Don Jupps spanischer Herzensklub

Bilbao-Boss erklärt Heynckes‘ besondere Basken-Liebe

+
Trotz seiner Erfolge mit Madrid ist Athletic Bilbao die wahre spanische Liebe von Bayerns Trainer Jupp Heynckes.

Drei Klubs trägt Erfolgstrainer Jupp Heynckes im Herzen. Einer davon ist Athletic Bilbao. Klubchef Urrutia erklärt die besondere Beziehung und verrät, ob die Wunde Javi Martinez schon verheilt ist.

Jupp Heynckes hat während seiner knapp 40-jährigen Karriere neun Klubs trainiert, in seinem Herzen hat der 72-Jährige allerdings nur drei behalten: Da wären die Gladbacher Borussia, sein Heimatverein, die Münchner Bayern, seine große Liebe, sowie Athletic Bilbao. Zwei Amtszeiten (1992-94 und 2001-03) verbrachte Heynckes bei dem spanischen Klub, der nur auf baskischstämmige Spieler setzt. Einer von ihnen war Josu Urrutia (49), heute Präsident des Klubs und großer Freund von dem Mann, der ihn in Bilbao coachte und den sie im Baskenland Don Jupp tauften. Im tz-Interview erklärt Urrutia, wie der Triplevater des Rekordmeisters wirklich tickt, warum die Bilbaínos ihn nach wie vor für seine Dienste bei Athletic verehren und warum das durchaus heikle Thema Javi Martínez mittlerweile abgehakt ist. 

Señor Urrutia, hat Sie das Heynckes-Comeback überrascht? 

Josu Urrutia: Anfangs schon. Nicht, weil ich Jupp nicht dazu imstande gesehen hätte, sondern weil er sich nach dem Triple-Jahr öffentlich verabschiedet hatte. Bei einem Gespräch hatte er mir zudem gesagt, dass er fest entschlossen sei, sich zur Ruhe zu setzen. Aber ich weiß, dass er ein sehr enges Verhältnis zu den Verantwortlichen des FC Bayern hat und immer bereit ist, zu helfen. Führt man sich das vor Augen, überrascht es nicht mehr so sehr. Nach unserem Gespräch und seinem Abschied sah es allerdings schon nach etwas Endgültigem aus. 

Erst letztens erwähnte Heynckes ein Telefonat mit Ihnen. Woher rührt das nach wie vor enge Verhältnis? 

Urrutia: Ich versuche, Kontakt zu halten, auch wenn das in unserem Geschäft nicht immer einfach ist. Ich wusste, dass Jupp Heynckes wieder in München angeheuert hatte und wollte ihn anrufen, um ihm zu gratulieren. Außerdem halte ich Jupp für einen Menschen, der dir in einem Gespräch einen neuen Blickwinkel auf Dinge aufzeigen kann. Das bereichert einen. Auch deshalb habe ich ihn angerufen. 

Wie kommt es, dass Heynckes in Bilbao knapp 15 Jahre nach seinem letzten Engagement bei Athletic weiterhin verehrt wird? 

Urrutia: Weil er in jeder Hinsicht und bei allen einen tollen Eindruck hinterlassen hat: gute Resultate, ein Plus an Qualität im Klub, weil die Mannschaft an ihm gewachsen ist. Und er hat Charaktereigenschaften vorgelebt wie Arbeitseifer, Einsatz, Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Außerdem hat er bei Athletic Bilbao immer Wort gehalten -  alles Eigenschaften, die wir hier als unsere Tugenden ansehen und die Jupp Tag für Tag verkörpert hat.

Josu Urrutia und Trainer Jupp Heynckes bei Athletic Bilbao im Jahr 2003.

Wie haben Sie ihn als Trainer in Erinnerung behalten? 

