zwischen Russland und der Ukraine wirken in den Sport hinein, in der osteuropäischen Eishockeyliga KHL ist das ukrainische Team Donbass Donezk gezwungen, mit dem Spielbetrieb eine Saison auszusetzen. Folge: Einer der Spieler, ein 20-Jähriger, sucht nach einem Job in Nordamerika, kommt unter in der Western Hockey League bei den Regina Pats. Dort herrscht Ausländerkontingentierung: Kommt ein Spieler aus Europa, muss ein anderer gehen. Der Ukrainer aus Donezk übernimmt den Platz von Maximilian Kammerer, 18. Dessen Vater Axel, der 130 Mal für die deutsche Nationalmannschaft spielte und nun Trainer beim italienischen Klub Sterzing ist, sucht nach einer alternativen Möglichkeit. Zuerst in Nordamerika, doch auf die Schnelle ergibt sich nichts.

Maximilian Kammerer fand den neuen Wirkungskreis dann im Salzburger Ortsteil Liefering, nur 800 Meter von der Grenze entfernt: die Nachwuchsakademie von Red Bull. Kürzlich erst in Betrieb genommen: Internat, zwei Eishallen, Krafträume, Physiotherapie, Leistungsdiagnostik. Die älteren Jahrgänge stehen im internationalen Spielbetrieb, sie machen mit in der überwiegend russisch besetzten Nachwuchsliga MHL.

Das Leistungszentrum ist nicht ohne Zugkraft: Pro Jahrgang bis zu zehn der besten deutschen Jugend- und Juniorennationalspieler sind diesen Sommer in die Red-Bull-Akademie gezogen. Feine Sache für das deutsche Eishockey? Oder vergreift sich der Konzern an Ressourcen, die andere geschaffen haben? Vereine etwa wie die in Bad Tölz, Mannheim und Crimmitschau, die am stärksten betroffen sind vom „Beutezug“ Red Bulls durch die deutsche Nachwuchsszenerie.

Helmut Schlögl ist Direktor des International Icehockey Development Program (IIDM) von Red Bull. Er hat die Nachwuchsteams in der Salzburger Akademie, beginnend mit der Klasse der 16-Jährigen, im Drittelverhältnis zusammengestellt: Deutsche, Österreicher, Spieler aus anderen Ländern. Er räumt ein, „dass das für die betreffenden Klubs nicht so toll ist“, dass Red Bull sich in ihrem Spielerstamm bedient habe. Allerdings: So funktioniere Leistungssport. Spieler wechseln eben – und die herausragenden Talente des deutschen Eishockeys seien bisher nach Mannheim gegangen oder gleich nach Nordamerika.

Bezahlt hat Red Bull nichts an die Vereine, die die bisherige Ausbildung der Spieler geleistet haben. Musste der Konzern auch nicht, denn, so Schlögl, „es gibt darüber keine Vereinbarungen“. Umgekehrt würden von der Ablösefreiheit die Klubs profitieren, denen sich später bei Red Bull geschulte Akteure anschließen, die nicht von den eigenen Vereinen in Salzburg und München übernommen werden. Außerdem, so versichert Schlögl: „Wir arbeiten sehr gut mit dem Deutschen Eishockey-Bund zusammen. Der weiß, dass er die Spieler, die in unserer Akademie sind, ohne Probleme für seine Länderspiele und Turniere haben kann.“

Ernst Höfner ist ein alter Fahrensmann im deutschen Eishockey, er war Nationalspieler (sogar mal WM-Torschützenkönig), Trainer der Junioren-Nationalmannschaft, seit dem Sommer ist er Sportdirektor. Er kennt die Salzburger Academy und sagt: „Jeden Tag Training auf dem Eis, zusätzlich kann man Schusstraining machen – für die individuelle Ausbildung der Spieler ist das optimal.“ Im Nachwuchsbereich könne ein Spieler durchaus auch intensiv trainieren, weil dort mehr auf die langfristige Perspektive geschaut werde als auf die Ergebnisse des Wochenendes.

Nachteil? „Wenn ein Spieler für Salzburg spielt, fehlt er dem Verein, bei dem er bislang gespielt hat.“ Die Besten wären eh nicht mehr in der Deutschen Nachwuchs-Liga (DNL) angetreten, sondern schon in DEL2 oder Oberliga. „Und entscheidend ist“, so Ernst Höfner, „die Eiszeit, die ein Spieler bekommt, und dass er Über- und Unterzahl spielt. 20 Minuten Einsatz pro Spiel sind optimal – ob nun in der DEL2 oder in der MHL.“

Höfner sagt: „Die Entscheidung. wo man spielt, werden immer der Spieler, seine Eltern und der Berater treffen.“ Aus seiner Sicht ist Red Bull „ein zusätzliches Angebot“. Es gibt ja auch in Mannheim ein Internat, „das vergleichbar ist und etliche Nationalspieler hervorgebracht hat – und wir haben in Deutschland die Möglichkeit geschaffen, dass mit Förderlizenzen junge Spieler im Seniorenbereich zum Einsatz kommen“. Beispiel Adler Mannheim: Dort könnten die Talente Praxis bei den Heilbronner Falken in der DEL2 sammeln.

