"Die Jugend von heute ist nicht mehr die von gestern"

Analyse: Hat Badstuber mit seiner Kritik an Bayerns Jugend recht?

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Holger Badstuber hat sich unter der Woche die Junioren der Bayern zur Brust genommen.

FC Bayern München II - Holger Badstuber hat den Nachwuchs des FC Bayern hart kritisiert. Seit 2010 hat kein Nachwuchsspieler den Sprung zu den Profis gepackt. Wir analysieren die Gründe.

Nach der Saison 2010/2011 sind die kleinen Bayern von der 3. Liga in die Regionalliga Bayern abgestiegen. Seither sehnen der Verein und seine Fans den Wiederaufstieg herbei. Geklappt hat es bis dato nicht. Besonders knapp war es in der Saison 2013/2014. Nach der Meisterschaft in der Regionalliga Bayern folgten die Relegationsspiele gegen Fortuna Köln. Nach einer knappen 0:1-Niederlage in der Domstadt roch es bis wenige Sekunden vor Schluss im Rückspiel in der Hermann-Gerland-Kampfbahn nach Aufstieg. Dann patzte Keeper Lukas Raeder folgenschwer, Fortuna markierte den Treffer zum 1:2 und der sicher geglaubte Aufstieg platzte wie eine Seifenblase.

Wie wichtig die 3. Liga als Sprungbrett für die Profis sein kann, zeigt die Entwicklung von Nachwuchsspielern beim FC Bayern. David Alaba war der letzte Spieler der Nachwuchsabteilung, der  - aus dem damaligen Drittliga-Team - den Sprung in den Kader geschafft hat. In der Saison 2009/2010 waren es Holger Badstuber und Thomas Müller, die vom damaligen Trainer Louis van Gaal nach oben gezogen wurden.

Glaubt man Holger Badstuber, stimmt die Einstellung der Nachwuchsspieler nicht. Deshalb hat es seit dem kein Spieler dauerhaft ins Profi-Team geschafft, glaubt zumindest der 26-Jährige. "Die Jugend von heute ist nicht mehr die von gestern", sagte er am Mittwoch gegenüber den anwesenden Journalisten. Doch ist es wirklich so einfach?

Badstuber selbst hatte das große Glück, unter Louis van Gaal trainieren zu dürfen. Der streitbare Tulpengeneral, dem vor allem der ehemalige Bayern-Präsident Uli Hoeneß bis heute keine Träne nachweint, hat bei all seinen Stationen stets auf junge Spieler gebaut und ohne Rücksicht auf Verluste altgediente Stars abserviert. Lucio musste beziehungsweise durfte gehen, Badstuber rückte für den brasilianischen Nationalspieler nach und schaffte sogar den Sprung in den WM-Kader für Südafrika. Auch Thomas Müller, bekanntermaßen ein Lieblingsschüler van Gaals, bekam nach Kurzeinsätzen unter Klinsmann eine Chance vom Holländer und nutzte sie fast noch eindrucksvoller als Badstuber selbst.

David Alaba war der nächste Youngster, der in der Saison 2010/2011 zunächst vom jetzigen ManUnited-Coach befördert wurde. Nach zwei Kurzeinsätzen ging Alaba für eine halbe Saison nach Hoffenheim, machte alle Spiele für die Kraichgauer und kehrte zurück. Jupp Heynckes erkannte schnell das Potential und der Österreicher mauserte sich binnen weniger Wochen zum Stammspieler.

Ein entscheidender Faktor, warum sich in den vergangenen fünf Spielzeiten kein Spieler bei den Profis durchsetzen konnte, ist auch die Personalie Hermann Gerland. Der Tiger ist seit 2001 Trainer beim FC Bayern. Bis 2009 machte er den Rohdiamanten aus der Jugendabteilung an der Säbener Straße Beine. Dann wurde er zu den Profis versetzt und arbeitet dort bis heute als Co-Trainer, mit Ausnahme der Saison 2010/2011. Damals sprang er kurzfristig ein, als Mehmet Scholl den Verein verließ.