Urrutia: Als Spieler bei Athletic Bilbao habe ich zwei unterschiedliche Etappen unter ihm erlebt, die Erinnerungen sind jedoch gleichermaßen schön. Die Ergebnisse übrigens auch. Beim ersten Mal qualifizierten wir uns für den UEFA Cup, spielten dabei aber nicht nur einen recht ansehnlichen Fußball, sondern beförderten zudem Spieler aus unserer eigenen Jugend. Beim zweiten Mal waren wir erneut nah dran am UEFA Cup, wir scheiterten erst am letzten Spieltag. Dafür bestritten wir das Pokal-Halbfinale gegen Real Madrid, gewannen in Bilbao, verloren dafür aber in Madrid. Ich persönlich durfte während seiner ersten Amtszeit oft spielen, bei seinem zweiten Engagement war ich bereits 33 Jahre alt und hatte zwei oder drei Knie-OPs hinter mir. Das letzte Jahr spielte ich kaum, dank unseres Vertrauensverhältnisses aus Amtszeit eins behandelte er mich aber fast so wie ein Mitglied seines Trainerstabs. Und genau so muss es meiner Überzeugung nach hier laufen. Wir sind ein Nachwuchsklub, der der Jugend stets die Tür aufhalten muss. Die Erfahrenen müssen auf diesem Weg helfen. Ich fühlte mich jedenfalls genauso nützlich wie davor. 

Irgendeine Anekdote, die Ihnen im Kopf geblieben ist? 

Urrutia: Anekdoten gibt es viele und ich erinnere mich auch an eine Menge davon. Vor allem aufgrund der Botschaft, die er vermittelt. Während viele zwischen groß und klein oder schwarz und blond unterscheiden, unterscheidet Jupp Heynckes zwischen lernbegierigen und nicht lernbegierigen Menschen. Und er tendiert dabei natürlich zu Ersteren - auch wenn diese auf dem Platz zunächst vielleicht weniger Leistung bringen als die anderen. Jupp ist aber überzeugt davon, dass man im Fußball und insgesamt im Leben stets lernbegierig bleiben muss. Gerade dann, wenn man die Voraussetzungen dafür mitbringt. 

Wer kommt mehr durch bei ihm: der Baske oder der Deutsche? 

Urrutia: Natürlich der Deutsche. Aber er hat hier vier Jahre verbracht und mit Sicherheit das ein oder andere mitgenommen. Sonst würde er sich nicht immer wieder an diesen Klub erinnern und ihn stets erwähnen. Während seiner Pressekonferenz vor dem Rücktritt 2013 nannte er die drei wichtigsten Klubs für ihn: Borussia Mönchengladbach, Bayern München und Athletic Bilbao. Das erfüllt uns mit Stolz, immerhin reden wir hier von einem Mann des Fußballs, der nicht nur als Aktiver, sondern auch als Trainer ein Menge erreicht hat. Und ich glaube, dass Jupp das, was er hier in Bilbao vorgefunden hat, erfüllt hat. Wir haben einen anderen Weg eingeschlagen als die meisten Klubs, einen einmaligen, unberührten und daher schwierigeren Weg. 

Haben Sie ihm verziehen, dass er Javi Martínez zu Bayern abgeworben hat? 

Urrutia: Es gibt nichts zu verzeihen. Es gab nur nichts zu verhandeln. Ich war und bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir kein Verkäuferklub sind. Wir sind ein Klub, der seine Spieler mehr schätzt, als andere Klubs das tun, und daher auf andere Art attraktiv ist. Klubs wie Bayern, Real oder Barcelona sind das auf ihre Weise, wir auf unsere. Sie ist anders, nicht minderwertig. Und wenn wir uns von einem Spieler trennen sollen, dann tun wir das nicht, sondern übermitteln den Klubs lediglich den Vertrag dieses Spielers und so habe ich es auch bei Jupp getan. 

Kostete viel Nerven: Der Martínez-Transfer, hier mit Heynckes und Sammer.

Halten Sie es für möglich, dass er noch ein Jahr dranhängt? 