Talentschmiede Tölz hat keine Angst vor dem Konzern

Sepp Hintermaier ist Vorsitzender des EC Bad Tölz. Die Zeiten, in denen der Verein zur Beletage des deutschen Eishockeys zählte, liegen schon vier Jahrzehnte zurück – doch als Ausbildungsstandort funktioniert der ECT noch immer. Das ist so geblieben, obwohl er einige seiner jungen Vorzeigespieler an die Salzburger Akademie verloren hat. „Diesen Sommer haben wir bluten müssen“, sagt Hintermaier, „aber richtig Angst haben wir vor Red Bull nicht“.

Man hat in Tölz analysiert, warum Spieler weggegangen sind. „Es war wegen des schulischen Themas“, glaubt Hintermaier, „wir haben kein Internat und nur eine Kooperation mit der Realschule“. In Salzburg wird mit mehreren Schulen zusammengearbeitet, die Zeiten von Training und Schule sind aufeinander abgestimmt. Vorteil Red Bull.

Doch sportlich sieht sich Tölz gut aufgestellt. „Wir haben ein Super-Trainerteam mit Rick Boehm, Yanick Dubé und den Funks.“ Die Funks, das sind Lorenz und sein Sohn Florian. Lorenz alias „Lenz“ Funk hat ohnehin Legendenstatus. Hintermaier: „Der ist 67, aber steht jeden Vormittag mehrmals auf dem Eis. Kann es einen besseren Lehrmeister geben?“ Der ECT-Vorsitzende wird kämpferisch beim Vergleich zwischen Verein und Red Bull: „Spieler in diesem Alter brauchen Familie, Wärme, Nähe – wir geben ihnen das.“ Er erwartet, dass in den kommenden Jahren „die Sogwirkung“ der Akademie in Salzburg nachlassen wird: „Man wird sehen, dass es nicht jeder übersteht.“ Es wird auch schnell aussortiert bei Red Bull, ein erstes Beispiel ist Marco Sedlar. Der aktuelle deutsche U 20-Nationalspieler hat die Akademie im industriell geprägten Salzburger Ortsteil Liefering gegen ein freieres Leben als Spieler beim DEL2-Klub EV Landshut eingetauscht. Er war letztlich nur ein paar Wochen bei Red Bull.

Auch Lothar Sigl, Hauptgesellschafter der Augsburger Panther, seit ihrer Gründung vor zwanzig Jahren Mitglied der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), glaubt, „dass die Vereine genauso in der Lage sind, mit der Mischung aus gutem Training und vertrautem Umfeld gute Spieler hervorzubringen“. Er sieht die Abwerbemaßnahmen von Red Bull vor dem Hintergrund kritisch, dass die Nachwuchsliga DNL eben erst von acht auf zwölf Klubs aufgestockt wurde: „Heißt, wir brauchen über hundert zusätzliche Spieler. Wo sollen die herkommen?“ Tatsächlich schrumpft durch den Eingriff der Österreicher der deutsche Altbestand. Salzburg lockt mit der Aussicht, die Grundlage für die große Karriere zu legen.

Es ist halt ein spezielles Leben im High-Tech-Internat, in dem sich alles nur um die Leistung dreht. DEB-Sportdirektor Ernst Höfner macht keine seelischen Gefahren für den Nachwuchs aus, „weil die Jungs in diesem Alter doch einfach nur Eishockey spielen wollen – und dazu bekommen sie die Gelegenheit“.

Doch manches muss nachdenklich stimmen: Das Gelände, auf dem auch die Red-Bull-Nachwuchsfußballer untergebracht sind, ist abgeriegelt und bewacht, die Balkontüren kann man von außen nicht öffnen, und gerüchtehalber sollen alle Akademie-Athleten ein Armband tragen müssen, das über GPS ihren Aufenthaltsort verrät. Eine Anfrage dazu hat die Red-Bull-Akademie unbeantwortet gelassen. Jedenfalls: In die Stadt kommt man nur mit dem Bus – der einmal die Stunde geht. Viel Leben bleibt nicht neben dem Eishockey.

Trotzdem: Die gebotenen Trainings-Möglichkeiten sind überragend. „Ich dachte, das hier ist direkt aus dem Jahr 2050“, staunte Axel Kammerer bei seinem ersten Besuch in Salzburg-Liefering. „Die haben da Sachen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.“ Jeder Schritt auf dem Eis wird aufgezeichnet, es gibt Trockeneislaufflächen, Schussautomaten, Reaktionsmessanlagen. „Ist halt auch die Frage, ob’s das alles braucht.“

Von Günter Klein

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