Seither herrscht ein reges Kommen und Gehen. Andries Jonker war 2011/2012 für die Reserve verantwortlich. Danach war wieder Mehmet Scholl an der Reihe, der wegen seiner Tätigkeit bei der ARD nach einer Spielzeit sein Engagement endgültig beendete. Es folgte Erik ten Hag, der immerhin zwei Spielzeiten auf dem Trainerstuhl der kleinen Bayern blieb. Seit Sommer ist wieder Heiko Vogel im Amt, der von den A-Junioren zu den kleinen Bayern befördert wurde.

Zwei wichtige Faktoren, der ins Stocken geratenen Durchlässigkeit, sind somit, dass zum einen die Youngster seit 2011 nur noch in der Regionalliga spielen und zum zweiten das Vakuum, das Tiger Gerland hinterlassen hat. Sicherlich gibt es aber auch Fakten, die für die Thesen Badstubers sprechen. Beispiel Nummer eins ist Mitchell Weiser. Der inzwischen bei Hertha BSC kickende Ex-Bayer kam 2012 aus Köln. Erst in der Rückrunde der vergangenen Saison, konnte er sein Potential abrufen und zeigen, dass er eine Alternative sein kann. In den Jahren zuvor war er für ein halbes Jahr an Kaiserslautern ausgeliehen und versuchte ansonsten sein Glück bei den Amateuren. Nicht besonders beliebt machte er sich beim Bayern-Anhang, als er, anstatt in den Relegationsspielen gegen Köln aufzulaufen, lieber zum Formel-1-Rennen nach Monaco reiste.

Sinan Kurt hatte es von Anfang an nicht leicht an der Säbener Straße. Die Querellen um seinen Wechsel von Gladbach nach München konnte er nie ganz hinter sich lassen. Ebenso wie die - für einen Jugendspieler - relativ hohe Ablösesumme von geschätzten 2,5 Millionen Euro. Heiko Vogel sprach zuletzt von einem Rucksack, den der 19-Jährige zu tragen hatte. Auch seinen Helikopterflug, der in den sozialen Medien für Furore sorgte, würde er heute vielleicht nicht mehr so machen.

Fazit: Die Kritik von Holger Badstuber ist berechtigt, allerdings muss man auch sehen, dass sich die Umstände in den letzten Jahren geändert haben. Louis van Gaal hatte sich auf die Fahne geschrieben, auch junge Talente zu fördern. Wäre es nach dem Holländer gegangen, stände heute Manuel Neuer wohl nicht im Kasten der Roten. Er glaubte stets an die Fähigkeiten von Thomas Kraft. Auch Badstuber war einer der Profiteure des heutigen Trainers von Manchester United.

Außerdem hat sich der Kampf um Talente in den vergangenen Jahren in Deutschland und Europa deutlich verschärft. Hoffenheim und Leipzig gehen auf nationaler Ebene extrem aggressiv vor, um vielversprechende junge Spieler zu bekommen. Der FC Bayern hält sich bei diesem Wettbieten oft zurück, mit Ausnahme von Sinan Kurt und Timothy Tillman.

Der wahrscheinlich wichtigste Punkt: Die Profi-Mannschaft des FC Bayern hat in den vergangenen fünf, sechs Jahren unglaublich an Qualität gewonnen. Spätestens seit die Allianz Arena abbezahlt ist, wird der ohnehin schon starke Kader fast ausschließlich mit absoluten Weltklassespielern verstärkt. Auch Holger Badstuber hat nichts geschenkt bekommen, als er bei den Profis Fuß gefasst hat, doch die Hürden waren vielleicht nicht ganz so groß, wie heute. Dafür muss man nur mal die Kader der Spielzeiten 2009/2010 und der jetzigen Saison vergleichen.

Quelle: fussball-vorort.de

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