Urrutia: Alles ist möglich. Jupp ist sehr standhaft, handelt stets durchdacht. Auf der anderen Seite hat er ein sehr gutes Verhältnis zu Uli Hoeneß und es geht um Bayern, um Fußball und eine innige Beziehung. Wenn er glaubt, dass seine Freunde ihn brauchen, könnte sich für die Bayern ein schmaler Grat öffnen. 

Und warum überzeugen Sie ihn nicht, seine Karriere bei Athletic Bilbao zu beenden? 

Urrutia: Das könnte schwierig werden. Das ist es ja bereits jetzt und wir reden hier immerhin von Bayern München. Das ein oder andere Mal haben wir darüber gescherzt, dabei hat er mich aber stets daran erinnert, dass für Bilbao viel Energie nötig ist. Ich sage nicht, dass Jupp diese Voraussetzung nicht mitbringt, aber ich konnte schon aus seinen Worten schließen, dass er nicht mehr bereit ist, so viel Energie wie damals in Bilbao aufzubringen. 

Was wünschen Sie ihm? 

Urrutia: Das Beste. Ich weiß, dass er mir das auch wünscht und ich wünsche es ihm ebenfalls. Es sei denn, Bayern und Bilbao stehen sich eines Tages gegenüber, dann würde ich für diese 90 Minuten eine Ausnahme machen. Ansonsten soll ihm nur das Beste widerfahren. Ich habe Jupp Heynckes eine ganze Menge zu verdanken. 

„Basken kann man vertrauen“: Was Heynckes an Bilbao liebt

Rumgekommen ist er schon ganz schön, der Jupp! Nur wenige Trainer können von sich behaupten, neun verschiedene Klubs in drei unterschiedlichen Ländern trainiert zu haben, haften geblieben sind aber nur wenige. In Spanien hat Heynckes mit Real Madrid die Champions League gewonnen, in seinem Herzen trägt der 72-Jährige jedoch Athletic Bilbao. Aus gutem Grund. „Die Basken sind ein Menschenschlag, der ein bisschen vergleichbar mit dem unsrigen ist. Sehr zuverlässig, loyal, korrekt. Das sind Menschen, zu denen man Vertrauen haben kann“, meinte Don Jupp unlängst im Tagesspiegel. Das gesprochene Wort gilt, auf einen Handschlag kannst du dich hundertprozentig verlassen.“ 

Speziell macht den Klub aber seine Philosophie. Es wird fast ausschließlich mit baskischen oder baskischstämmigen Kickern gearbeitet, was den Wettbewerb mit Mannschaften wie Real oder Barça natürlich nicht einfach macht. Abgestiegen ist Athletic jedoch nie. Jupp Heynckes: „Der Zusammenhalt untereinander ist unbeschreiblich. Das habe ich so bei keiner anderen Mannschaft erlebt, die ich trainiert habe. Deshalb habe ich sehr gerne dort gearbeitet.“ Und eine abstiegsgefährdete Truppe in den UEFA Cup geführt. Kein Wunder, dass Don Jupp Spuren hinterlassen hat...

PF / Interview: José Carlos Menzel López

Auch interessant

Meistgelesen

„Mir gefällt es hier“: FC Bayern holt den jungen Ibrahimovic
„Mir gefällt es hier“: FC Bayern holt den jungen Ibrahimovic
So drückt der FC Bayern seinem Star im WM-Finale die Daumen
So drückt der FC Bayern seinem Star im WM-Finale die Daumen
Kommt HSV-Talent Arp sofort zum FC Bayern? Entscheidung soll kurz bevorstehen
Kommt HSV-Talent Arp sofort zum FC Bayern? Entscheidung soll kurz bevorstehen
Vertrackte Lage: Lewandowski vor schwerster Phase seiner Karriere
Vertrackte Lage: Lewandowski vor schwerster Phase seiner Karriere

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.